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Von Swingerclub und Spielmannszügen

Stephan Thome führt mit »Grenzgang« in die hessische Provinz

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 3 Min.

Nur das Kleid steht dir wirklich, das du auch barfuß tragen kannst, sagt Anita immer.« Diese Frauenweisheit ist gewiss nicht der einzige Grund, warum Stephan Thomes für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman »Grenzgang« mit ziemlicher Sicherheit auch von »Brigitte« empfohlen werden wird. Man möge das nicht missverstehen. Es ist keinesfalls eine Schande, von einer

Frauenzeitschrift gelobt zu werden. Frauen sind die klügere Hälfte der Menschheit, und »Grenzgang« ist ein kluger Roman. Aber eben auch locker unterhaltend lesbar, zwischen Job und Kita, Sportstudio und Shopping Mall. Was ich angesichts der Flut schwermütiger Debüts »junger« Autorinnen und Autoren, die schon mit dreißig ihr Leben zu Ende gelebt zu haben scheinen, unbedingt als Kompliment verstanden wissen möchte.

Den Rahmen der keineswegs aufrüttelnden Geschichte(n) bietet das hessische Provinznest Bergenstadt – der Autor ist übrigens 1972 in Biedenkopf/Hessen geboren, lebt heute in Taipeh/Taiwan. Alle sieben Jahre wird das gemächliche Örtchen vom traditionellen Folklorespektakel »Grenzgang« erschüttert, obschon man in Bergenstadt nach dem Motto »Nach dem Grenzgang ist vor dem Grenzgang« lebt. Langweilige Routine, doch unter der Oberfläche ein Hauch von Leidenschaft. Exzesse – der verbotene Kuss eines Unbekannten auf der Brücke hinterm Rummelplatz. Dramen – drei Teenager spielen Mafia am Kleinstadtgymnasium. Tragödien – erst vom Ehemann betrogen und verlassen, nun bedroht durch ein neues Unterhaltsrecht, »das die Zweitfamilie stärkt«. Rebellion – ein Arbeitsvertrag wird nicht verlängert, ein Stein fliegt durch die Scheibe. Wahnsinn – eine alte Frau hört fremde Männer im Haus. Und Illusion – Anita, die ferne beste Freundin, ihre Sexabenteuer an der Côte d'Azur und ein skurril endender Besuch in einem Swingerclub am Rand von Frankfurt am Main.

Anita ist, was Kerstin Werner nie sein kann – und will. Anita floh aus Bergenstadt, irgendwo hin in die Welt, bloß weg. Kerstin – aus Köln – blieb in Bergenstadt hängen. Lernte ihren Mann beim Grenzgang kennen. Und verlor ihn sieben Jahre später an eine Jüngere. Resigniert lebt sie ihr ödes Leben, geschieden, mit pubertierendem Sohn und demenzkranker Mutter, in einem Haus, dessen »Zentrum« eine »Essdiele« ist. Der Mann, der sie beim Grenzgang küsste, ist ein gescheiterter Historiker, der aus Berlin-Mitte zurückkehrt, um Lehrer zu werden. Thomas Weidmann flieht wie Anita. Nur in entgegengesetzte Richtung.

In einer spritzigen Mischung aus gelungener Soap – ich denke an die Gilmore Girls und diese wunderbare, fiktive US-Kleinstadt Stars Hollows – und Volksmärchen im reaktionärsten Sinn des Wortes, spinnt Thome die Geschichte von drei Grenzgängen und den Jahren dazwischen. Ein entlarvender Schnappschuss des schrecklich normalen Lebens in Deutschland, das sich, Mauerfall hin, Krise her, im Grunde nie zu ändern scheint. Die Spielmannszüge beim Grenzgang haben einen »ähem, nun ja, Führer«. In der Glasvitrine in Annis Bäckerei krabbeln Wespen auf dem Kuchen. Ehepaare, die sich nichts (mehr) zu sagen haben, wahren den Anschein. Und die Straßen heißen Rehsteig oder Rheinstraße. »Wohlstand der harmonischen Art füllt die Räume«. Man spürt: Es gibt aus dem »klebrigen Dunst, der die Luft hüllte«, kein Entkommen.

Kein politischer Roman, ein kritisches Buch allemal. Wer Sinn für subtile Satire und die zärtlich-spitze Zunge hat, wird es goutieren. Gern nachmittags, beim Tässchen Jasmintee, wenn die Sonne durch die Spitzengardine schimmert und die Welt einem alles zu bieten scheint. Fast alles jedenfalls. Grenzen werden in Bergenstadt ja nur alle sieben Jahre überschritten.

Stephan Thome: Grenzgang. Roman. Suhrkamp Verlag. 453 S., geb., 22,80 €.

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