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Mit Sextant und Sauerkraut

Bonner Bundeskunsthalle: Mit James Cook auf Entdeckungsreise

  • Von Stefanie Stadel
  • Lesedauer: 4 Min.
William Hodges, Resolution und Adventure in Matavai Bay, Tahiti, 1776, Leihgabe des National Maritime Museum, Greenwich
William Hodges, Resolution und Adventure in Matavai Bay, Tahiti, 1776, Leihgabe des National Maritime Museum, Greenwich

Die Luft leicht diesig, das Meer sanft bewegt. Im Vordergrund lagern ein paar gut gebaute Ureinwohner. Weiter draußen in der Bucht von Matavai Bay sind James Cooks stolze Schiffe vor Anker gegangen. Der Entdecker macht Halt vor Tahiti – friedlicher als in William Hodges’ Gemälde von 1776 ist das Ereignis kaum vorstellbar. Als Bildberichterstatter an Bord hatte der Maler alles miterlebt, doch neigte er dazu, die Tatsachen daheim auf der Leinwand in verklärtes Licht zu tauchen. Seine Idylle in Öl könnte leicht vergessen lassen, welch ein Wagnis so eine Reise bedeutete.

Vor Cook wusste Europa sehr wenig vom gegenüberliegenden Teil der Erde. Der Kapitän und seine Leute wagten also den Weg ins Unbekannte. Drei Mal ging man zwischen 1768 und 1779 im Auftrag der Royal Society of London auf Tour. Davon und von Cooks umwälzenden Erkenntnissen erzählt jetzt die Bundeskunsthalle in Bonn. Die beeindruckend vielseitige, spannend und anschaulich inszenierte Ausstellung bringt alles zusammen: Karten, Globen, Bilder, Instrumente, naturhistorische wie auch ethnografische Objekte der unterschiedlichen Kulturen, denen die Seeleute und Wissenschaftler auf ihren Reisen begegnet sind. Hätte Hodges damals in seinem Gemälde Cooks Schiffe vor Tahiti nicht nur von ferne gezeigt, sondern auch einen Blick auf oder gar unter Deck gewährt – das Ergebnis wäre zweifellos weniger beschaulich ausgefallen. Um die hundert Mann drängten sich da auf engstem Raum mit allerlei Vieh: Kühe, Schafe, Ziegen. Eigene Kajüten gab es nur für erlesene Passagiere. Der Rest schlief in Hängematten, die man nachts dicht an dicht durch den Speiseraum spannte. Auf den Tisch kam Sauerkraut, tagein, tagaus, denn Cook war überzeugt, dass es vor Skorbut schützt. Die imposante Dosis von einem halben Liter Schnaps plus viereinhalb Litern Bier pro Person und Tag sollte die Mannschaft trotz allem bei Laune halten.

Ganz im Geiste der Aufklärung machte der Entdecker sich mit wissenschaftlichem Ehrgeiz und umfassendem Anspruch ans Werk – es galt, das Fremde in allen Einzelheiten zu erfassen. Doch ging es nicht nur ums Vermessen. Davon zeugen in der Ausstellung erstmals wiedervereinte Alltags- und Kultobjekte, die Cook und seine wechselnden Teams internationaler Wissenschaftler mitgebracht haben: Holzkämme und Keulen aus Neukaledonien, haariger Brustschmuck von den Gesellschaftsinseln, Federmäntel, wie hawaiianische Häuptlinge sie zu tragen pflegten. Lauter Stücke, die – verstreut auf etliche Sammlungen – die Zeit überdauert haben. Zur eindrucksvoll runden Vorstellung tragen natürlich auch die vielen Bilder bei – fremde Pflanzen, Tiere, Menschen, Landschaften, die Künstler unterwegs zu Papier oder anschließend daheim in Öl fixierten.

William Hodges friedvolle Ansicht der Bucht von Matavai Bay gehört sicher zu den wichtigsten. Zumal Tahiti ein Lieblingsziel war, das Cook immer wieder ansteuerte. Seit der ersten Reise, als man im Juni 1769 von der Insel aus den Venustransfer vor der Sonne sehen konnte. Das Studium dieses äußerst seltenen Schauspiels bot aber nur den offiziellen Deckmantel für einen weit brisanteren Geheimauftrag: Cook sollte das legendäre Südland ausfindig machen, um es für die britische Krone in Besitz zu nehmen. Seit der Antike hielt sich der Fantasiekontinent in den Köpfen. Man war überzeugt davon, dass die Landmassen auf Nord- und Südhalbkugel gleichmäßig verteilt sein müssten. Das erhoffte Ergebnis blieb freilich aus. Und Cooks folgende Expedition brachte schließlich die Gewissheit: Es handelte sich um nichts als ein hartnäckiges Hirngespinst. Spätestens nach dieser zweiten großen Fahrt war Cook ein gemachter Mann. Er hätte sich zurücklehnen können, daheim bei Frau und Kindern. Doch zog er es vor, sich erneut aufzumachen. Diesmal, um die Nordwestpassage zu finden – einen Seeweg, der hoch im Norden den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Er gelang ihm nicht, dafür fand Cook aber Hawaii – seine letzte große Entdeckung. Bonn fährt die reiche ethnografische Beute auf. Besonders beeindrucken die gefiederten Porträtbüsten mit Hundezähnen.

Von dieser Reise sollte der Entdecker nicht mehr zurückkehren. Es waren hawaiianische Krieger, die Cook am 14. Februar 1779 vor den Augen seiner Mannschaft niederstachen und zu Tode prügelten.

Den Wert seiner Entdeckungen schätzte er selbst einmal als »nicht sonderlich groß« ein. Nachdenklichkeit und Selbstkritik sprechen auch aus Cooks erstaunlich weitblickender Einsicht, was die Folgen seiner Expeditionen für die Menschen der fernen Gegenden angeht: »Wir bringen ihnen Bedürfnisse, womöglich Krankheiten, die sie nicht gekannt und die ausschließlich angetan sind, die glückselige Ruhe zu stören ...«

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. Bis 28. Februar 2010.

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