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  • Buchmesse Frankfurt/M.

Unsere grauen Tarnanzüge

ROBERT MENASSE erzählt vom Stolpern durch Geschichte

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Auf dem Weg zum Gate ging ich ununterbrochen auf Glaswände, auf Glastüren zu, in denen ich mich spiegelte. Jetzt, da ich wegging, traf ich endlich mich selbst.« Der Weg zum Flugzeug, hin zum Abheben: Man ist das Abbild seiner Illusion von Aufbruch und Neubeginn. Im Weggehen erst, wieder ins Gewöhnliche hinein, ist die Kontur des Eigenen wieder da.

Ein Mann, der einfach die Augen schließt, weil er das Elend der Welt nicht mehr sehen mag. Das Überleben der Nazizeit und des Krieges in einem Schimpansenkäfig des Amsterdamer Zoos und dort irgendwann die durchbrechende Sehnsucht nach einem Buch, nach Lesen – nach etwas also, das ein Affe nicht kann. Auch die blauen Marx-Bände kommen im Buch vor. Oder: Ein Mann verliert einen Boxkampf, der Schlag auf die Nase tötet ihm den Geruchssinn, daran stirbt die Liebe zu seiner Frau – wunderbar trauriges Lebendigwerden der Redensart, man könne jemanden nicht mehr riechen.

»Ich war glücklich, als John F. Kennedy erschossen wurde«, so beginnt eine der Geschichten. Da steht als, nicht weil. Die Sprachfalle. Menasses Verweis auf die Zusammenhänge, die so tun, als seien sie welche. Aber alles, was scheinbar zusammenhängt, kann weit voneinander getrennt sein. Und umgekehrt. Das Glück des Ich-Erzählers bei gleichzeitigem Attentat auf den US-Präsidenten? Es war ein Tag mit selten gewordenem Familienfrieden; bald schon sollten sich die Eltern scheiden lassen ...

Ich sagen kann jeder, aber nicht jeder kann so grandios davon erzähle. Lauter Ich-Erzähler lernen wir kennen, und mitunter ist es, als tauche Menasse doch »nur« ins eigene Leben. Das macht diese vierzehn Geschichten so schillernd, als dürfe man ohne Arg Realität und Fiktion verwechseln. Denn Menasse lockt gleichsam mit sich selber. Verwirrungshelle herrscht. Von ihm Erlebtes? Oder Erfundenes? Natürlich Erfundenes, auch wenn die biografischen Menasse-Realien da sind: das Wien mit Café Sperl und Girardi-Gasse, und wer denkt bei Urbanek nicht an den Naschmarkt-Spezialitätenhändler gleichen Namens; auch kommt Brasilien vor und der Fußball und Bad Ischl, der Kindheitinternatshöllenort.

In seinen Texten bleibt der lebensstaunende Menasse auch der intelligente Essayist: »Mein Selbstgefühl habe ich sicherlich aus der Verachtung bezogen, die ich für all die empfand, in deren Leben immer alles so ... verlief, dass ihnen stets die richtige Antwort, aber nie eine Frage einfiel.« Nach solchen Sätzen muss man das Buch nicht absuchen, sie kommen dem Leser zuhauf entgegen. Eltern, Großeltern erzählen zum Beispiel vom Krieg, genauer kann man den Unterschied zu Friedenszeiten nicht fassen: »›Erleben‹ gab es in meiner Familie immer nur zusammen mit ›müssen‹, und wenn man Glück hatte, dann musste man nicht.«

In dieser Prosa streitet sich der Zufall mit der Fügung. Menasses Menschen geraten mit Weltereignissen aneinander, alles ist plötzlich anders, aber was ändert sich wirklich? Die Ermordung Kennedys und das Schicksal einer Scheinschwangerschaft; Griechenlands EM-Sieg im Fußball und ein einfacher langer Wartetag in Luxemburg; der 11. September 2001 in New York und der 11. September 1973 in Chile und der ganz normale Wahnsinn, wenn jemand die Jahre bis zur Rente zählt – das geht so reibungslos wie spannend zusammen, der große geschichtliche Einschnitt und das kleine Einmaleins des geringen Lebens; der 9. November 1989 und eine seltsame Hochzeitsnacht, denn diese Nacht fängt nicht im Bett an, sondern endet nur – früh vor dem Fernseher und dessen Bildern vorm Mauerfall.

