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In seinem Buch über die Freundschaft von Goethe und Schiller fragt Rüdiger Safranski nach Freiheit und Frieden

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 8 Min.

Entfernung schafft schmale Grate. Wer von etwas weggeht, setzt sich dem Glück wie den Gefahren der Distanz aus. Schnell werden wir ungerecht, wenn wir von weit oben, von weit her auf die Dinge blicken – weil der eigenen Überhöhung und Abgewandtheit nun eine Macht gegeben ist, welche die zurückliegenden Zeiten zusammenschnurren und Räume abstrakt werden lässt, Menschen klein macht und Schicksale zur Blässe entfärbt. Wir sind plötzlich unbeteiligt, unbehelligt – das aber eben nicht nur auf jene angeführt ungerechte, kalte, sondern freilich auch auf anregende Weise. Denn der Unbeteiligte sieht genauer, der Unbehelligte wird nicht mehr erreicht von der Tücke unmittelbar wirksamer Kräfte, die jedem Leben, darin man verwickelt ist, das Durchschaubare nehmen.

Nähe zu Ereignissen, Distanz zu Ereignissen: merkwürdige Wesen, verquickt miteinander, und wo der Grat zwischen Nahegebliebenem und Ferngewordenem am schmalsten ist, dort liegt jene Quelle, aus der Erzählung fließt, das schöne Weitersagen – im Belegbaren doch das freie Fabulieren. Urgrund für literarische Biografien.

Rüdiger Safranski, zuletzt Autor einer preisgekrönten Schiller-Biografie und einer Biografie des deutschen romantischen Zeitalters, schrieb nun das Porträt einer epochal eingreifenden Freundschaft: Goethe und Schiller.

Weimarischer Weltgeist als gesamtdeutscher Glücksfall. Es fanden sich der Mann des sorglichen Bedenkens und der Spund der sprühenden Ideen. Adel der Erfahrung trat zum Bürgersinn der Proklamation. Goethe, der Moderator im Dienste der Natur, und Schiller, der nichts so sehr hasste wie natürliche Grenzen, auch die aus eigenem Fleisch und Blut. Er erklärte den Willen zum Herrscher über den Körper, wo Goethe wusste, dass dieser Wille oft genug nur das Organ einer eingebildeten Freiheit ist. Und irrwitzigerweise erweist sich Goethe, der so wenig aufs Robuste setzt – als der Robustere; Schiller aber, der Kämpfer gegen alles Weichteilige, ist beständig angegriffen, kann oft nur nachts arbeiten, muss mitunter Besuche verweigern, bekommt aber vom Freunde einen Braten geschickt.

Die Reise des Buches: das lange Vorher dieser Freundschaft, das Umlauern, das Sehnen nach Bekanntschaft (Schillers Sehnen vor allem), die übermächtig drohende Gefahr, einander zu verfehlen, schließlich die glückhafte Begegnung 1794 in Jena (die Elite-Zeitschrift »Horen«, eine Art »Sinn und Form« wider das Gewöhnliche der beginnenden Meinungsindustrie, soll herausgegeben werden), und dann der Blitzschlag der währenden Partnerschaft, der Schwung des doppelten Geistes. Das berauschende Schauspiel dieser einmaligen Beziehung; eine fortwährende Streitfeier ins gemeinsam Produktive hinein, langsam gewachsen aus dem, was Safranski als erzählerischen Unterboden legt: Misstrauen, Vereinnahmungsfurcht, naturelle und soziale Klüfte. Bei Schiller Zorn gegen den Privilegierten, bei Goethe Eifersucht wider den so feurig Konkurrierenden.

Das Buch zitiert vorrangig aus dem Briefwechsel, es erzählt vom wunderbar harmonischen Schreiben der »Xenien«, das höfische Weimar scheint auf, auch das unanständige Stürmerische und Drängerische, da man den Wein aus Graburnen soff als Nachspülung fürs rohe Pferdefleisch zwischen den Zähnen. Das war Goethes frühe Zeit in Weimar, man denkt an manchen 68er.

