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Melancholische Erinnerungen

Akademie der Künste beschäftigte sich mit dem Herbst 1989

Die Akademie der Künste erinnert an eine Revolte – und ein formvollendeter, in schwarze Kellnertracht gekleideter Jüngling räumt aufmerksam den schlanken, gerade leer getrunkenen Sektkelch vom blütenweißen Tisch. Nicht 20 Jahre, sondern ganze Welten lagen zwischen dem Aufbegehren auch und gerade der DDR-Künstler im Herbst des Jahres 1989 und der Künstlernacht, mit der die Akademie am Pariser Platz dieses Ereignis am Samstag feierte.

Unter dem Motto »Wir treten aus unseren Rollen heraus« fand ein mehrstündiges Diskurs-, Musik-, Literatur- und Filmfestival statt. Wer sich den Herbst 89 vergegenwärtigte, hatte freilich nicht Kelche und Kellner, Häppchen und Hostessen vor Augen, sondern leere, volle und halbvolle Weingläser, überquellende Aschenbecher und Rauchschwaden von Kerzen und Zigaretten, aus denen sich ernste oder erregte und ungeachtet des Gemütszustands stets mit glänzenden Augen versehene Gesichter hervorschälten. In denen es arbeitete, wenn sie sprachen und wenn sie zuhörten. Denn das geradlinig gedachte unverstellte Sprechen lernte man damals ganz frisch. Man staunte, dass es sich lohnen konnte zuzuhören.

20 Jahre später perlt im Künstlerglaspalast nahe der einstigen Staatsgrenze der Sekt. Es perlen die Worte. Die wenigen 100 Menschen, die zum Zuhören gekommen sind, werden von den diversen Veranstaltungsräumen geschluckt. Durchs verlassene Foyer streift orientierungslos der alte Barde Peter Wawerzinek. Niemand tritt heraus aus seiner Rolle. Akademiepräsident Klaus Staeck weist – beglaubigt durch seine Biografie als Republikflüchtling – darauf hin, dass sich in eben diesem prächtigen Gebäude vor 20 Jahren noch eine Arrestzelle der Grenztruppen befunden hatte.

Im Zwiegespräch mit Thomas Langhoff sinniert Staeck später über die frühen Anzeichen des Machtverlustes der SED nach. Er machte sie bereits am 2. Juni 88, anlässlich seiner Ausstellung im Gebäude am Robert-Koch-Platz, aus. »So frei, wie die Leute hier diskutieren, kann das nicht lange gut gehen. Wenn solch ein System die Schrauben nur ein wenig lockert, muss es untergehen«, lautete sein Eindruck. Thomas Langhoff feiert vor allem die Freiheit der Umbruchzeit. Staunend gewahrte er, der er immer einen Heidenrespekt vor der Verkehrspolizei gehabt hatte, wie sein Sohn Lukas einen Polizisten, der sie auf ein Verkehrsdelikt hinweisen wollte, als Stasimann beschimpfte und fortjagte – und dieser tatsächlich ging.

Viel wurde erzählt über solche kleinen Freiräume, auch über größere. Der Journalist Thomas Irmer durchpflügte mit dem Schriftsteller und Dramatiker Christoph Hein das Theaterjahrzehnt vor der Wende. Die Bühnen, so Heins These, nahmen die gesellschaftliche Entwicklung vorweg. Anfang der 80er Jahre bereitete die sowjetische Dramatik das Feld für einen Mann wie Gorbatschow vor. Später wuchsen sich die Publikumsdiskussionen zum Probierfeld einer nicht mehr sozialistisch sein müssenden Demokratie aus.

Verblüffend auch in dieser Erinnerungsnacht war das fast totale Verschwinden der Alt-Bundesrepublik. Die Augen sind auf Dresden, Leipzig und den Prenzlauer Berg fixiert, als hätte es 1989 kein München, Hamburg und Kreuzberg gegeben, ja als wären damals die Blicke aus dem Osten nicht gerade auch dorthin gerichtet gewesen.

Die Dichterin Ulrike Draesner immerhin wagte mit einer poetologischen Analyse von Sten Nadolnys westlichem Vorwenderoman »Die Entdeckung der Langsamkeit« ein deutsch-deutsches Doppelporträt. Mag die Langsamkeit des Helden John Franklin metaphorisch für die alte DDR stehen, so entspricht dessen Sehschwäche der des Westens, wenn er nach Osten schaut, meinte Draesner. Nadolnys Eskapismus in die Polarregionen sieht sie als typisch für die 80er Jahre Westliteratur an.

Laut dieser Modellbildung vereinigte sich ein in seiner Auffassungsgabe beschränkter Osten mit einem Westen, der schlecht sehen konnte und vor sich selber auf der Flucht war. Wenigstens diesen Gedanken gebar der melancholische Erinnerungsmarathon.

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