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Aus dem Osten in den Westen

ROUMEN M. EVERT: »Die Immigrantin«, die eine Gejagte ist

Wir kennen sie alle, diese Bilder: Sogenannte Illegale in Lagern zusammengepfercht und in ständiger Angst vor einer Abschiebung aus der hochgerüsteten »Festung Europa«, die mit ihrer brutalen Abschottungspolitik Tote in Kauf nimmt. Dieses Schicksal teilt auch Lena, die Ich-Erzählerin im Roman »Die Immigrantin« von Roumen M. Evert. Mitte der 90er Jahre verlässt sie, auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre beiden zu Hause zurückgelassenen Kinder, ihr Heimatland Bulgarien. Die junge Frau landet in Wien, wo sie in einem Gasthaus arbeitet. Einen Tag lang lässt uns der Autor den kraftraubenden Alltagskampf von Lena begleiten. Dabei schafft es Evert, verblüffend authentische Einblicke in die seelische Befindlichkeit seiner Protagonistin zu geben. Diese wird sowohl über Lenas Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Situation als auch über die Konfrontation mit der Lebenswelt weiterer Personen transportiert: ihren Landsleuten, Immigranten aus anderen Ländern sowie einheimischen Besuchern der Gaststätte – allesamt aus der Bahn geworfene Existenzen.

»Ich wehre mich nicht, ganz klein und ruhig lass ich mich in den Käfig schieben, der uns an die ungarische Grenze rollt. Der Schrei, der aus meiner Brust will, kann nicht heraus, wieder bin ich kalt geworden wie der Frost auf den Feldern, still wie die Nacht«, sagt Lena, als sie aus einem Albtraum erwacht, in eine Polizeikontrolle geraten zu sein. Diese Äußerungen lassen den permanenten inneren Ausnahmezustand derjenigen erahnen, die illegal und deshalb »Gejagte« sind.

Lenas Dasein in Wien wird verwoben mit Stationen ihres Lebens in Bulgarien. Da sind ihre noch unbeschwerte Kindheit in den 60er Jahren in einer Bergarbeitersiedlung in den Rhodopen; ihr Aufbegehren als Jugendliche gegen die provinzielle Enge ihres Herkunftsortes, die Gängelung und Bevormundung durch das autoritäre System; eine desaströse Ehe mit einem gewalttätigen Mann, aus der sie sich befreit; ihre verzweifelten Versuche, sich als alleinerziehende Mutter zweier Kinder durchzuschlagen; der Sturz der KP-Regierung 1989, der chaotische wirtschaftliche und politische Verhältnisse zur Folge hat und Bulgarien in ein moralisches Wertevakuum stürzt, an dem die Gesellschaft heute noch krankt. Bei der Darstellung von Lenas Leben in Bulgarien geht der Autor chronologisch vor – eine Technik, die eher unoriginell ist, sich in diesem Kontext jedoch anbietet. Dabei überrascht Evert, der selbst einige Jahre in Bulgarien gelebt hat, erneut: durch seine realistische Darstellung, die nicht nur die jüngere geschichtliche Entwicklung nachzeichnet, sondern auch die Nischen des menschlichen Zusammenlebens ausleuchtet. Jene Nischen, die das Leben auch angesichts eines immensen politischen Drucks lebenswert machten.

In Gestalt von Lena ist es dem Autor gelungen, Immigranten ein Gesicht zu geben. Dass seine Heldin aus Bulgarien stammt, scheint demgegenüber zwar zweitrangig, ist aber dennoch bedeutsam. Denn auch zweieinhalb Jahre nach dem Beitritt zur Europäischen Union ist das Balkanland, das viele vor allem mit Korruption und organisierter Kriminalität assoziieren, leider weiter eine terra incognita. Auch literarisch war dieser Teil Europas bislang ein weißer Fleck. Dass dies sich zu ändern beginnt, dafür steht dieser Roman ebenso wie der bulgarische Schriftsteller Vladimir Zarev («Verfall« und »Familienbrand«).

Um dem Teufelskreis aus Angst, Unsicherheit und Existenznot zu entkommen, spielt Lena mit dem Gedanken an eine Zweckehe mit einem Österreicher. Doch dann entscheidet sie sich anders. So steht am Ende statt einer weiteren erzwungenen Abhängigkeit ein Akt der Selbstbefreiung. Und dieser ist eine echte Chance für einen Neuanfang.

Roumen M. Evert: Die Immigrantin. Dittrich-Verlag. 295 S., geb., 19,80 €.

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