Safranskis Buch ist hinter allem Weimarer Leben, das es einfühlsam und spannend, mit Sinn und Maß auch für anekdotischen Schmuck schildert, fast ein Märchen: Zweie ziehen durch die ganze Welt ihrer dichterischen reflektorischen Weiten, mit großen, letzten, ersten Fragen und den poetischen Antworten darauf. Antworten – Stücke, Verse, Schriften –, die uns Heutigen schönste Rätsel wurden, von denen keines seine Lösung gesteht. Das ist es, was Poesie von aller anderen Wortwerdung unterscheidet.

Ein Buch über die Friedenspraxis polarer Kräfte. Aus dem Einzelfall Goethe-Schiller hinaus ins Gesellschaftliche gefragt: Wie trägt man große geistige Gegensätze als Zuarbeit für eine wirklich geistvolle gesellschaftliche Atmosphäre aus? Wie beflügeln, wie zähmen einander der rebellische und der ausgleichende Gedanke, wie suchen und vertragen sich überschäumender Rebellengeist und schaumgebremster Konservatismus? Wie kann ein radikales Ideengut befruchtend auf Politik wirken, aber was muss unbedingt geschehen, damit radikaler Geist nicht selber (wieder) Politik wird? Goethe und Schiller als Gleichnis, wie die Weltveränderungsidee aufs zurückhaltendere Modell der Selbsterziehung trifft. So ist dieses Buch auch deshalb anregend, weil es einen Scheinwerfer durch die Zeiten leuchten lässt.

Schiller begrüßt die Französische Revolution, wie er überhaupt intensiv darüber nachdenkt, so Safranski, »was es bedeutet, Zeitgenosse oder Zeuge von großen geschichtlichen Ereignissen zu sein. Wenn man sich nicht von ihnen verwandeln lässt, wird man ihrer nicht würdig sein können.« Aber in der großen Revolution habe sich für Schiller gezeigt, »dass die Menschen innerlich noch nicht frei genug sind, um die äußere Freiheit wohltuend zu gebrauchen«.

Geschichte als Herausforderung, Schiller spricht vom »unendlichen Respekt für diesen großen drängenden Menschenozean« des Kampfes fürs Neue, jetzt steht im Satz allerdings ein Komma, und Schiller weiter: »... aber es ist mir auch wohl in meiner Haselnußschale«. Ebenfalls eine Revolutionserfahrung: Das furchtlose Wort ist schneller bei der Sache als der ängstliche Mensch vor der Haustür.

Goethe lehnt Revolution grundsätzlich ab. Er ist kein Freund der Vulkane, »das Allmähliche zog ihn an«, er ist Gärtner, ist Heger und Pfleger, wo Schiller zum Roden neigt. Goethe lehnt die Revolution ab, weil »die mit ihr verbundene Politisierung die Menschen in Verhältnisse und Aktivitäten verwickelt, die sie notorisch überfordern … Goethe bezweifelte, dass mit den Massen auch die politische Mündigkeit an die Macht käme. Er sieht nur das unheilvolle Wirken der Demagogen, Doktrinäre und Dogmatiker« (Safranski). Goethe spricht von den »Revolutionsmännern«. Klingt wie: Berufsrevolutionäre. Schiller erschaut, Goethe blickt durch. Der Mensch solle nur so viel Welt aufnehmen, wie er vertragen kann. Freilich sieht auch Schiller den furchtbaren Verlauf der Revolution, Safranski schildert dessen Mühen, ihren »ursprünglichen Freiheitsimpuls« wenigstens in der Kunst zu wahren. Kunst als wahre Freiheit und der Politik gleichsam ein erweckendes Vor-Spiel. Aber wo Schiller die Angriffsfront aufmacht, sieht Goethe in der Kunst lieber den Fluchtort. Leidenschaftlich beschwört Schiller, »das einzige Verhältnis gegen das Publikum, das einen nicht reuen kann, ist der Krieg«. Kein Stoff soll, unter rauschendem Beifall, den Beruhigtheitstod sterben. Willkommen in der Regietheater-Debatte.

