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Das Neue und die Tradition

GASTLAND CHINA: Vier Bücher von vielen

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Als Ma Jian Mitte der 80er Jahre aufbrach, Beijing zu verlassen, war er in der Propagandaabteilung eines staatlichen Unternehmens eigentlich für die Verbreitung der schönen Seiten des »Chinesischen Sozialismus« zuständig. Doch Ma Jian, der sich in seiner Freizeit auch als Maler und Grafiker betätigte, sah sein Umfeld anders, als Vorgesetzte und die Partei von ihm verlangten. Sie trieben zwar die wirtschaftliche Öffnung des Landes voran, um China wieder stark und reich zu machen. Doch Denken und Handeln der Menschen wollten sie weiterhin kontrollieren. Ma Jian ergriff die Flucht nach vorn und begab sich auf Wanderschaft. Drei Jahre war er unterwegs, meist zu Fuß. Er fälschte Empfehlungsschreiben, gab sich als Reporter aus der Hauptstadt aus und hörte den Menschen genau zu. Am Ende seiner Reise verfasste er eine wunderschöne Liebeserklärung an seine Heimat, die sich auch in der Übersetzung von Barbara Heller flüssig liest und zu keiner Zeit langweilt.

Weitab der breiten Straßen taucht Ma Jian in die unbekannten Tiefen Chinas ein, beschreibt geografische Vielfalt und klimatische Besonderheiten, schildert unterschiedliche Lebensformen und Gewohnheiten. In seinen lebendigen und einfühlsamen Schilderungen spart er auch Verfehlungen der Politik nicht aus. Der Leser erfährt von den Schrecken der Kulturrevolution, von der Entmündigung kasachischer Nomaden, die einfach umgesiedelt werden, von der fehlenden Achtung vor andersartigen Traditionen und Kulturen der Minderheiten im Land und vom Modernisierungswahn örtlicher Beamter gegen Mensch und Natur. Autobiographie und Reisebericht zugleich, in wunderschönen Bildern erzählt, vorurteilsfrei und sehr authentisch verfasst.

Yan Lianke entschuldigt sich im Nachwort bei seinen Lesern, dass sein Werk allein von Schmerz und Trauer handelt. Er nimmt sich eines der traurigsten Kapitel der Reform- und Öffnungspolitik in China an. Seit den 70er Jahren haben Bauern in den ärmsten Regionen des Landes ihr Blut verkauft. Als Mitte der 90er Jahre das »Fieber«, wie Aids im Roman bezeichnet wird, ganze Dörfer befiel, ließ die Regierung zwar Blutbanken schließen, doch aufgeklärt über das Virus Aids wurde niemand. Zigtausend Menschen sollen sich durch den unkontrollierten Blutverkauf infiziert haben. Im Jahr 2000 begann das große Sterben.

Jahrelang hat Yan Lianke für seinen Roman in der zentralchinesischen Provinz Henan recherchiert. Nichts beschreibt Chinas Ausverkauf der natürlichen Ressourcen besser als das schmutzige Geschäft mit dem Blut vom schnellen Profit geblendeter Blutbankchefs. Yan Lianke, der zu den bedeutendsten chinesischen Autoren gehört, lässt den unschuldig getöteten Enkel seines Protagonisten aus dem Grab die Geschichte des Dorfes berichten. Das tote Kind wird zum allwissenden Erzähler, der die Handlung mittels eingestreuter Rückblenden für den Leser plausibel macht.

Zwar ist Aids längst kein Tabuthema mehr in der zentralen Parteipolitik. Doch der Roman von Yan Lianke ist in China verboten. Schade, denn seine Kritik richtet sich mehr gegen den Verfall von Moral und traditionellen Wertvorstellungen in der chinesischen Gesellschaft, denn gegen die herrschende Politik. Ein großes Lob an den Übersetzer Ulrich Kautz. Er übertrug das Werk in eine einfache wie einfühlsame deutsche Sprache, die dem Leser das Gefühl gibt, nicht eine Übersetzung, sondern das Original zu lesen.

