Werbung

Braunes Netzwerk im Norden

In der Region um Lauenburg sind Neonazis seit vielen Jahren besonders aktiv

  • Von Dieter Hanisch, Mölln
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Der rechtsradikale Brandanschlag von Mölln 1992 auf zwei türkische Familien mit drei Toten und neun Verletzten machte Mölln im negativen Sinne weltbekannt. Auch 2009 ist der neonazistische Spuk im Kreis Herzogtum-Lauenburg, zu dem Mölln gehört, allgegenwärtig, wie ein – glücklicherweise fehlgeschlagener – Brandanschlag auf ein Restaurant eines Iraners in Schwarzenbek zeigt.
Nazi-Aufmarsch im Kreis Lauenburg: Die NPD sucht hier verstärkt Nachwuchs.
Nazi-Aufmarsch im Kreis Lauenburg: Die NPD sucht hier verstärkt Nachwuchs.

In der Nacht vom 20. auf den 21. September wurden drei Molotow- Cocktails in eine Schwarzenbeker Gaststätte geworfen, die aber nicht zünden. Im Obergeschoss wohnt der iranischstämmige Wirt mit seiner Familie und kann seitdem nicht mehr ruhig schlafen. Ein Jahr zuvor ist sein Auto bereits einmal in Flammen aufgegangen, und von Bedrohungen berichtet er der Polizei ebenfalls. Nicht einmal 24 Stunden später erhält die örtliche Tageszeitung einen Bekenneranruf mit eindeutig rassistischem Inhalt. Türkische Geschäftsleute und Gastronomen bekommen Drohanrufe.

Offiziell heißt es von der Polizei, es werde in alle Richtungen ermittelt. In Schwarzenbek hat es bis dato keine bekannte rechte Szene gegeben, obwohl zum Gedenken an den von den Nazis gehuldigten Rudolf Heß für den 17. August zu einem Flashmob aufgerufen worden war. Damals ließ sich aber niemand blicken. Bereits drei Jahre zuvor marschierten 50 Rechtsextreme aus gleichem Anlass in dem 15 000-Einwohner-Ort, aber auch in Lauenburg.

Ein »NS-Haus« in Ratzeburg

Vor den braunen Umtrieben schließt man inzwischen auch in der Kreisstadt Ratzeburg nicht die Augen. Aktivisten haben jüngst den NPD-Wahlkampf unterstützt. Als Kopf für Parteiarbeit unter nicht gebundenen Freien Kräften gilt Sven Witte, der mitten in der Innenstadt mit rechtsgesinnten Freunden ein Mietshaus bewohnt und dies zum »NS-Haus« umgetauft hat. Einer der Mitbewohner hat am Hals eine NS-Tätowierung, ein anderer ist just vor dem Landgericht Lübeck wegen zwei Körperverletzungsdelikten in zweiter Instanz zu insgesamt zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden.

Der ursprünglich aus Mölln stammende Witte pflegt Verbindungen zum Lübecker NPD-Chef Jörn Lemke. Kein Wunder also, dass beim von den Nationaldemokraten initiierten traditionellen Gedenkmarsch für alliierte Bombenopfer in der Hansestadt dieses Jahr das Transparent der sich so titulierenden Nationalen Sozialisten Offensive Herzogtum Lauenburg auftauchte. Unter dieser Rubrik Namen ist Witte auch im Internet für eine Homepage der Neonazis verantwortlich.

Doch Wittes Verbindungen und Ambitionen reichen weiter. Er ist nach Antifa-Recherchen unter anderem bei der Nazi-Demonstration im Februar in Dresden dabei gewesen sowie beim Mai-Aufmarsch 2008 in Hamburg und beim Neonazi-Aufzug am 1. Mai 2009 in Itzehoe. Zu einer eigenen Aktion in Ratzeburg sind Mitglieder der neofaschistischen Kameradschaft Widerstand Wittenburg-Waschow angereist. Beobachtungen haben zudem Kontakte nach Gadebusch, Boizenburg und in den Raum Wismar ergeben, aber auch zu Hooligans im Umfeld von Hansa Rostock. Eine nicht geringe Rolle spielt die subkulturell organisierte Rechtsrockszene. So stammt aus Ratzeburg der Sänger der »Holsteiner Wölfe», die auch im Verfassungsschutzbericht in Schleswig-Holstein erwähnt werden und im Vorjahr im mecklenburgischen Rehna aufgetreten sind. Ein konspiratives Konzert hat es zuletzt im August in Ratzeburgs Nachbargemeinde Ziethen mit rund 170 Besuchern gegeben.

Die NPD ist bemüht, Nachwuchs zu rekrutieren. Dafür werden Aktivisten wie Witte als Kontaktpersonen zur subkulturellen Szene genutzt. Mehrfach hat es im Jahr 2006 Treffen und Schulungen in Breitenfelde nahe Mölln gegeben, ehe diese nach Enttarnung durch Antifaschisten sich einen anderen Ort suchen mussten.

Strippenzieher aus dem NPD-Vorstand

Anfang dieses Jahres hat dann doch wieder ein Treffen in Breitenfelde mit Gesinnungsfreunden aus Niedersachsen stattgefunden. Überhaupt setzt die NPD auf überregionale Zusammenarbeit. Dazu propagierte sie 2008 ein »nationalistisches Kommunalbündnis Dreiländereck Elbe« mit Mandatsträgern in Gemeinden und Kreisen von Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern sowie dem NPD-Abgeordneten Kay Oelke (einst Schill-Partei) im Kreisparlament von Herzogtum-Lauenburg. Als Strippenzieher betätigt sich hier Thomas Wulff aus dem NPD-Bundesvorstand, der auf einem Anwesen im mecklenburgischen Teldau unweit der schleswig-holsteinischen Landesgrenze wohnt und im nördlichsten Bundesland jüngst Listenkandidat 3 zur Bundestagswahl war.

Wie es NPDler mit der Gewalt halten, zeigt ein Vorfall aus dem Juli 2008, als Heiko Hackland aus Schretstaken (Herzogtum-Lauenburg) zusammen mit einem Freund in Hamburg-Bergedorf einen Studenten verprügelt hat. Gegen den Kandidaten bei den Kommunalwahlen ist dafür in erster Instanz eine Bewährungsstrafe von neun Monaten verhängt worden. Gewalt von rechts ist allgegenwärtig.

Aus der Elbestadt Geesthacht sind Überfälle auf das Jugendzentrum und eine Verfolgungsjagd gegen einen engagierten Juso bekannt. Der südöstliche Kreis in Schleswig-Holstein weist noch eine Auffälligkeit auf: Jedes Jahr pilgert die rechte Szene nach Aumühler vor den Toren Hamburgs. Dort liegt das Grab von Großadmiral Karl Dönitz, dem letzten von Hitler ernannten Reichspräsidenten.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen