Werbung

Rationierung bei Krebsarznei?

Mediziner fordern: Innovationen müssen für alle zugänglich bleiben

Vor der Gefahr einer zunehmenden Unter- und Fehlversorgung älterer Tumorpatienten hat die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) anlässlich der bis Dienstag in Mannheim laufenden gemeinsamen Jahrestagung mit ihren österreichischen und Schweizer Kollegen hingewiesen. Infolge der demografischen Entwicklung werde der Kostendruck erheblich zunehmen, so dass die Versorgung Krebskranker mit teuren Innovationen nicht mehr zu hundert Prozent zu gewährleisten sei.

Immer wieder gibt es Hoffnung beim Kampf gegen Krebs. So stellte vor wenigen Tagen das Berliner Unternehmen Epigenomics beim Europäischen Krebskongress einen von ihm entwickelten ersten Bluttest für Darmkrebs vor. Er könnte einen Durchbruch bei der Früherkennung dieses mit jährlich über 60 000 Neuerkrankungen und ca. 30 000 Todesfällen häufigsten bösartigen Tumors bringen. Dann könnte die von Ärzten und Krankenkassen ab dem 50. Lebensjahr empfohlene, als belastend empfundene Darmspiegelung überflüssig sein. Die Vorsorgerate von derzeit 30 Prozent könnte wesentlich erhöht werden, zumal die Kosten von derzeit rund 150 Euro niedriger als die einer Koloskopie sind. Der Nachteil: Vorerst steht der Test nur Privatversicherten und Selbstzahlern zur Verfügung.

Dabei ist die Früherkennung von Krebs nicht nur für Betroffene, sondern auch für das Gesundheitswesen eine Überlebensfrage. Das Statistische Bundesamt erwartet bis 2050 eine Zunahme der jährlichen Neuerkrankungen um rund 45 Prozent. Bei 80- bis 85-jährigen Frauen könnten sich die Fallzahlen fast verdoppeln und bei gleichaltrigen Männern sogar verdreifachen.

Seit den 1960er Jahren haben sich die Therapiemöglichkeiten enorm verbessert. Die Zahl der in Deutschland verfügbaren Krebsmedikamente stieg von 5 auf 45 im Jahr 2008. Über 200 weitere sind in der Entwicklung. Effektiver sind heute chirurgische Eingriffe und Strahlentherapien. All das hat bei Darmkrebs von 1995 bis 2005 die durchschnittliche Überlebenszeit von 10 bis 12 auf mehr als 22 Monate erhöht; auch die Heilungschancen sogar bei Patienten mit Metastasen in der Leber sind erheblich größer. Zugleich explodierten die Kosten: So schlagen bei einer 25-monatigen Darmkrebstherapie nach neuestem Stand allein die Arzneimittel mit bis zu 200 000 Euro zu Buche.

»Die Beschleunigung des pharmakologischen Fortschritts führt dazu, dass die Schere zwischen den Möglichkeiten der Behandlung und den ökonomischen Ressourcen immer weiter auseinandergeht«, konstatierte DGHO-Vorsitzender Dr. Friedrich Overkamp. Knappheit führe zur Gefahr der Rationierung. Daher werde die Bestimmung des zusätzlichen Nutzens teurer Medikamente wichtiger. »Schon heute werden ältere Krebspatienten deutlich seltener mit hochwirksamen, teuren Arzneien versorgt«, kritisierte Klinikdirektor Prof. Dr. Gerhard Ehninger. So erhielten an chronischer Leukämie erkrankte Patienten über 60 nur noch zu zwei Dritteln lebensverlängernde Medikamente, von den über 70-Jährigen nicht mal die Hälfte. Das sei »inakzeptabel«. Die Arbeitsgemeinschaft Gesundheitsökonomie der Deutschen Krebsgesellschaft plädiert deshalb dafür, durch unabhängige Studien den Nutzen neuer Medikamente zu ermitteln, den Herstellern nicht jeden geforderten Preis zu erstatten und die Therapien unter Kosten-Nutzen-Abwägung zu optimieren.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln