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Und bedenke das Ende ...

»Musik und Utopie« im Osten – Konzert und Gespräch in Berlin

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Theodor W. Adorno schrieb einmal, als alles nichts mehr half: »Utopien können warten.« Nun, Komponisten können das nicht. Sie müssen ihre Brötchen verdienen und zeigen: Wer gut ist, ist überall gut. Darum haben Ralf Hoyer und seine Mitstreiter eine vierteilige Konzertreihe auf die Beine gestellt, die sich mit dem so unfasslichen wie schönen Thema »Musik und Utopie« beschäftigt. Die zweite Folge »Utopien ... im Osten« lief am Sonntag in der St. Elisabeth-Kirche in Berlin-Mitte.

Zuerst blies Burkhard Glaetzner den Monolog für Oboe solo, komponiert von Friedrich Schenker 1968. Die beiden, 1970 Gründer der Gruppe Neue Musik »Hanns Eisler«, verbindet eine lange Künstlerfreundschaft. Ein lichtes, ungebärdiges Stück, gespickt mit wundersamen, in die Ferne weisenden Kantilenen und spieltechnischen Raffinessen, wie sie damals erst im Kommen waren (Doppelgriffe, Flageoletts, zwölftönige Einsprengsel ...). Alle Virtuosität steht im Zeichen klarer Artikulation – utopischer Gedanken? Schenker verneinte das. Da gäbe es andere Werke von ihm. Es stellte sich heraus: Kompositionen, in denen so etwas wie Utopien aufscheinen, konnten aus Geldgründen nicht aufgeführt werden. Wie einfach Wohlmeinendes ungehört bleiben kann.

Interessant nicht minder Ralf Hoyers »Studie 4« für Kontrabass und Tonband von 1980. Matthias Bauer schruppt den Bass auf den tiefen Leersaiten so sehr wie in den höchsten Registern, entlockt ihm poetische Klänge. Elektronisch reproduziert, gehen sie verwandelt zurück ins Ohr des Livemusikers, der seinerseits darauf verändert erwidert. In der Mitte legt Bauer sein Instrument auf den Boden, bearbeitet es mit Schlegeln und zwei Bögen. Ein Stück von zupackender Unmittelbarkeit.

Georg Katzers 1977 für Burkhard Glaetzner komponiertes Solostück »über des oder: Material für einen höheren Zweck« wurde per Vinylplatte eingespielt. Mit »des« ist Paul Dessau gemeint – eine Hommage zu dessen 80. Geburtstag: klangschön, mit ganzen Ketten gewagter Intervallsprünge und extremen Tongebungen.

Eine Uraufführung kam mit Reiner Bredemeyers »Wendepunkte« für vier Männerchoristen, drei Klarinetten, Tuba und Schlagzeug von 1992. Die Komposition enthält Nachrichtentexte, wie sie Bredemeyer, wenn ihn etwas wurmte, rasch zu Papier brachte. Nüchterne Sätze, unsägliche Sprüche, beschämende Belehrungen von Brandt, Enzensberger, Schorlemmer bis zur »taz«, Biermann und Kohl. Dazu eine Parodie auf Biermann mit Heine-Versen und rondoartig der Spruch: Quidquid agis, prudenter agas et respice finem (Was du tust, tue es klug und bedenke das Ende). »Wendepunkte« karikiert die Klugscheißer, die kübelweise ihren Mist auf die Ostsubjekte geschüttet haben. Ulkig die Vertonung der »taz«-Prophezei- ung, das Gespenst des Manifestes von 1848 hätte seinen Geist aufgegeben. Die Tuba erwidert darauf mit »Völker hört die Signale ...«.

Die Disskusion mit Ute Bredemeyer und Friedrich Schenker, Leitung Ralf Hoyer und Arno Lücker, mühte sich, dem Utopiebegriff in der Musik näher zu treten. Das verlief im Sande. Stattdessen ein kleiner Abtausch: Die DDR-Funktionäre würden im Westen immer noch als Unterdrücker neuer Kunst gelten. Gerade da aber hätte es starke Unterschiede gegeben, so Schenker. Nach der Aufführung eines seiner pazifistischen Stücke, der »Missa nigra« 1979 in Leipzig, habe ihm der 1. SED-Bezirkssekretär Wötzel zum Erfolg seines experimentellen Multimediawerkes gratuliert. Kein Einzelfall.

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