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Figürlich gegen Moden

Waldemar Ottos Entwurf für ein Freiheitsdenkmal

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Auf dem Sockel des zerstörten Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. wölbt sich ein Bogen aus Backstein, dem typischen Berliner Baumaterial. Nach oben hin verjüngt er sich; dort, wo der Stein aus dem Boden wächst, stehen zwei bronzene Szenarien als figürlicher Bildschmuck.

Das linke erinnert an den Anfang der friedlichen Revolution in Leipzig: Unter den Pfeilern der Nikolaikirche reden Menschen miteinander, halten Kerzen; daneben, im Freien, bilden Menschen eine Reihe, aus der sich wenige reliefartig abzeichnen, mehrere ein Transparent stützen. »Keine Gewalt« steht darauf.

Fast noch beeindruckender in seiner Schlichtheit ist das rechte Szenarium: »Alexanderplatz«. Es formt zweireihig die Einheitsfront nach, in der sich die friedliche Demonstration vom 4. November 1990 vollzog; fünf separate Figuren mit hochgereckten Schildern verkörpern und verkünden den Volkswillen.

Unter dem Bogen, der das Brandt-Wort vom Zusammenwachsen aufgreift, steht ein Fries Tanzender. Bildhauer aus Ost und West sollen ihn gestalten, die Vereinigung auch in der praktischen Arbeit realisieren.

So sieht es der Entwurf, mit dem sich Waldemar Otto gemeinsam mit Peter und Jakob Lehrecke am Wettbewerb für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal beteiligte. Beschlossen hat den Ausscheid im November 2007 der Deutsche Bundestag, über 530 Entwürfe gingen ein, doch keiner überzeugte die Jury. Im April ließ sie den Wettbewerb ergebnislos scheitern, eine neue Ausschreibung steht an, dann wohl mit anderen Juroren.

Otto, hochdekorierter Bildhauer mit Wohnsitz in Worpswede, gerade 80 geworden, kam unter die letzten acht Kandidaten. Das Thema faszinierte ihn derart, dass er seinen Entwurf jetzt um knapp 20 frei stehende Plastiken ergänzte. Zu sehen sind sie zusammen mit Modellen der beiden Szenarien in der Galerie am Gendarmenmarkt.

Dort vermutet man im Veto der Jury eine Grundsatzentscheidung gegen figürliche Kunst. Begehbare Kugel, verspiegelter Würfel, frei schwingende Scheibe oder Ring in Schräglage boten die übrigen Finalentwürfe an. Der Vorschlag von Otto war als einziger gegenständlich: Der Betrachter seines Denkmals solle sich unters Volk der Figuren mischen, Teil des Ganzen werden, sagt er. Der abstrakte Bogen stehe als lesbares Zeichen für die Einheit, für die Freiheit brauche man figürliche Bildhauerei.

Seine Menschen treten aus dem geritzten Hintergrund des Flachreliefs halb- oder vollplastisch heraus. So wie der Bezug auf den Alexanderplatz und auf Leipzig vorgegeben war, geht das, so ist sich Otto sicher, nur in gegenständlich erzählerischer Form, will man nicht in geometrischer Beliebigkeit versacken. Die sei Mode im Westen, als Reaktion auf die verschieden propagandistische Missbräuchlichkeit von Kunst. Und flugs leuchtet die Juryentscheidung im Licht eines Ost-West-Konflikts in der Kunst.

Auszuschließen ist das nicht. Selbst wenn man den Juroren guten Willen unterstellt und die Angst, ein allzu gegenständliches Kunstwerk würde keinen Bestand vor der Zeit haben: Ottos Entwurf hält die Balance zwischen Konkretheit und Abstraktion, besticht durch Reduktion der Körper bei den als Flachreliefs geformten Einzelfiguren und ist, inspiriert von historischen Fotos, verständlich. Das muss kein Schaden sein: Auch die christliche Auftragskunst verflossener Epochen hat sich darum bemüht.

Bis 15.11., Di.-So. 14-20 Uhr, Galerie am Gendarmenmarkt, Taubenstr. 20, Mitte, Telefon 20 64 84 17

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