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Der Bart ist ab

Die 500. Premiere im Theater an der Parkaue: »Schneeweißchen und Rosenrot«

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Grimm-Magie hinter Masken
Grimm-Magie hinter Masken

Das Märchen der Brüder Grimm ist im Original derart brav, dass es heute jeden zu Zuspitzungen herausfordern muss, der es auf die Bühne bringt. In der Fassung von Wolf Bunge und Karola Marsch im Theater an der Parkaue zeigen die Märchenfiguren sofort, dass sie keineswegs immer ohne Fehl und Tadel sind. Da kommt schon mal ein »Nö!«, wenn es ums Abwaschen oder Aufräumen geht. Kinder als immer folgsam und ohne Widerspruch darzustellen – der Bart ist ab.

Der Vorhang ist offen, wenn die Kinder in den großen Saal kommen. Einen Winterwald mit einer kleinen Hütte haben sie im originellen Bühnenbild von Angelika Wedde vor sich. Sie wissen schon, wer in dem kleinen Haus wohnt – »Schneeweißchen und Rosenrot«. Die Hütte dreht sich wie ein Hexenhaus und ist zur Zuschauerseite offen. Da sitzen sie, die beiden Mädchen mit ihrer Mutter, die zugleich Märchenerzählerin ist. Helmut Geffke als Mutter, Birgit Berthold als Rosenrot und Lutz Dechant als Schneeweißchen? Die Besetzung ließ Überraschungen erwarten. Das waren dann die unbemalten weißen Masken, die alle tragen. Für die jungen Zuschauer ist nicht wichtig, ob sich Mann oder Frau dahinter verbergen, denn die Schauspieler bewegen sich jugendlich und mädchenhaft. Übermütig auch.

Es rappelt in der Kiste, als der Bär als »Untermieter« für den Winter einzieht. Wenn Schneeweißchen und Rosenrot mit ihm toben, sieht es aus, als drohe die Hütte auseinander zu fallen wie eine alte Kiste. In der Rolle des fiesen Zwergs hat Niels Heuser die Ehre, von den Kindern sofort verachtet zu werden. Saxofon spielend macht er Rabatz im Märchenwald. Geld ist alles, was den Zwerg interessiert. Viele Synonyme kennt er dafür – Kohle, Knete usw. Seine Geräuschkulisse nennt er seine Stille. Und dann gibt es noch seinen Bart, seine Markenklamotten, sein Dies und sein Das.

Bunge hat im Stück noch mehr aktuelle Bezüge. Beispielsweise lässt er die Mutter die beiden Mädchen bei ihrem Ausflug zum Markt in der Stadt keineswegs vor wilden Tieren warnen, sondern vor Radfahrern. Ansonsten hält er sich gut an den Grimmschen Text. Wie im Originalmärchen helfen die beiden Mädchen dem Zwerg drei Mal aus der Klemme. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Bart, das beste Stück, klemmt jedes Mal irgendwo fest. Am Ende ist er ab, der Bart. Und der Bär sorgt bei Blitz und Donner dafür, dass der Zwerg seine Strafe bekommt.

Dann fällt auch von ihm der Zauber ab. Eckhard Doblies wird zu Prinz Ludwig. Er verzieht sich zu seiner Verlobten aufs Schloss. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wundern sich Schneeweißchen und Rosenrot heute noch, warum er nicht eine von ihnen geheiratet hat. So bricht das Stück unvermittelt ab. Denn seit wann lässt man denn die Guten im Märchen einfach so stehen und geht ohne sie feiern?

Tosenden Beifall gab es trotzdem von den Kindern ab fünf Jahren, die diese 500. Premiere seit Gründung des Hauses an der Parkaue erlebten. Vor 60 Jahren wurde an diesem Lichtenberger Ort auf Befehl Nr. 65 der sowjetischen Militäradministration verfügt, dass die höhere Knabenschule für kulturelle Zwecke genutzt werden könne. Es entstand das Theater der Freundschaft, das bis 1991 seinen Namen behielt. Seine bekannteste Intendantin war Ilse Weintraut-Rodenberg. Unter der Leitung von Manuel Schöbel hieß es dann bis 2004 Carrousel Theater. Den Namen konnten zwar weder die Kinder noch Politiker oder Theaterkritiker richtig schreiben. Dennoch kämpften sie gemeinsam mit Freunden und Förderern des Theaters 2004 um den Erhalt des Hauses, als die Fraktion der SPD im parlamentarischen Haushaltsausschuss die Idee verfolgte, die jährlichen Zuschüsse zu halbieren und damit den Kulturort zu balbieren.

Der hartnäckig betriebene Protest auch Kulturschaffender aus Berlin Ost und West ließ die finanziellen Kürzungspläne sterben. 2005 übernahm Intendant Kay Wuschek das Theater mit den drei Bühnen. Seither heißt es Theater an der Parkaue und bekam als größtes Theater für junge Menschen in Deutschland inzwischen den Beinamen Junges Staatstheater Berlin.

»Schneeweißchen und Rosenrot«: 9.10. u. 11.10., 10 Uhr, weiter ab 4.11., Theater an der Parkaue, Parkaue 29, Lichtenberg, Tel.: 55 775 252, www.parkaue.de

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