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  • Reportage - Kilimandscharo

Drei Anläufe auf Afrikas höchsten Berg

Vor 120 Jahren: Ein Leipziger steht als Erster auf dem Gipfel des Kilimandscharo

Während der großen Regenzeit im April des Jahres 1887 liegt der 29-jährige Forschungsreisende Dr. Hans Meyer, aus der bekannten Lexikonverlegerfamilie stammend, mit schweren Fieberanfällen im Spital der Stadt Sansibar. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, beginnt der genesende Malaria-Patient mit den Vorbereitungen einer Expedition zum noch weitgehend unerforschten und unbezwungenen Kilimandscharo.

Mitte Mai trifft auch der Kolonialeroberer Dr. Carl Peters in Sansibar ein. Er hatte 1884 durch betrügerische Verträge mit afrikanischen Häuptlingen das Kerngebiet der entstehenden Kolonie Deutsch-Ostafrika »erworben«, zu der auch der Kilimandscharo gehört. Als Generalvertreter der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG) hat Peters einen Stab von 25 Beamten mitgebracht, die das zusammengeraubte »Petersland« erweitern und eine profitable Überseebesitzung aufbauen sollen. Unter den Neuankömmlingen findet Hans Meyer einen Begleiter für sein Kilimandscharo-Unternehmen: Ernst Albrecht von Eberstein, ehemaliger Offizier und erst seit Kurzem im DOAG-Dienst.

Schnee weckt Staunen und Misstrauen

Am 6. Juni lässt Meyer seine fast 100 Mann starke Trägerkarawane aufs Festland übersetzen. Von Mombasa aus durchqueren die Reisenden die damals britische Interessensphäre (heute Kenia) und erreichen am 27. Juni 1887 das Kilimandscharo-Vorland. Dort treffen sie die Expedition des ungarischen Grafen Samuel Teleki von Szek, der eine Jagd- und Forschungsreise macht. Er ist gerade vom Kilimandscharo zurückgekehrt, wo er auf 5310 Meter aufgestiegen sein will. Aufgesprungene blutende Lippen und ein übergroßes Schlafbedürfnis veranlassten den Grafen in dieser Höhe, die Meyer bald auf 4800 Meter relativieren wird, zur Aufgabe. Teleki empfiehlt den Deutschen jedoch seine Route.

So gehen Meyer und Eberstein auch in den Chagga-Kleinstaat Marangu am Südosthang des Massivs, wo Häuptling Mareale sie freundlich empfängt. Die Chagga sind ein Bauernvolk im Kilimandscharo-Vorland. Hans Meyer macht seinem Gastgeber die üblichen billigen Geschenke und nimmt drei Tage später den Aufstieg in Angriff. Nebel und Niesel machen das Passieren des Urwaldgürtels zwischen 1800 und 3000 Meter Höhe zu einer Schlamm- und Rutschpartie.

Am 9. Juli brechen Meyer, Eberstein und acht Freiwillige oberhalb des Waldgürtels in Richtung des Sattels zwischen den beiden Gipfeln Kibo und Mawenzi auf. Noch unterhalb des Plateaus finden sie einen ersten Schneefleck, der in fast 4000 Meter Höhe eine Quelle umgibt. Für die afrikanischen Küstenbewohner ist der erste Schnee »ein Gegenstand des Staunens und Misstrauens«. Durch Verzehren beweist Meyer ihnen, wie harmlos der weiße Zauber ist.

