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  • Kultur
  • Buchmesse Frankfurt/M.

Obama, Müller, Schmidt

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Preise machen unfrei. Ein bisschen jedenfalls. Sie lösen Druck aus, dann, wenn der geehrte Mensch sensibel ist. Er fühlt sich in die Erwartungspflicht genommen. Er muss reagieren, zurückgeben, gemäß sein. Jetzt schauen alle auf US-Amerika, ob Obama reagiert, zurückgibt, gemäß ist. Mit ihm erhielt das Hoffen (auf Frieden) einen Preis, jener kleine Bruder der Utopie, die gerupft und zerledert in der Reha-Klinik der Weltgeschichte liegt und erst wieder mühsam lernen muss, wie man die Gelegenheit, also vielleicht die Massen, beim Schopfe ergreift. Reichlich Sumpf wäre vorhanden. Friedensstiftende Politik kam arg herunter, jetzt gilt schon die Hoffnung auf solche Politik als preiswürdig. Deshalb verdiente Obama den Preis! Er ist, wie die Zeit wurde.

Wie Herta Müller den Nobelpreis verdient hat. Der setzt auch unter Druck – freilich weniger die Autorin und ihre Leserschaft, sondern vielleicht eine bisherige Nichtleserschaft. Nun ist sie nämlich ein Quentchen stärker, hörbarer, gestützter geworden, jene Stimme, die vom Leben im Kollektivismus der Beklemmungen erzählt, einem (Sozial-)Ismus, der sich ebenfalls die große Hoffnung nannte und dann aber erzog und dirigierte und unfrei war, bis viele die Hoffnung aufgaben. Davon erzählt Müller, mit der aufstörenden Freiheit, nicht dialektisch, ausgewogen zu sein, sondern ganz undialektisch, ganz eindeutig, ganz unverzeihend und ganz rigoros. Sie hat geschrieben, wie es der Dresdner Dichter Durs Grünbein in der gleichen Woche sagte, in der Müller ihren Preis bekam: »Das Aufwachsen in einem unfreien Land war eine Erfahrung, die ich gern hätte missen wollen. Sie war im Grunde für nichts gut, außer dafür, mit den Abwehrkräften das moralische Immunsystem zu stärken und damit im Glücksfall auch den Charakter. Insofern sind Zwangsverhältnisse ein Dienst am Individuum.«

Dichter können nicht herbeischaffen, was die Gesellschaft uns verweigert. Politiker auch nicht, aber sie glauben es. Sie bieten Rezepturen, das macht sie den Schlagertextern nicht unähnlich; in der Politik nennt man das Generalsekretär. Das ist Sucht nach Sinn, wo Dichtung Skepsis bietet.

Skepsis an den Gewissheiten. Dafür gab es jetzt auch einen Preis – den ersten der Messe: den Deutschen Buchpreis, für Kathrin Schmidt, ihren Roman »Du stirbst nicht« (ND vom 12. Oktober).

Natürlich stirbt in diesem Roman über die Nachkoma-Existenz einer Todgeweihten einiges: Sicherheiten, Gewissheiten, hart gewordenes Vertrauen. Schmidt (Foto: dpa) erlitt selbst das Schicksal einer Hirnblutung, kämpfte sich aus Sprachlosigkeit zurück ins Leben und in eine Literatur, die ohne Betroffenheitspathos Erfahrungen des eigenen Abgrunds in den Zusammenhang einer bebenden Weltsekunde stellt: die Zeit zwischen DDR-Schwund und neuem Deutschland.

Geboren wurde Schmidt 1958 in Gotha, sie studierte Psychologie, stellte in der FDJ-Poetenbewegung ihre ersten Verse vor. Vor zwanzig Jahren saß sie für die Vereinigte Linke am Runden Tisch. Die Romane der Wahl-Randberlinerin (Mahlsdorf), die fünf Kinder hat: »Die Gunnar-Lennefsen-Expedition«, »Königs Kinder«, »Seebachs schwarze Katzen«).

Preise. Druck-Sache. »ich bring mich im wechsel der stoffe/ drei schritt zu mir hin« (Kathrin Schmidt, 1982).

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