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Empörung über die Ausfälle Sarrazins

Massive Kritik an Interview mit Zeitschrift »Lettre International« des Ex-Berliner Finanzsenators und Bundesbankmanagers

  • Von Martin Kröger, Berlin
  • Lesedauer: 3 Min.
Mit seinen jüngsten Äußerungen zu Migranten und Einkommenschwachen in der Hauptstadt hat der Bundesbankmanager Thilo Sarrazin, der zuvor viele Jahre als Finanzsenator in Berlin tätig war, endgültig die Grenze zur sozialen Diskriminierung überschritten. Migrantenorganisationen und linke Politiker zeigen sich zu Recht empört.
Thilo Sarrazin ND-Foto:Burkhard Lange
Thilo Sarrazin ND-Foto:Burkhard Lange

In der Bundeshauptstadt ist man vom ehemaligen Finanzsenator Thilo Sarrazin einiges an Ausfällen gewohnt. Ob gegen ALG II-Empfänger, Lehrer oder Schüler – viele bekamen in den vergangenen Jahren die Arroganz des SPD-Politikers zu spüren. Einmal empfahl er das Tragen »dicker Pullover«, um Energiekosten zu sparen, beim nächsten Mal versuchte er mit einem »Speiseplan« nachzuweisen, dass man von ALG II prima am Tag essen könne. Seit fünf Monaten war allerdings Ruhe. Endlich, so atmeten viele in Berlin auf, denn der umstrittene Finanzsenator wechselte im Mai in den Vorstand der Bundesbank. Trotz seiner Verdienste für die Haushaltskonsolidierung der klammen Hauptstadt weinte ihm kaum jemand eine Träne nach.

Mit den jüngsten Tiraden gegen Migranten und die »deutsche Unterschicht« hat Sarrazin allerdings die Grenze zur sozialen Diskriminierung einmal mehr überschritten. Denn in einem fünfseitigen Interview zu seiner persönlichen Sicht auf Berlin diktierte Sarrazin den Journalisten der Zeitschrift »Lettre International« unter anderem in die Blöcke: »Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel.« Und: Da Berlin eher »plebejisch und kleinbürgerlich« sei, werde sich keine Perspektive entwickeln. An seiner eigenen Perspektive für die genannten Personengruppen ließ der wohlsituierte Bundesbankmanager indes keinen Zweifel: »Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen.«

Organisationen der türkischen Community in Berlin zeigten sich empört. »Das ist unerhört«, sagte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat. »Sarrazin schießt häufig über das Ziel hinaus und macht sich keine Gedanken über die Auswirkungen seiner Aussagen.« Kolat fordert eine Entschuldigung. Türkische Unternehmer verwiesen dagegen auf die Erfolgsstory vieler migrantischer Betriebe, weshalb die Aussagen »inhaltlich völliger Quatsch« seien.

Für die Abgeordnete der Linkspartei im Berliner Abgeordnetenhaus Evrim Baba sind die Ausfälle Sarrazins gegen Minderheiten und Benachteiligte jedoch nicht nur das Produkt einer gedankenlosen »Lästerei«, sondern die wiederholte Betätigung »als geistiger Brandstifter auf dem Gebiet der Sozialpolitik«. Auch die Grünen kritisierten den »rassistischen Angriff auf Migranten«.

Aufgeschreckt durch das mediale Interesse distanzierte sich die Bundesbank in ungewöhnlich scharfer Form: »Das Interview steht in keinerlei Zusammenhang mit den Aufgaben von Dr. Sarrazin bei der Bundesbank.« Dass Distanzierungen bei ihm keinen Lerneffekt zeigen, kennt man in Berlin indes zur Genüge. Auch das Muster, sich für die Provokationen zu entschuldigen. Genau wie es Sarrazin gestern am späten Nachmittag gegenüber den Türken via der »Süddeutschen Zeitung« machte. Dennoch wird er seine Mission, angeblich unbequeme Wahrheiten aussprechen zu müssen, fortsetzen – er wird weiter zündeln.

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