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  • Vor 60 Jahren: Gründung der DDR

Versäumte Chancen

Wie kritische Geister der Macht unterlagen

  • Von Siegfried Prokop
  • Lesedauer: 4 Min.

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Hätte sich die SED-Führung dem schöpferischen, kritischen Denken gegenüber aufgeschlossen verhalten, wäre es schon damals möglich gewesen, den Bruch mit dem Stalinismus zu vollziehen.

Unbestritten stellte die Zeit nach dem XX. Parteitag der KPdSU auch für die DDR eine große Chance dar, mit dem Konzept des sowjetisch geprägten autoritären Sozialismus zu brechen und stattdessen dem demokratischen Sozialismus den Weg zu bahnen. Der Literaturwissenschaftler und Querdenker Hans Mayer schrieb: »Zeitweilig glaubten wir, es gab eine reale Chance. Die Situation mit Ulbricht konnte nicht dauern. Dass 1956, in der Periode des sogenannten Tauwetters, eine Mannschaft aus Kadern der Partei, der anderen Organisationen und der übrigen Bevölkerung bereitstand, um das Ulbricht-System zu stürzen, ist sicher.« Mayers Bewertung wird man kaum widersprechen können.

Es gab 1956 nicht nur unter den Intellektuellen des Kulturbundes eine alternative Programmatik, die in Texten von Walter Janka und Gustav Just sowie in Wolfgang Harichs »Memorandum« und »Plattform« gipfelte; dieser Ansatz war auch mit Karl Schirdewan im Politbüro und in Regierungskreisen feststellbar. Selbst Otto Grotewohl ging davon aus, dass nach dem XX. Parteitag der KPdSU das Ziel im Aufbau eines »westlichen Sozialismus« bestünde. Das theoretische Denken erlebte in der DDR einen Aufschwung wie in keinem anderen Land.

Auf Initiative von Ernst Bloch, Wolfgang Harich und Georg Klaus fand vom 8. bis 10. März 1956 an der Akademie der Wissenschaften die Konferenz »Das Problem der Freiheit im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus« statt. Dieser erste Versuch einer philosophischen Neubestimmung der internationalen Linken nach Stalins Tod führte Ernst Fischer, Roger Garaudy, Leszek Kolakowski, Ernst Bloch, Hermann Duncker, Friedrich-Karl Kaul, Rudolf Schottlaender und Kurt Hager mit den Konferenz-Initiatoren zusammen. Der ebenfalls eingeladene Georg Lukács konnte nicht teilnehmen. Harich, der eine »marxistische Anthropologie« verlangte, sprach über »Das Rationelle in Kants Konzeption der Freiheit«. Dieser erste Versuch einer theoretischen Neubestimmung sollte zugleich die letztmalige Begegnung eines so erlauchten Gremiums linker Denker in der DDR werden.

Hätte sich die SED-Führung diesem schöpferisch-kritischen Denken gegenüber aufgeschlossen verhalten, wäre es schon damals möglich gewesen, den Bruch mit dem Stalinismus zu vollziehen. Doch der im Ergebnis der sowjetischen Intervention in Ungarn möglich gewordene Sieg Ulbrichts über seine innerparteilichen Kritiker führte zur rigorosen Abrechnung mit den unbequemen Geistern Bloch, Harich, Janka und Just. Die nach Chruschtschows halbherziger Kritik am Personenkult um Stalin 1956 kaum in Gang gesetzte Rückkopplung zwischen Theorie und Politik kam nun wiederum ins Stocken, alte Dogmen blieben letztlich unangetastet. Ulbricht war allerdings zu klug, diese Rückkopplung vollends zu unterbinden. Mit der 1957 vollzogenen Gründung des Forschungsrates der DDR kanalisierte er sie auf das weite Feld der Naturwissenschaft und Technik. Außerdem bemühte er sich, Elemente der Harichschen Plattform trotz deren öffentlicher Verunglimpfung als »konterrevolutionär« in seine Politik einzubauen, in sein Konzept des »realen Sozialismus«.

In Politik, Gesellschaft und Staat beförderte Ulbricht jedoch auch angesichts der erneuten Krise von 1960/61 die parteipolitische Zentralisierung. Als kurzzeitiges Krisenmanagement hätte dies gewiss Sinn gemacht, wenn sodann der notwendige gesellschaftliche Modernisierungsschritt nicht blockiert worden wäre, den nun Robert Havemann mit Demokratisierung als den wichtigen zweiten Schritt der Revolution einforderte. Wir wissen, dass trotz der beachtlichen Reformfähigkeit, die das Neue Ökonomische System beinhaltete, es zu keinem Fortschritt bei der Reform des politischen Systems kam. Man kam hier über Ansätze wie die These des VI. Parteitages der SED vom »Übergang von der Diktatur des Proletariats zum Staat des Volkes« sowie den Mitgliederzulauf zur CDU, DBD, LDPD und NDPD Mitte der 60er Jahre nicht hinaus. Obwohl Ulbricht selbst mit der Aufnahme der Kybernetik in die Gesellschaftstheorie der SED 1967 vorsichtig zu erkennen gab, dass ihm die alten ML-Dogmen als Führungsinstrumentarium nicht mehr genügten. Doch das Pendel schlug in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zu Gunsten der reformfeindlichen Honecker-Gruppe im Politbüro aus, die sich nach Chruschtschows Sturz auf die Breshnew-Administration in Moskau stützen konnte.

Nach der militärischen Intervention zur Zerschlagung des Prager Frühlings entschied sich die Niederlage der kritischen Theorie gegenüber der Politik. Die DDR bewegte sich nach 1968 wie andere osteuropäische Länder Schritt für Schritt und blindlings sicher auf den Untergang zu. Honecker ging mit dem Reform-Potenzial in der SED ähnlich rigide um wie Ulbricht 1956/57. Die Kritik Wolf Biermanns, Rudolf Bahros und Hermann von Bergs wurde abgeblockt; Biermann ausgewiesen, Bahro eingesperrt und von Berg erst eingesperrt, dann beruflich kaltgestellt und schließlich aus dem Land hinaus »komplimentiert«.

Der Ökonom Fritz Behrens musste seine höchst aufschlussreichen Studien versteckt halten. Gerade seine Analysen, die erst nach der Wende publiziert werden konnten (»Abschied von der sozialen Utopie«, Berlin 1992), verdeutlichen, in welchem Maße der »reale Sozialismus« als »linker Staatsmonopolismus« in die historische Sackgasse geraten war. Dies erkennend, hatte Behrens eindringlich systemtranszendente Reformen angemahnt. Doch auch dieser Intellektuelle ward nicht erhört worden.

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