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Opferverband in der Kritik

Contergan-Geschädigte wollen härteren Kurs gegenüber Pharma-Konzern

  • Von Elke Silberer, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

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Jahrzehntelang war der Bundesverband Contergangeschädigter faktisch die einzige Interessenvertretung der Geschädigten. Jetzt bekommt der Verband Konkurrenz.

Köln/Aachen. Es war wie ein ungeschriebenes Gesetz – wer mit den Conterganopfern sprechen oder verhandeln wollte, ging zum Bundesverband Contergangeschädigter. Über Jahrzehnte war der Verband so etwas wie eine offizielle Instanz, die erste Adresse. Für Politik, Bundesregierung und den früheren Conterganhersteller Grünenthal in Aachen gilt das noch heute, unter den Betroffenen aber nicht mehr unbedingt. In den letzten zwei Jahren ist ein neuer Flügel mit drei größeren Gruppen entstanden. Diese greifen nicht nur Grünenthal, sondern auch den Bundesverband an. Es geht ein rauer Wind.

Einer der Wortführer ist Andreas Meyer. Der Mann ohne Arme und Beine ist ruhig im Ton und unerbittlich im Angriff auf die Unternehmerfamilie Wirtz, den Grünenthal-Eigentümern. Meyer hat keine Angst vor den Mächtigen und sucht die Konfrontation, mit dem Erzfeind Grünenthal wie auch mit dem Bundesverband. »Das Bollwerk und der Schutz für Grünenthal war in all den Jahren der Bundesverband«, kritisiert Meyer. Ein harter Vorwurf.

Aus einer tiefen Unzufriedenheit gründete Meyer vor zwei Jahren den Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer (BCG). In dieser Zeit war Contergan in der Öffentlichkeit wieder ein Thema: Der 50. Jahrestag der Markteinführung, dann der WDR-Zweiteiler »Eine einzige Tablette«. Aufbruchstimmung. »Wir sagten, jetzt machen wir den Mund auf, selbst die, die sich vorher nicht getraut hatten«, schildert Meyer. In dieser Zeit wurde den Betroffenen auch schlagartig bewusst, wie es um sie im Alter bestellt sein würde: Schmerzen, Armut, Hilflosigkeit.

Der BCG geht deutlich auf Konfrontationskurs, vor zwei Jahren startete man einen Boykottaufruf gegen Grünenthal-Produkte. Anfang Oktober harrte man bei einer Mahnwache vor dem Grünenthal-Werk in Stolberg bei Aachen auch über Nacht aus. »Wir brauchen von Grünenthal keine Fürsorge. Die schulden uns was. Wir sind keine Bedürftigen«, sagt der BCG-Vorsitzende Meyer. Man fordert acht Milliarden Euro Entschädigung und die Aufarbeitung der Ereignisse. Kurz nach dem BCG gründete sich der deutsche Zweig der ICTA (Internationale Contergan-Talidomid Allianz). Diese »Bürgerbewegung« ist Teil eines internationalen Netzwerks und fordert unter anderem eine Million Euro für jedes deutsche Opfer. Die ICTA nimmt für sich in Anspruch, einen Großteil der 2800 Betroffenen in Deutschland hinter sich zu haben.

Damit nicht genug. Christian Stürmer gründete zusätzlich das »Contergannetzwerk«, einen Verein mit mittlerweile 250 Mitgliedern. Auch er kämpft für eine Entschädigung. »Der Bundesverband hat veraltete und verkrustete Strukturen«, sagt er. Die anderen Gruppen waren für ihn keine Alternative. Deshalb das »Contergannetzwerk«. Nach seinem Jurastudium reichte er in Karlsruhe eine Klage gegen den Staat ein: Der komme seiner Pflicht zur Versorgung der Opfer nur unzureichend nach. Verschärfend kommt hinzu, dass seit Gründung der Conterganstiftung offiziell gilt, dass die Betroffenen keine weiteren Ansprüche gegen Grünenthal geltend machen können.

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