Ein Buch, das Vergangenheit lebendig schreibt. Wir träumen doch gar nicht so sehr in die Zukunft!, ein Gelände ist das, nicht wirklich mit Farben versehen und Tönen oder immer neuen Abzweigungen, ein fader Ort eher, nicht greif- und vorstellbar. Nein, wir träumen uns fortwährend in die Vergangenheit. Wir holen herauf, drängen weg, bauen um, spielen mit verpassten Gelegenheiten wie das Kind mit Klötzchen, verkuppeln das, was stattfand, mit dem, was hätte stattfinden mögen; wir werden regelrecht verfolgt von Toten und Totem; unsere Fantasie, unser Bewusstsein: ein gigantisches Rekonstruktionsbüro mit unzähligen, ameisenhaft emsigen Helfern für ein Panorama der Existenz, ganz aus Milliarden Sekundenscherben, das keine Vollendung findet – was den Arbeitseifer im Ameisengedankenhaufen unseres Hirns nur noch steigert.

Was geschah, ist nicht nur das, was war, es ist auch das, was ihm nachgesonnen wird. Von dem man weiß, das es längst aufhörte – es bleibt etwas, das unaufhörlich weiter erdacht wird. Wo wir uns auskennen, lockt das Unbekannte. »Mir ist dabei wunderlich zumute, denn ich erfahre was ich einmal war«, schreibt Goethe, nachdem er 1824 die Edition des Briefwechsels mit Schiller zu Ende gebracht hatte.

In welchen Zeiten leben wir? Möglicherweise in Zeiten, in denen die Tatsache, dass ein Mensch befördert wird, mehr und mehr befleckte Assoziationen auslöst. Beförderung als Lohn für Anpassung, Schweigen, Gefügigkeit, Einverständnis mit hierarchischer Ordnung? Goethe fühlt sich »gefördert« durch Schiller, für den Freund trifft dies ebenso zu – Beförderung hier als gegenseitiges Stützen von Eigensinn. Freundschaft nicht als Ineinanderfallen der Gleichheiten, nicht als Selbstaufgabe der Kontur, sondern als Stärkung der individuellen Unverwechselbarkeiten, die miteinander ins Gespräch kommen.

Wahre Freundschaft in diesem Falle: kein Verschmelzen des Ganzen, kein Aufheben der unterschiedlichen Temperamente, sondern gezieltes »Verlöten« einzelner Punkte beider Naturen und präzise Prüfung des Nutzeffekts für Geist, Gefühl und, jawohl: gute Laune. Die Goethe auch mal verlieren konnte, denn Schiller lehnte es ab, »Sklave der Gegenstände« zu sein, also redigierte er des Freundes »Egmont«, dass dem die Luft wegblieb.

Als Schiller stirbt, verliert Goethe mit dem Freund »die Hälfte« seines eigenen Daseins. Zur Beerdigung geht er nicht, er geht nie zu Beerdigungen. Er weicht dem Tod aus, wo er kann. Bis zum frühen Morgen verschweigt ihm Christiane die furchtbare Nachricht, die sie am Vorabend bekommen hatte.

Der Tod des Freundes, so schreibt Safranski, hat Goethe dazu getrieben, auch sein eigenes Leben historisch zu sehen. Eintritt in die autobiografische Phase. Das Erscheinen des Briefwechsels, gleichsam die ausgebreitete Erotik des Schrift-Verkehrs, ruft noch einmal auch die Neider, die Gekränkten, die Missgünstigen auf den Plan. Ludwig Börne etwa sieht die beiden Dichter in ihren Briefen auf dem »ausgetretenen Weg der Selbstsucht«, er trägt Schiller nach, sich vorm Großschriftsteller klein gemacht zu haben, und Goethe veröffentliche die Briefe doch bloß wegen der Elogen Schillers.

Die Freiheit: wie wir das Leben, das uns so fühlbar wenig gehört, in den eigenen Spiel-Raum nehmen und in dessen Enge tun, was uns eigen scheint. Goethes Freundschaft mit Schiller stärkt die Gewissheit, es gebe mehr als das Profane. Wie immer weiß Goethe, was abschließend dazu zu sagen ist – Safranski lässt das Buch mit wunderbar wehmütiger Dialektik ausklingen: »Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen/ Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare/ Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnnen/ Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.«

Das Geisterzeugte: die zweite, nach Schiller die wirkliche Natur des Menschen. So ehrerbietig winkt Goethe dem Freunde nach, nur fristlang vor seinem eigenen Tod.

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