Am nächsten Tag steht Meyers Zelt bereits auf 4340 Meter Höhe am freien Ostfuß des Kibo-Kegels. »All mein Sinnen war gefesselt von der überwältigenden Schönheit der grandiosen Berglandschaft«, schreibt der Leipziger, der die Trägerkarawane zurückschickt. Am frühen Morgen des 11. Juli zeigt das Thermometer 11 Grad minus. Die Nacht im zugigen Baumwollzelt war eine Qual. Nur ein Bissen Schokolade und ein Schluck Kognak – dann geht es los. Meyer und Eberstein überschreiten ohne Mühe Telekis Umkehrpunkt. Den gletscherbedeckten Oberrand des Berges sehen sie in aller Deutlichkeit – und mit größter Zuversicht. Doch dann kommt Nebel auf. Temperatur und Stimmung sinken. Es fängt an zu graupeln. Eberstein fällt und bleibt erschöpft zurück. Er ermittelt seine Höhe: 5200 Meter. Sein Chef kämpft weiter. Er schafft es noch 250 Meter höher. Um Meyer herum liegen Eisbrocken, vor ihm eine steile Eiswand, 40 Meter hoch, unüberwindlich ohne Hilfsmittel! Mit dem Höhenrekord am Kibo und dem Nachweis seiner kompakten Eisbedeckung kehrt die Mannschaft zurück. Meyer will neues Geld von zu Hause holen, denn er hat den Kilimandscharo längst zu »seinem« Berg gemacht.

Ein Jahr später bricht er mit größerer Karawane erneut auf. 30 000 Goldmark kostet ihn das zweite Ostafrika-Unternehmen. Ein Vermögen selbst für einen wohlhabenden Verleger. Doch er wird es in den Sand setzen, ohne seinen Berg zu erreichen.

Im Juli 1888 treffen Meyer und sein neuer Partner Dr. Oscar Baumann aus Wien in Sansibar ein. Ende August marschieren sie vom »deutschen« Festlandhafen Pangani aus mit einer 230-Mann-Truppe Richtung Kilimandscharo. Nur wissen sie nicht, dass sie direkt in den beginnenden Aufstand der Küstenbevölkerung (1888/89) hineinlaufen, der sich gegen die Herrschaftsansprüche der DOAG richtet. An den Usambara-Bergen lässt Aufstandsführer Bushiri bin Salim die Wissenschaftler gefangen nehmen. Sie werden ausgeraubt und in Ketten gelegt. Nur durch hohes Lösegeld kann Meyer ihre Freiheit erkaufen.

»Da tat sich vor uns die Erde auf«

Auch ein Jahr später sind die Routen zum Kilimandscharo wegen des Aufstands noch unsicher. Deshalb entscheidet sich Meyer im September 1889 bei seiner dritten Expedition wieder für den Marsch durch britisches Gebiet. Dieses Mal begleitet vom Salzburger Sportlehrer Ludwig Purtscheller, erreicht er die Residenz des Moshi-Häutlings Mandara oberhalb der heutigen Regionshauptstadt Moshi. Mit diesem Chagga-Fürsten hatte DOAG-Emissär Carl Jühlke, ein Freund des Dr. Peters, vier Jahre zuvor den Vertrag seines Lebens geschlossen – ein Pappenstiel für ein Königreich. Mit lächerlichen Geschenken – Kleidungsstücke, Stoff, Glasperlen, zwei Flinten, Munition, 30 Messer, Kupfer- und Eisendraht – gaunerte der Jurist dem Feudalherrscher das Chagga-Land »auf alle Zeiten« zur privatrechtlichen Ausbeutung durch seine Gesellschaft ab. Im kolonialen »Rechtsverständnis« war der Kilimandscharo durch den Jühlke-Mandara-Vertrag unter deutsche Oberhoheit gekommen und »Deutschlands höchster Berg« geworden.

Als Forscher und Bergsteiger von Mandaras Hof aus den scheinbar nahen Kibo-Gipfel erblicken, ist ihnen klar: Auf die schroffe Südflanke mit ihren gleißenden Gletschern dürfen sie sich nicht einlassen. Deshalb wählt Meyer als Ausgangspunkt wieder den benachbarten Chagga-Staat Marangu für den Aufstieg zum Sattel zwischen den beiden Hauptgipfeln. Unterstützt durch seinen alten Freund, Häuptling Mareale von Marangu, legt er bis hinauf zur Basis des Kibo Zwischenlager an, die durch Läuferdienste versorgt werden. Am oberen Ende dieser Kette – 4330 Meter hoch – biwakieren nur die beiden Europäer und ihr afrikanischer Koch und Gehilfe Muini Amani.

