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So viele Tote!

ORHAN PAMUK: »Das stille Haus«

Darvinoglu nennt sich der Großvater, als sich die Türken, auf Geheiß des diktatorischen Modernisierers Atatürk, Familiennamen wählen müssen: Sohn des Darwin. Wie rasend macht sich der Arzt auf, ganz alleine die europäische Aufklärung zu wiederholen, eine Enzyklopädie zu schreiben, um »dem gesamten Orient beizubringen, dass es keinen Gott gibt«. Orhan Pamuk erzählt in seinem Roman »Das stille Haus« von der Europäisierung der Türkei, vom großen Bruch mit dem Osmanischen Reich, und lässt den Furor jener Zeit mit den Enkeln wieder auferstehen.

Am Vorabend des letzten türkischen Militärputsches 1980 war das stille Haus am Marmara-Meer als Zuflucht gedacht. Denn Dr. Darvinoglu hatte es sich in Istanbul mit Talat Pascha verdorben, jenem Funktionär der Jungtürken, der für den Mord an den Armeniern verantwortlich war und als Regierungschef des untergehenden Osmanischen Reichs die Türkei an die Seite der Deutschen in den Ersten Weltkrieg führte. Doch für den ersten Darvinoglu und seine Frau sollte das Haus eher eine feuchte Gruft werden.

Immer noch wohnt die steinalte, herrische Frau des längst verstorbenen Arztes im alten Haus, als die Enkel aus Istanbul zu Besuch kommen. Mit ihnen hat Pamuk die Geschichte seines Landes und die scheinbar privaten Verstrickungen zu einem Roman verknüpft, dessen Erzählknoten nach und nach ein Muster voller Melancholie, verlorener Liebe und Gewalt preisgeben. Tag für Tag finden sich auf den Straßen in den 70er und 80er Jahren die Leichen von linken und rechten Militanten, die türkische Republik taumelt unter ihren wirtschaftlichen und sozialen Problemen, und eine aufgehetzte Öffentlichkeit findet in den Kommunisten die Schuldigen: Tausende politische Gefangene werden nach dem Putsch zum Tode verurteilt, die Zahl der Inhaftierten und Gefolterten liegt über einer Million. Aber im Buch von Pamuk ist der Terror noch eher privat als staatlich. Ein entfernter Verwandter der Darvinoglus – hier zeigt Pamuk die Verdruckstheit, die Allmachtsfantasien faschistischer Hilfstruppen – erschlägt aus Neid und unerwiderter Liebe eine junge Frau, die er und seine rechte Gang für eine Kommunistin halten.

Doch vor dem dramatischen Finale des Romans bietet Pamuk seine ganze künstlerische Kraft auf, um Einsamkeit und Verzweiflung der Enkel an Einsamkeit und Boshaftigkeit der Großmutter zu messen: Faruk, der Älteste, säuft, er verliert sich in jahrhundertealten Dokumenten, aus denen er nie das Buch wird machen können, das er sich vorgenommen hat. Seine Schwester, die schöne Nilgün, sympathisiert mit sozialistischen Ideen, ohne wirkliche Vorstellungen davon zu haben, und Metin, der Jüngste, träumt von der Flucht aus dem Stillstand der Türkei in kühne Städte des Fortschritts, die er nur aus amerikanischen Filmen kennt.

Der kalte Krieg sah die Türkei fest an der Seite der USA: Vom Koreakrieg bis zur gnadenlosen Verfolgung der Linken waren die türkischen Regierungen willige Helfer im »Great Game« gegen die Sowjetunion. Es sollte dann auch die Regierung Carter sein, die den Putsch der türkischen Militärs, der treuen NATO-Verbündeten, politisch und finanziell unterstützte und so vorrangig an der Unterdrückung der Kurden beteiligt war.

»Zuerst sah ich nach, wie viele Leute am Vortag wieder umgebracht worden waren. – Insgesamt hatte es zwölf von uns und sechzehn von den anderen getroffen«, lässt Pamuk seinen Nachwuchsfaschisten in der Zeitung lesen und den Leser erschauern. Der Roman, schon 1983 auf türkisch erschienen, erscheint heute wie eine Katharsis. So viele Tote auf dem Weg zu einem besseren Leben.

Es ist der Türkei und ihrem großartigen Orhan Pamuk zu wünschen, dass der Weg der Versöhnung mit den türkischen Kurden, den die jetzige Regierung eingeschlagen hat, zum Erfolg führt. Spät scheint sich der Wunsch des ersten Darvinoglu nach Modernisierung zu erfüllen. Dass es eine islamisch geprägte Partei ist, die diesen Kurs einschlägt, hätte sich der Großvater sicher nicht vorstellen können.

Orhan Pamuk. Das stille Haus. A. d. Türk. v. Gerhard Meier. C. Hanser Verlag. 384 S., geb., 24,90 €.

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