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  • Buchmesse Frankfurt/M.

Unglaubliche kriminelle Energie

KLAUS HUHN KLAGT DEN RAUBZUG OST AN

  • Von Franz-Karl Hitze
  • Lesedauer: 3 Min.

Einer der erfahrensten Berliner Journalisten hat die Tätigkeit der Treuhandanstalt in den 90er Jahren untersucht. Er kommt zu einem nicht überraschenden, doch in der geballten Fülle von Beispielen und Fakten erneut erschütternden und ernüchternden Urteil: Die Treuhand bewies mehr kriminelle Energie als bisher vermutet und man sich vorstellen kann. Das neue Buch von Klaus Huhn belegt en detail, dass vieles im Zuge der Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft nicht mit rechten Dingen zuging. Und er nennt Namen.

Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet Protagonisten der bundesdeutschen Wirtschaft, die in ihren Funktionen und Posten gescheitert sind, mit der Übernahme und Übergabe der ostdeutschen Wirtschaft betraut wurden, wie etwa Wolfgang Oehme von Esso, Karlheinz Bund von Ruhrkohle und Wilhelm Scheider von Krupp. Sie waren eigentlich schon alle in den Ruhestand verabschiedet worden. Nun durften sie die Ausplünderung Ostdeutschlands vornehmen, auch zu eigenem Vorteil. Die pensionierten Manager kassierten nochmal ordentlich. Die bei der »Abwicklung« der DDR-Betriebe bewusst unterlaufene Treuhand-Gesetzgebung nannte man in diesen Kreisen »heilsamen Ungehorsam gegenüber dem Gesetz«.

Ausführlich geht der Autor auf die Fusion der volkseigenen Kaliwerke Bischofferode mit einem westdeutschen Konzern ein. 22 000 Bergleute verloren damals ihre Arbeitsplätze. Der sicher noch vielen ND-Lesern in Erinnerung gebliebene mehrwöchige Hungerstreik mit Sympathisanten und Unterstützern auch aus den alten Bundesländern hatte das Desaster nicht verhindern können. Die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik ignorierten Arbeiterinteressen. Nicht anders erging es den Arbeitern und Angestellten der Teltower Geräte- und Regler-Werke (GRW). Dieses Werk wurde für eine symbolische D-Mark an einen Strohmann namens Wisser verschenkt.

Eine der härtesten »Treuhandtiefschläge« – so Huhn – traf die Interflug. Nicht nur, dass der Flugbetrieb eingestellt, Flugzeuge, Grundstücke und Vermögen verscherbelt worden sind, über 2200 Mitarbeitern wurde gekündigt. Die Lufthansa wollte keinen Konkurrenten im eigenen Land. Huhn berichtet des Weiteren, dass Siemens schon vor dem »Beitritt« die wichtigsten volkseigenen Objekte der Elektro- und Nachrichtenindustrie der DDR im Visier hatte. Der Konzern übernahm 16 Betriebe für den mehr als kulanten Preis von 250 Millonen D-Mark, d. h. pro Betrieb bezahlte man nur 16,5 Millionen. Einer der wichtigsten Kontaktleute des bundesdeutschen Konzerns in der DDR war der ehemalige Stellvertreter des Ministers für Allgemeinen Maschinenbau, Landmaschinen- und Fahrzeugbau Erhard Schulz. Ihm wurde für seine Mithilfe beim Beutezug von Siemens reichlich gedankt. Heute ist er bei der THA als Direktor für Spezialmaschinenbau verantwortlich.

Schockierend ist der Milliardendeal, der die Werften der DDR betraf. Sie hatten bis 1989 mehr als 3500 Schiffe nur für die Sowjetunion produziert. Am 1. Juni 1990 verfügte die Treuhand die Auflösung von 20 volkseigenen Betrieben des Kombinats Schiffbau; von 34 000 Werftarbeitern blieben nur noch 13 500 in Lohn und Brot. Die DDR-Werften wurden einem gelernten Apotheker (!) aus Bremen, Friedrich Hennemann, zu ebenfalls nur symbolischen Preisen »verkauft« – verschenkt wäre das richtigere Wort. Unter seiner Ägide verschwanden 850 Millionen Mark der Treuhand. Hennemann wurde später wegen Veruntreuung zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Auch die Verschleuderung des Vermögens, mobilen wie immobilen, der Deutschen Seerederei, die in DDR-Zeiten über 200 Schiffe besaß, beschreibt Huhn. Er berichtet über die Ruinierung der Silikatwerke Brandis, der Sächsischen Schraubenwerke Finsterwalde, des Bernauer Leiterplattenwerkes, der Agrotechnik Leipzig, der Malchiner Möbelwerke und vieler weiterer ehemaliger DDR-Unternehmen.

Das Land im Osten ist zu einem Selbstbedienungsladen für Gauner, Hochstapler und Hasardeure verkommen. Der Westen zog den Osten über den Tisch. Dieses Buch erklärt, warum Ostdeutschland arm und sozial abgehängt ist.

Klaus Huhn: Raubzug Ost – Wie die Treuhand die DDR plünderte. Edition Ost, Berlin. 192 S., br., 9,90 €.

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