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Alte Schule

HANS MATTHÖFER

  • Von Richard Herding
  • Lesedauer: 2 Min.

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Mit 19 hätte er zur Roten Armee gehen können. Stattdessen manövrierte sich der Sohn einer Bochumer Arbeiterfamilie 1944 per »Heimatschuss« ins Lazarett und in britische Kriegsgefangenschaft. Im Nachkriegs-Westdeutschland bei Brenners IG Metall baute Hans Matthöfer mit den Genossen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes die gewerkschaftliche Bildungsarbeit aus. Gegen die »sozialpartnerschaftliche« Betriebsverfassung versuchte er bei Ford in Köln eine kämpferische Basis-Strategie mit den gewerkschaftlichen Vertrauensleuten. Als Forschungsminister propagierte er die »Humanisierung der Arbeitswelt« – mit Abschaffung des Fließbands. Als Staatssekretär für Entwicklungshilfe unterstützte er Kuba mit Castro, Chile mit Allende; verbunden im Kampf gegen Francos Regime in Spanien.

Dem weltweiten »Ost-Block« stand er ablehnend gegenüber, aber ohne Berührungsängste zu hegen. 1981 besuchte er die DDR, wo seine Frau Traute ihre Jugend verbracht hatte. Er fuhr ein mit Minister-Dienstwagen und BRD-Flagge, sprach mit den Leuten, die ihm »trotz Stasi-Überwachung nicht aus dem Weg gingen«. Er war einer der wenigen Politiker, bei denen Fidel Castro »Widerspruch duldete«.

Nach dem »Wirtschaftswunder« in Nachkriegs-Westdeutschland setzte er sich für Modernisierung ein. Dau gehörten die ersten Solarheizungen. Dafür engagierte er sich lange vor den Grünen. Im Bundestag hielt er eine so tief empfundene Rede gegen die Notstandsgesetze, dass der spätere »Schleyer-Stammheim-Sheriff«, Kanzler Helmut Schmidt, trotz rechter Gegenposition spontan den Arm um ihn legte. Beginn einer Männerfreundschaft über politische Differenzen hinweg. Damals kam es auch zu dem berühmtesten Ausspruch Matthöfers: »Früher dachte ich, die beste Gesellschaftsform ist der Sozialismus. Heute weiß ich, es ist die GmbH & Co.KG.« Als »Soliditäts«-Minister für Finanzen kam er mit seinen Gewerkschaftern in heftigen Streit, weil er die Arbeitslosigkeit nicht mit keynesianischen Staatsausgaben bekämpfen wollte. Spaß-Guerillero Fritz Teufel bespritzte ihn in der Fernseh-Talkshow »Drei nach Neun« mit Wein. Und bald wäre er Bundeskanzler geworden. Als Kohl dann konservativ-liberal regierte, war er Schatzmeister der SPD und begrub das traditonsreiche Blatt »Vorwärts«. Als Generaldirektor der gewerkschaftlichen Banken- und Immobilienvermögen hatte er die Bank für Gemeinwirtschaft »rettend« zu liquidieren (auch eine Folge des Skandals um das Unternehmen »Neue Heimat«). In Werner Abelshausers dickem Wälzer – Krimi, Wirtschaftsgeschichte, Anekdotensammlung in einem – wird Matthöfer als energischer Unternehmer geschildert.

Hans Matthöfer lebt heute, nach dem Tod seiner Frau, im hessischen Taunus, nahe seines einstigen Frankfurter Wahlkreises. Die Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung unterstützt die Humanisierung der Arbeitswelt durch Wissenschaft und Forschung.

Werner Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. Der Gewerkschafter, Politiker und Unternehmer Hans Matthöfer. J.H.W. Dietz Nachf., Bonn. 798 S., geb., 58 €.

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