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Eine Schicksalsfrage

KARL LANIUS KLÄRT ÜBER DEN KLIMAWANDEL AUF

Nicht nur als Wissenschaftler, als Kernphysiker, hat sich Karl Lanius Meriten erworben, Anerkennung ist ihm auch für seinen Einsatz gegen die Verbreitung von Atomwaffen zuteil geworden. Und der heute 82-Jährige greift noch immer in öffentliche Debatten über Moral und Verantwortung der Wissenschaft ein.

Was Leitartikel und Essays nicht vermögen, eine exakte Beweisführung über die Funktionsprinzipien komplexer Systeme und die Verteilung von Verantwortung in der Gesellschaft, gelingt Lanius in seinem neuen Buch. Manchem Leser mag es zunächst einige Schwierigkeiten bereiten, sich als Adressaten zu begreifen. Und über längere Abschnitte gewinnt man den Eindruck, Lanius setzt sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen der in der Öffentlichkeit über den Klimawandel kolportierten bitteren Wahrheiten auseinander, ohne selbst Partei ergreifen zu wollen. Doch baut sich bei weiterer Lektüre eine Art Spannung auf, wann der Autor sich nun als »Klimakämpfer« oder »Klimawandelskeptiker« outen würde. Wer sich auf Lanius’ Argumente einlässt, wird mit tiefen Einsichten darüber belohnt, warum sich die inzwischen wieder täglichen Debatten über Klimawandel und -katastrophe oft auf Nebenkriegsschauplätzen abspielen und unqualifiziert geführt werden. Und das ist nicht nur nützlich, sondern bitter nötig.

Da wäre zum einen die verbreitete Verwechslung von Klima und Wetter. Ein Wetterextrem ist noch kein Klimawandel. Und doch wird beides oft munter vermischt. Hurrikan, Dürre und Überschwemmung werden so zu Vorboten oder gar Belegen des Klimawandels. Die zweite weitverbreitete Verwechslung ist die von Modell und Prognose. Modelle sind nur so gut, wie das Verständnis der darin zugrundeliegenden Faktoren ausgereift ist, Prognosen sind meist von wissenschaftlicher Seriosität weit entfernt.

Lanius erklärt anschaulich, was eine Klimaschwankung vom -wandel unterscheidet und wie man den anthropogenen Faktor im Klimasystem bewerten kann. Das Ergebnis der Analyse überrascht: Wir wissen vielfach noch zu wenig über das Klimasystem, müssen aber schon jetzt handeln. Tief scheint heute der Graben zwischen Naturwissenschaften einerseits und Geistes- und Sozialwissenschaften andererseits. Diese Beobachtung ist nicht neu, aber der Klimawandel macht dieses gegenseitige Ignoranzverhältnis zunehmend inakzeptabel. Wenn die Menschheit in absehbarer Zeit in ihrer Existenz gefährdet ist, wären dann nicht gemeinsame Anstrengungen erforderlich? Hat eine sich sektoral spezialisierende Wissenschaft überhaupt Berechtigung, wenn sie nicht darauf ausgerichtet ist, Zukunftsprobleme zu lösen?

Nicht von ungefähr erscheint Lanius’ Buch im Vorfeld der UN-Weltklimakonferenz in Kopenhagen. Wenn die Politik einen Beitrag zum Überleben der Menschheit leisten will, muss sie auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse schnell und wirksam handeln. Dieser Appell von Karl Lanius richtet sich aber auch an die Wissenschaft und die Gesellschaft, sich der gemeinsamen Verantwortung bewusst zu werden und ein Gesellschaftssystem zu etablieren, das diese ins Zentrum rückt.

Karl Lanius: Klima, Umwelt, Mensch – Sozial-ökonomische Systeme und ihre Überlebens(un)fähigkeit. Pahl-Rugenstein, Bonn. 108 S., br., 12,90 €.

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