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  • Kultur
  • Buchmesse Frankfurt/M.

Mord im Outback

GAIL JONES: »Perdita«

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Man wird, wie ich, Genugtuung empfinden, als dieser Engländer Nicholas Keene in seiner Hütte bei Broome ermordet aufgefunden wird – ihm geschah, was geschehen sollte.

Da kommt einer ins australische Outback, um bei den Aborigines anthropologische Studien zu treiben – für die Behörden, wohlgemerkt –, entwickelt aber zu diesen Menschen, ihren Sitten und ihrem Land nicht die Spur einer Beziehung. Er hält es für gegeben, dass die Weißen sie versklaven, dass Willie, der schwarze Viehtreiber auf der Trevor Farm, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang für Tabak und eine Handvoll Mehl schuftet, und bleibt stumm, als das schwarze Küchenmädchen der Trevors, das er vergewaltigt und geschwängert hat, ihre Stelle verliert und verjagt wird. Er drangsaliert die eigene Frau bis zum Nervenzusammenbruch, und als diese für geraume Zeit in die Klinik muss, vergewaltigt er das schwarze Hausmädchen Mary, das seiner Tochter Perdita mehr als eine Schwester ist – die einzige Bezugsperson, die Perdita hat. Dass er seine Frau am Heiligabend aus einer Laune heraus blutig schlägt und aus einer anderen Laune Mary die glühende Asche seiner Pfeife auf die Hand drückt, erstaunt schon nicht mehr ... Ein Irrer, dieser Kerl, und seine Frau eine in den Irrsinn Getriebene. Von Anbeginn empfinden die beiden Australien wie eine Strafe, und wären da nicht die Schwarzen, Tochter Perdita bliebe blind für die Schönheiten des Landes, blind für die Tierwelt und Vogelwelt. Niemals würde sie erkannt haben, was es jenseits von Shakespeare noch gibt zwischen Himmel und Erde – oh, diese mir völlig unverständliche Besessenheit der Mutter von den Werken des großen Barden! Ihr ständiges Rezitieren vermag ich nicht nachzuvollziehen, nicht bei dieser Frau und nicht in diesem Umfeld.

Genug! Ich vermochte schon bei »Sechzig Lichter«, dem vorangegangenen Roman der Gail Jones, vieles nicht nachzuvollziehen – es schreit, zum Beispiel, zum Himmel, wie wenig gerüstet dieses Ehepaar aus dem fernen England für ein Leben im australischen Busch ist. Da darf man den Schwarzen dankbar sein, die Perdita (und damit uns) ihr Land in all seiner Vielfalt erschließen. Durch sie, und nur durch sie, tut sich ein Panorama auf, die wundersame Welt der Natur, und es ist ein Schwarzer, der Perdita und ihre Mutter, vor dem sicheren Untergang in einem Unwetter bewahrt, dessen Abklingen er ausschließlich am Gezwitscher eines Vogels festzumachen versteht. »Kommt, es ist vorbei!« – Im Jahr 1940, dem Jahr meiner Ankunft in Australien, wo ich 15 Jahre verbracht habe, kettete man (so lese ich es jetzt) in Broome Aborigines zum Straßenbau aneinander – und wo noch?

Wie das im Buch dargestellt wird, geht unter die Haut, und es macht zutiefst nachdenklich, dass es Kumti war, dieser einst im Straßenbau versklavte Aborigine, der Perdita und ihre Mutter vor den Naturgewalten gerettet hat. Im Schicksal eines Kumti und der von ihrer schwarzen Mutter gewaltsam getrennten Mary, die ins Haus des perfiden Engländers verbannt worden ist, spiegelt sich das Elend der australischen Schwarzen, das Schicksal eines ganzen Volkes.

Gail Jones. Perdita. A. d. Engl. v. Conny Lösch. Edition Nautilus. 256 S., geb., 19,90 €.

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