Am 3. Oktober 1889, lange vor Sonnenaufgang, gehen Meyer und Purtscheller den Kibo von Südosten an. Über Lavablöcke, Schutthalden, Klüfte und Löcher kämpfen sie sich in dünner Luft – oft mehr rutschend als steigend – aufwärts, »bis wir endlich um 9 Uhr 50 Minuten an der unteren Grenze des geschlossenen Kibo-Eises in 5480 m Höhe anlangten«. Dort, wo Meyer 1887 umgekehrt war, beginnt die schwierigste Arbeit. In das harte Eis müssen Stufen gehauen werden. Meyer nennt den ersten Gletscher, den sie überqueren, nach einem Freund »Ratzel-Gletscher«. Allmählich wird die Oberfläche des 60 bis 70 Meter dicken Eispanzers immer furchiger. Elf Stunden schwerster Steigarbeit liegen hinter den Männern. »Endlich, gegen zwei Uhr«, berichtet Meyer, »näherten wir uns dem höchsten Rand. Noch ein halbes Hundert mühevoller Schritte in äußerst gespannter Erwartung, da tat sich vor uns die Erde auf, das Geheimnis des Kibo lag entschleiert vor uns: Den ganzen oberen Kibo einnehmend, öffnete sich in jähen Abstürzen ein riesiger Krater. Diese längst erhoffte und mit allen Kräften erstrebte Entdeckung war mit so elementarer Plötzlichkeit eingetreten, daß sie tief erschütternd auf mich wirkte ... Die von vielen Seiten angezweifelte Existenz eines Kraters auf dem Kibogipfel war nachgewie- sen ..., der Weg zum Oberrand des Berges war gefunden, die Höhe von 5870 Metern erklommen.«

Aber den höc lhsten Punkt, der auf dem südlichen Kraterrand liegt, erreichen sie an jenem 3. Oktober 1889 nicht mehr, denn eine Übernachtung in dieser Höhe hätte ihren Erfrierungstod bedeutet. Am frühen Nachmittag beginnen sie den Abstieg über das steile Eis. Es ist schon dunkel, als sie an Muinis Feuerstelle stolpern.

5. Oktober 1889: neuerlicher Aufstieg. Muini Amani schleppt Decken, Schlafsäcke und Proviant. In 4560 Meter Höhe finden sie vor Einbruch der Nacht eine Lavahöhle, in der sie bei minus 12 Grad biwakieren und am 6. Oktober früh um drei Uhr ohne Muini aufbrechen. Nach Sonnenaufgang stehen sie an den drei Tage zuvor in den Gletscher gehauenen Stufen und sind bald danach wieder am Kraterrand – früh genug, um weitere anderthalb Stunden nach Südwesten zu gehen. Dann erreichen sie Afrikas höchsten Punkt. Dazu Hans Meyer: »Um 1/2 11 Uhr betrat ich als erster die Mittelspitze. Ich pflanzte auf dem verwetterten Lavagipfel mit dreimaligem, von Herrn Purtscheller kräftig sekundiertem Hurra eine kleine, im Rucksack mitgetragene deutsche Fahne auf ...« Dann – ganz im Verständnis der Zeit: »Mit dem Recht des ersten Ersteigers taufe ich diese bisher unbekannte, namenlose Spitze des Kibo, den höchsten Punkt afrikanischer und deutscher Erde: ›Kaiser-Wilhelm-Spitze‹.«

Das koloniale Gipfeletikett ist längst getilgt. Seit 1961 – nach 43-jähriger britischer Herrschaft – das unabhängige Tanganjika (heute Tansania) ausgerufen wurde, heißt der höchste Punkt afrikanischer Erde »Uhuru Peak«, Freiheitsspitze. Nach neuesten Messungen ist der afrikanische Riese allerdings nicht mehr 5895 Meter, sondern »nur« 5892 Meter hoch.

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