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1968 aus globaler Perspektive

Ein Tagungsband, der auch ein Jahr nach dem Jubiläum lesenswert ist

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Noch ein Buch zum 40. Jubiläum von »1968«? Und das ein Jahr nach dem Abflauen der dazugehörigen medialen Offensive? Ja, noch ein Buch und ein lesenswertes dazu. Die 44. Konferenz der Internationalen Tagung der HistorikerInnen der Arbeiterbewegung und anderer sozialer Bewegungen (ITH) hatte im September 2008 in Linz einen Blick auf die Protestbewegungen der 1968er aus globaler Perspektive unternommen. Die Konferenz war Teil eines dreijährigen Konferenzzyklus, der sich einer Erneuerung der Arbeitergeschichte unter globalen Vorzeichen widmete.

Der nun erschienene Tagungsband enthält zwölf Beiträge, davon vier in englischer Sprache. Die Einleitung definiert »1968« als Zeitraum eng, sie geht davon aus, dass »1968« schon Ende 1969 zu Ende war. Als strukturelle Ursachen für die Revolte werden steigender Wohlstand und die Bildungsexpansion benannt. Die antiautoritäre Forderung nach Freiheit und Selbstverwaltung sei gemeinsame Orientierung der weltweiten Proteste gewesen.

Der Band berichtet von Themen und aus Regionen, die im Jubiläumsjahr wenig thematisiert worden sind. Kees van der Pijl (Universität Sussex) beschreibt den Neoliberalismus als (Gegen-)Reaktion auf die Revolten der 60er Jahre. Er habe im globalen Norden die »Wieder-Inwertsetzung« der in der Revolte auf den Plan getretenen rebellischen Subjektivität betrieben. Als heutiges Erbe von »1968« sieht er die »Globalisierungsbewegung« an, die durch das Internet die erste wirklich internationale Bewegung sei. Die in der Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung engagierten Menschen würden Politik als integralen Bestandteil ihres Lebens ansehen, während die »68er« noch auf eine politische Analyse des Lebens beschränkt gewesen seien.

Der Wiener Historiker David Mayer weist auf das enorme Selbstbewusstsein der sogenannten »3. Welt« in jenem Zeitraum hin. Er vertritt sogar die These, dass das »Zentrum von 1968« nicht im globalen Norden, sondern in Mittel- und Lateinamerika anzusiedeln sei. Andere Beiträge widmen sich Europa und seinen globalen Verflechtungen. Paul-Benedikt Glatz (Berlin) berichtet von den Protesten amerikanischer Soldaten gegen den Vietnam-Krieg und über die Aktivitäten der Solidaritätsbewegung. Boris Kanzleiter (Belgrad) berichtet von den Problemen und Widersprüchen der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien, Devi Sacchetto (Padua) über die Kooperation zwischen Arbeitern und Intellektuellen in Norditalien. Ilse Lenz (Bochum) weist in ihrem organisationsgeschichtlichen Beitrag zur »Neuen Frauenbewegung und 1968 im Vergleich zwischen Japan und der BRD« darauf hin, dass die neue, zweite Frauenbewegung viele Ansätze »der 1968er« erweitert, konkretisiert und umgesetzt hat. Ab 1972 seien Frauen ihrem »widersprüchlichen Ausschluss« aus der Studentenbewegung mit dem Aufbau eigener Strukturen begegnet.

Nach der Lektüre der 200 Seiten könnte weitergehend gefragt werden, ob nicht die Bedeutung von »1968« vor allem in der Wirkung auf diejenigen bestand, die nicht an grundlegenden Veränderungen interessiert waren und doch gleichzeitig die Transformation der Gesellschaft durch ihr Engagement mit prägten.

Ebbinghaus/Henninger/van der Linden (Hrsg.): 1968. Ein Blick auf die Protestbewegungen 40 Jahre danach aus globaler Perspektive; Akademische Verlagsanstalt Leipzig 2009, 227 S., 25 €.

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