Ich kann jeder sagen. Das ist Dichters Ermunterung mit dem Hintersinn, dass Selbstbewusstsein zugleich auch eine Billigware sein könnte. Ich zu sagen, ist kein Privileg, sondern ein hohes Gut, allen zugänglich – doch lockt somit eine Massenorganisation der grassierend zunehmenden Ich-Sager, die sich selber längst nicht mehr nach dem fragen, was denn ihr unverwechselbarer Eigensinn sein könnte. Das kann jeder sagen!, das ist die Redewendung, mit der wir zurechtweisen und ins Gewöhnliche zurückordern, was sich ausgerechnet auf dem Allgemeinplatz als herausragend geriert.

Menasse verfügt über den gefährlichen Witz des Dialektikers, der keiner Wahrheit gestattet, sich auf sich selber auszuruhen. Einer einzigen Wahrheit freilich hält er die polemische Treue: Zum Verständnis unserer selbst bedarf es keiner exklusiven Offenbarung, die uns einem höheren Sinn anvertraut. Existenz heißt: Produktion von Unbestimmtheit, die ihre Energie paradoxerweise aus unserem untilgbaren Willen speist, etwas Bestimmtes zu erreichen.

Auch diesen Erzählungsband darf man daher, wie viele Texte des Österreichers, als augenzwinkernde Feier der Skepsis nehmen. Menasse ist der literarische Philosoph der Absagen an Dozentur und Doktrin. Es käme darauf an, die Welt zu verändern? Es ist schon viel, wenn man etwas findet, das den eigenen, von Erfahrung »stummen Lebensfilm vernünftig untertitelt«.

Alle Versuche, vom Sozialen und Politischen her ein stabiles Selbst aufzubauen, führen in eine unauthentische oder lächerliche Position. Und das Ich-Gehabe der sogenannten Postmodernen entpuppt sich in solcher Klarsicht nur als Unternehmen, besagte Lächerlichkeiten zu rehabilitieren.

Dieses Buch, ob es nun vom Traum erzählt, ein vollendeter Kritiker zu werden, oder vom ägyptischen Wahn Onkel Alfreds, unter einer selbst gebauten Steinpyramide begraben zu sein – es erzählt: Jener mythische Proviant, der großen Geschichte ein Bundesgenosse zu sein, gar dann, wenn es ums Gute und Fortschrittliche geht, ist aufgebraucht; die Mühen reichen doch gerade einmal, um in der eigenen kleinen Existenz so über die Runden zu kommen, dass man nicht ständig im Gefühl lebt, doch nur Strafrunden zu rennen ...

Einer der Ich-Erzähler bekommt, auf dem Highgate-Friedhof in London, einen Satz nicht mehr aus dem Kopf: »Tot sein heißt gewesen sein, falsches Leben heißt: nicht einmal das.« Ab wann weiß man, was falsch (gewesen) ist?

Wo andere Argumente haben, hat Menasse bissige Gedanken, und besonders gern rechnet er mit jener westlinken, geradezu linkischen Rebellen-Pose bestimmter Achtundsechziger ab: »Ich sammelte und ordnete Fakten, untersuchte Zusammenhänge, hinterfragte Motive, ging allen Informationen nach, entwickelte Theorien, suchte nach Schuldigen, glaubte, dass ich etwas zu verstehen begann, kam zu einer Lösung. Das nannte man damals Bildung. Die Bildung eines Weltbilds. Wer die Welt von links betrachtete, sah bald nur noch Täter und Opfer.« Aufklärung, das könnte der Sehnsuchtsruf eines Menschen sein, der Philosophie-Professor werden möchte, aber ach, es ist nur die Horizontbenennung eines künftigen Detektivs.

In Menasses Erzählungen brechen sich so die Stimmen des individuellen Begehrens nach Welt und nach Welt-Begreifen an den Hohlwänden der Geschichte; wer ein gar zu kräftiges Echo herbeileben möchte, der erfährt nur die Rückkunft eines erfahrungsgeschwächten Tons, der aus dem Tunnel der Dinge Enttäuschungen, Einbußen, Einlenkungsnöte meldet. Jetzt aber beginnt das Leben. Ich kann jeder sagen, das ist vorher Anmaßung, danach vielleicht Charakter. Und stets ist den Wissenden ebenso wenig zu helfen wie den Unwissenden; wer sich selber begegnet, erfährt die Verführung, schnell in eine andere Richtung zu blicken.

Und immer wiederkehrend der Alltag, »in dem die grauen Anzüge der Kleinbürger in der grauen Atmosphäre wie Tarnanzüge wirken.« Tarnanzüge. Also die Frage aller Fragen: Welcher Mensch steckt hinter jedem Menschen?

Robert Menasse: Ich kann jeder sagen. Erzählungen vom Ende der Nachkriegsordnung. Suhrkamp Verlag. 180 S., geb., 17,80 €.

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