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Macht-Männchen

JAUME CABRÉ in Barcelona 1799

Don Rafel Massó i Pujades ist eine seltsame Figur, ein buckliges Männchen mit Dreispitz und Perücke, eitel und einfältig. Ein Männchen mit Macht. Eben wurde der Advokat Präsident des Königlichen Gerichts im Barcelona des Jahres 1799 und damit oberste zivile Autorität der Stadt. »Sa Senyora« (Euer Gnaden) Er wird gefürchtet, gehasst, er lässt sich schmieren, beugt das Recht. Bei Gericht zeigt er sich unbarmherzig. Vor Jahren wurde dieser Richter Gnadenlos allerdings selbst zum Täter. Er erwürgte Elvira, eine untreue Geliebte. Don Rafels Gärtner sollte die damals Leiche ins Meer werfen, doch der arme Tropf verscharrte sie im richterlichen Garten.

Knapp vor der Jahrhundertwende – das feine Barcelona ist bereits in Partystimmung – geschieht ein Verbrechen, das sich nicht verbergen lässt: Eine bekannte Ariensängerin wird ermordet, die »Nachtigall von Orléans«. Rasch ist der vermeintliche Täter verhaftet, Andreu, ein junger Poet; er war mit der Sängerin in der Tatnacht zusammen. In Andreus Haus findet die Polizei ein Papier, das Don Rafel belastet: das Testament des Gärtners. Der Richter, steht da, habe die liebliche Elvira umgebracht. Don Rafel, in Panik, beschwört den Polizeichef, das Dokument verschwinden zu lassen, und zügig lässt er gegen Andreu ermitteln. Der Poet wird unschuldig eingekerkert, gefoltert, gehenkt.

Das Zeugnis des Gärtners bringt den Richter dennoch zu Fall. Am Ende richtet er sich selbst, er erschießt sich – um der Peinlichkeit von Prozess und Bestrafung zu entgehen.

Autor Jaume Cabré, 1947 in Barcelona geboren, ist Philologe, Uni-Professor und ein vielfach preisgekrönter Erzähler. Er publizierte fünf Bände Kurzprosa, neun Romane, drei Kinder- und Jugendbücher. Vor zwei Jahren erschien erstmals ein Roman auf deutsch, »Die Stimmen des Flusses« (von 2004), ein Heldenepos um einen ideologisch recht wandelbaren Dorfschullehrer vor dem Hintergrund von Bürgerkrieg und Franco-Diktatur. Für mich war's eine plakative Mär – doch wurde das Buch wie zuvor in Spanien auch in Deutschland gut verkauft und meist gut besprochen.

»Senyoria«, das neue Werk, ist ein Roman von 1991, mit dem der Verlag an den Erfolg der »Stimmen« anknüpfen möchte. Wie kam es zu der Geschichte? Cabré wollte nach eigener Aussage »Kritik an unkontrollierter Macht« üben. Hauptfigur sollte ursprünglich ein Mann sein, der in Francos Unrechtsregime Richter war und in den Achtzigern, nach dem Systemwechsel, dafür verurteilt wurde. Plötzlich fand er sich auf der anderen Seite wieder, im Gefängnis – mit denen, die er einst dorthin gebracht hatte. Im Büro des Mannes hing lange das Porträt eines Vorfahren; der wurde schließlich zum Protagonisten.

Für das Buch spricht die Ambivalenz dieses Helden – Don Rafel ist Symbol des Ancién Regime, ein abstoßender Typ, als Hobby-Astronom aber auch Pionier der Moderne. Cabré hat seine Posse ironisch und spannend inszeniert, auf mehreren Ebenen, mit Andeutungen und kühnen Schnitten. Es gibt gleich drei Morde, es gibt derbe Intrigen und reichlich Sinnlichkeit: Die Komparsen – dekadente Aristokraten, geprägt von »profunder Unbildung« – gehen auf in einem frivolen Reigen der Promiskuität. Und hinter allem glänzt die Kulisse, Barcelona, eine noch mittelalterliche Stadt, die nach Dauerregen metaphorisch im Schlamm versinkt.

Freilich: Mitunter hat der Autor allzu dick aufgetragen. Seine Geschöpfe sind Karikaturen, man trifft Bösewichter und Gestalten aus Licht. Bisweilen wirkt das Werk wie ein Historienfilm aus den 50ern: Man bemerkt die Pappkulissen, die angeklebten Bärte, es kracht in der Konstruktion – und dennoch vermittelt das Stück Geruch, Geschmack und Gefühl.

Nein, große Literatur ist »Senyoria« sicher nicht, aber ein handfester Schmöker allemal.

Jaume Cabré: Senyoria. Roman. A. d. Katalan. v. Kirsten Brandt. Suhrkamp. 443 S., geb., 24,80 €.

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