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Die Mütterlichen

KATHRIN GERLOF über Geburt und Tod, Leben und Lieben

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

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Alle Zeit – »Wir haben alle Zeit der Welt«, sagt Juli mit den grünen Haaren. Und es ist ein Aufatmen beim Lesen: Sie hat recht. Mit der Geburt ihres Kindes hat etwas Neues begonnen. Sie wird nun ganz für Svenja da sein, wird die Tochter großziehen ohne Mann, wie es schon Mutter, Großmutter und Urgroßmutter getan haben.

Mutter und Großmutter sind tot. Vielleicht wird Juli die Urgroßmutter noch umarmen, das bleibt im Roman offen. Unbekannterweise sind sie einander ja schon zu Beginn begegnet. Doch wer weiß, ob Klara die Urenkelin in ein paar Wochen noch erkennt.

Klara lebt in einem Altersheim und ist die zweite Hauptgestalt des Romans. Noch nie, noch nie habe ich Altern so beschrieben gefunden wie bei Kathrin Gerlof, die – noch nicht mal fünfzig – doch gar nicht wissen kann, wie es sich anfühlt, bei Verstand zu sein und von einer Minute auf die andere schon nicht mehr. Sich im Spiegel nicht zu erkennen. In einem nassen Bett aufzuwachen und Angst zu haben, nun in die Kategorie derjenigen zu rutschen, die gewindelt werden. Und sich, mit über achtzig, noch einmal zu verlieben. Mit diesem alten Mann, Aaron, in ein Hotelzimmer zu gehen ...

Klaras Geschichte allein schon hätte den Roman getragen: wie sie nach dem Krieg für ihr Kind Essen beschaffte, indem sie zu einem Russen ging; wie sie es ertrug, »Russenflittchen« genannt zu werden; wie sie sich neu in ihren Mann verliebte, als er aus dem Krieg zurückkam. Und wie doch, nach und nach, eine Härte von ihr Besitz ergriff – durch die Brustkrebsoperation, aber auch durch die neuen Überzeugungen, denen sie treu sein wollte. Der Verrat an ihrer Tochter Henriette wurde ihr nicht bewusst.

Henriette ist Julis Großmutter: »Alle Zeit der Welt« – denkt Elisa, Julis Mutter – hätte Henriette doch zum Ausschlafen zu Hause. Sie (um die vierzig) ist mit der Mutter (59 und auch schon mit Gedächtnisproblemen) zu einer Erinnerungsreise aufgebrochen. Erkunden wollen sie, ob ihr Haus im Wald noch steht, und nebenbei will Elisa herausbekommen, worin Klaras Schuld bestand, warum Henriette ihre Mutter nie mehr sehen will. Auch der Leser wird gespannt sein und erschrecken. Aber da werden die beiden Frauen schon keine Zeit mehr haben, irgendetwas mit dieser Wahrheit anzufangen.

Die Geschichte von Henriette und Elisa ist in Rückblenden in die Gegenwartshandlung montiert. Ein Memento-Mori-Raunen. Vor diesem Hintergrund wandeln sich Bedeutungen, wägt man auf andere Weise, was wirklich wichtig ist. Alle Zeit ist uns eben nicht geschenkt. Wir können es glauben, wenn wir jünger sind, aber wissen können wir nichts. Selbst Juli mit ihrer kleinen Svenja ist lediglich der Hoffnung preisgegeben. Aber sie verhält sich so, dass es keinen Zweifel gibt: liebevoll.

Wie Menschen sich einander zuwenden – ein Leitmotiv des Romans. Güte verschenken, Liebe – das ist doch das einzige, was wir tun können, das Einzige, was bleibt. Alles andere, worüber sich Leute den Kopf zerbrechen, wonach sie streben, was sie für wichtig halten, wird hinweggeweht vom nächsten politischen Wind. Auch Klaras Verrat und Henriettes Zorn.

Eine große Ruhe liegt über dem Buch, ein trauriger Frieden. Wer von Vergänglichkeit weiß, muss sich abfinden damit. Nur Juli denkt noch nicht daran. Sie lebt im Jetzt – wie es keine der anderen Frauen mehr könnte, auch die Autorin nicht. In einem Zustand des Heils ist Juli, grünhaarige Madonna mit Kind.

Man beobachtet sie beim Lesen und staunt erneut, wie selbstverständlich sich die Autorin in diese Seinsweise ineinversetzt, die nicht die ihre ist. Mit welcher Leichtigkeit sie sich so den ganz großen Sinnfragen nähert. »Ich schreibe von der einfachen Sache / Geburt und Tod und der Zwischenzeit«, wie es bei Eva Strittmatter heißt. Plädoyer für ein weibliches Herangehen, mit Blick auf dieses Existenzielle, die Dinge, die Männer für wesentlich halten, anders einzuordnen. Aber unsereins ist doch auch zeitgebunden – wie Klara es war und wie Juli es irgendwann sein wird, auf eine Art, die wir indes noch nicht kennen.

Die Erzählstränge verflechten sich, wie die Autorin es will, und verlaufen weiter ins Ungewisse. Die Lektüre geht vorbei, doch bald wird man spüren, dass etwas geblieben ist, nachdem sich die Autorin zurückgezogen hat. Alle Zeit im freien Raum – ach, könnte man doch so leben, als hätte man sie.

Kathrin Gerlof: Alle Zeit. Roman. Aufbau-Verlag. 229 S., geb., 18,95 €.

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