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Verantwortung

HELGA HÖRZ – ZWISCHEN UNI UND UNO

  • Von Hermann Klenner
  • Lesedauer: 4 Min.

Noch im Gründungsjahrzehnt der BRD wurde die Ansicht, dass der Frauen Betätigungsfeld auf Küche und Kinderstube beschränkt sei, zum »Eckpfeiler der christlich-abendländischen Kultur« verklärt. Auf Anforderung des Bundesverfassungsgerichts hatte sich damals der Bundesgerichtshof gutachtlich folgendermaßen geäußert: Nach naturrechtlicher Auffassung zeuge der Mann die Kinder, während die Frau diese empfange, gebäre, nähre und die Unmündigen aufziehe; dieweil sie sich dem inneren Aufbau der Familie widme, sichere deren Bestand und Außenvertretung der Mann; insofern sei er – unter Anspielung auf Epheser V, 23 – ihr Haupt. Und an dieser gottgestifteten Familienordnung dürfe der Gesetzgeber ungeachtet des Grundgesetz-Artikels 3 II, wonach Männer und Frauen gleichberechtigt seien, nicht rütteln.

Inzwischen ist viel Wasser den Rhein und die Spree hinunter geflossen, und seit 1994 ist der bundesdeutsche Staat sogar grundgesetzlich (Art. 3 II, 2) verpflichtet, die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu fördern. Dazu war allerdings der andere deutsche Staat seit seiner Gründung verpflichtet, auch wenn zwischen Normativität und Normalität Diskrepanzen klafften.

Wenn einmal die Zeit gekommen sein wird, da die Lebensläufe der in der DDR ihren Erfolgsweg Gegangenen nicht dem gegenwärtigen Zeitgeist gemäß zu einer Kriminalgeschichte verzerrt werden, sondern, wie es ihnen zukommt, als ein Stück deutscher Sozialgeschichte geschrieben werden können, dürften Autobiografien wie die hier vorzustellende zum unverzichtbaren Material gehören. Handelt es sich doch um die Lebenserfahrungen der Tochter einer Arbeiterin und eines Arbeiters aus Danzig, Jg. 1935. Ihr Vater war kurz vor Kriegsbeginn verhaftet, von Freislers »Volksgerichtshof« zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt und im Mai 1945 aus dem KZ Mauthausen befreit worden. Sie selbst hatte ihres als »Hochverräter« verurteilten Vaters wegen die nur politisch zu erklärenden Unfreundlichkeiten eines katholischen Kindergartens und danach den Unterricht in einer Nazischule zu erdulden, wurde nach dem Krieg samt ihrer Mutter, da diese nicht die ihr angebotene polnische Staatsbürgerschaft annehmen wollte, ausgesiedelt und begann im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands ihre Karriere. Und die führte sie über Oberschule und Abitur, über ein staatsfinanziertes Studium samt Stipendium, Promotion, Habilitation, Aspirantur und Dozentur bis hin zu einer Professur an Berlins Humboldt-Universität. An deren Sektion Philosophie initiierte, konzipierte und gründete die inzwischen Ehefrau und Mutter von drei Kindern gewordene Professorin einen neuen Bereich für Ethik, den sie bis zur »Abwicklung« leitete. Um ihren Platz für einen »Westimport« freizumachen, wurde ihr nach der »Kehre« als einer Altlast nahe gelegt, in den Vorruhestand zu gehen – sie sei sich »wie ein davongejagter Hund« vorgekommen.

Helga Hörz hatte sich im Frauenausschuss der Gewerkschaft, als Vertreterin des Demokratischen Frauenbundes in der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (IDFF) und von 1976 bis 1990 als Diplomatin betätigt. Sie war vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen zum Mitglied der UNO-Kommission »Status der Frau« gewählt worden. Was sie, mit einem erstaunlichen Gedächtnis ausgerüstet, hierüber im Detail berichtet, ist unverzichtbar für jeden, der sich mit der konzipierten und praktizierten Außenpolitik des nun gewesenen anderen deutschen Staates zu beschäftigen unternimmt. Schließlich gehörte es unter anderem zu ihrer Aufgabe, an der für die Hälfte der Weltbevölkerung fundamentalen Konvention über die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung von Frauen (Convention on the Elimination of all Forms of Discrimination against Women) mitzuwirken.

Ein Gütesiegel besonderer Art verdient dieses Buch durch die Souveränität, mit der hier ein Leben dargestellt wird, das sich nicht aufgab, als die gewollte Wiedervereinigung Deutschlands zu einer »Okkupation des Ostens« verkam. Ungeachtet eingeschränkter Veröffentlichungsmöglichkeiten publizierte Helga Hörz weiter und scherte sich einen Dreck darum, ob ihre Erkenntnisse in das Schema der meinungsbeherrschenden Medien passen. Schließlich hatte sie sich schon früher zu ihrer Auffassung von Glück (»für meine Ideale zu kämpfen«) bekannt und als das von ihr am meisten verabscheute Laster ein »Leben auf Kosten anderer, gepaart mit Heuchelei und Intrigantentum« genannt.

Helga Hörz jedenfalls stahl sich nicht aus ihrer Verantwortung als Wissenschaftlerin, die man bekanntlich unabhängig davon hat, ob man dafür bezahlt wird oder auch nicht. Sie organisierte Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen zum Generalthema »Ethik: Gerechtigkeit – Humanismus – Verantwortung« und motivierte andere, über die Gleichstellung der Geschlechter, über Manipulierungsgefahren inflationärer Meinungsumfragen, Identitätskonflikte und Identitätswandel von Neubundesbürgern etc. zu debattieren. Da könnte sich so mancher unter jenen Intellektuellen, deren Leben in den letzten 20 Jahren bloß noch aus Schweigen und Anpassung bestand, mehr als nur eine Scheibe abschneiden.

Helga H. Hörz: Zwischen Uni und UNO. Erfahrungen einer Ethikerin. Trafo Verlag, Berlin. 293 S., br., € 29,80 €.

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