Yang Lian ist bekannt für Gedichte und Essays, deren Sinn sich nicht linear entfaltet. In seinem Band lässt er die archaische Lyrik des alten China auferstehen. Seine Gedichte handeln von Masken, von Krokodilen, von Sonne und Mond, von Knochen und Zähnen. Dem Leser scheint, als wollten sie in die Irre führen, dabei sind sie Ausdruck der geistigen Verfassung ihres Autors. Sie beschäftigen sich mit den Erfahrungen im Exil, der Liebe und dem Tod wie auch mit den Möglichkeiten der Sprache. Für Yang ist ein Gedicht ein »besonderer Raum« mit einer »Fülle von Gedanken ..., durchdrungen von Sinnlichkeit«.

1955 in Bern als Kind chinesischer Diplomaten geboren, wuchs Yang in Beijing auf. Während der Kulturrevolution wurde er zur »Umerziehung durch die Bauern« aufs Land geschickt. Ende der 70er Jahre veröffentlichte er erste »modernistische« Gedichte in einer Untergrundzeitschrift. 1989 engagierte er sich in der Studentenbewegung. Nach deren Niederschlagung musste er China verlassen, lebt heute in London. Den Schlüssel zum Verständnis des heutigen China sieht er im Transformationsprozess, den die traditionelle chinesische Kultur im letzten Jahrhundert durchlaufen hat. Der Kommunistischen Partei sei es zwar gelungen, »die Traditionen zu zerstören«, doch sie vermochte nicht, »ein neues System des Denkens und Handelns, das auf dem Wert des Einzelnen gründet, zu errichten«. So seien »Macht und Geld ohne jegliche geistige Substanz an die Stelle der alten Werte getreten«. – Die Gedichte wurden von dem bekannten Sinologen Wolfgang Kubin übersetzt. Er kennt den Autor persönlich und weiß sich in seine Psyche und Gedankenwelt hineinzuversetzen. Die Übersetzung der Essays stammt, mit einer Ausnahme, von Karin Betz.

Alice Grünfelder hat als Stipendiatin zwei Jahre in Chengdu im Südwesten des Landes gelebt und viele Reisen ins nahegelegene Tibet unternommen. Der Band »Flügelschlag des Schmetterlings«, für den sie Texte von Autorinnen und Autoren der jüngeren Generation aus Tibet und dem Exil auswählte und übersetzte, bietet einen interessanten Querschnitt der heutigen tibetischen Literatur. Zwar geht es immer wieder um die Wiederbelebung und Erhaltung eigener Traditionen angesichts chinesischer Dominanz. Doch ist ebenso der Wunsch spürbar, eine eigene zeitgemäße Literatur zu entwickeln, was angesichts der Zerrissenheit und Zersplitterung des tibetischen Volkes schwierig ist.

Tsering Öser, die wie viele der Autoren an einer Nationalitäten-Akademie in der chinesischen Großstadt studierte und heute mit ihrem chinesischen Ehemann in Beijing lebt, berichtet über junge Leute, deren Eltern noch im alten Tibet geboren wurden und der Kommunistischen Partei wohl- gesonnen waren, die sie von der Sklaverei befreit hatte. Ihre Kinder konnten vom sozialen Netzwerk der Eltern profitieren und nutzen es heute ausschließlich für ihr eigenes »Business«. Die tibetischen Traditionen sind ihnen fremd, und doch sehen sie sich als künftige Herren Tibets. Auch Thypten Samphels Erzählung »Der letzte Gott« zeigt, dass nicht allein die anderen, sondern auch die eigenen Leute am Ausverkauf der tibetischen Kultur beteiligt sind.

»Sinisiert, verwestlicht, modernisiert oder was auch immer«, so Tsering Öser, in der tibetischen Gesellschaft scheinen die Differenzen oft unüberbrückbar. Das System verlangt Anpassung, das Verbiegen von Charakteren oder das rücksichtslose Ausleben von Wünschen.

In allen Erzählungen werden stilistisch experimentierfreudig die Grenzen der Literatur ausgelotet, auch um sensible politische Themen nicht auszusparen. Die Reaktion der Parteiführung folgte auf dem Fuß. Einige der Autoren dürfen in China nicht publizieren. Tsering Öser verlegt ihre Werke seit 2003 in Taiwan.

Ma Jian: Red Dust. Drei Jahre unterwegs durch China. SchirmerGraf. 416 S., geb., 24,80 €.
Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters. Roman. Ullstein. 364 S., geb., 22,90 €.
Yang Lian: Aufzeichnung eines glückseligen Dämons. Suhrkamp. 270 S., geb., 29,80 €.
Flügelschlag des Schmetterlings. Tibeter erzählen. Unionsverlag. 224 S., geb., 16,90 €.

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