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Gefährliche Schlittenfahrten

Arved Fuchs berichtet über die Folgen des Klimawandels auf Grönland

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Schiffe sind das Biotop des Weltenbummlers Arved Fuchs. Dazu passt die Wahl des Museumsschiffs »Rickmer Rickmers« im Hamburger Hafen als Ort für die Präsentation seiner jüngsten Expedition »Nordpoldämmerung«, die den Bad Bramstedter nach Grönland geführt hat.
Arved Fuchs' Kutter vor einem der schrumpfenden Eisberge
Arved Fuchs' Kutter vor einem der schrumpfenden Eisberge

Hauptthema der 6000 Meilen langen Seereise mit dem Haikutter Dagmar Aaen ist der Klimawandel. »Wir stehen vor einem neuen Zeitalter«, sagte Fuchs im Clubraum des Museumsdampfers an den Landungsbrücken. Die Folgen des Klimaumschwungs in der Arktis seien zum Teil dramatisch, berichtete der 56-Jährige und nannte ein Beispiel: Der Monat August war früher die beste Zeit, um den Smithsund zwischen der kanadischen Ellesmere-Insel, der weltweit zehntgrößten Insel, und Grönland zu durchqueren. Doch bedingt durch die Veränderung des Weltklimas wurden in diesem Jahr gewaltige Eismassen in den Sund geschoben – ein Ergebnis der Eisschmelze im arktischen Ozean. »Das Navigieren unseres Schiffes war äußerst problematisch«, berichtete Fuchs und erklärte, er könne – infolge der völlig veränderten Eisverhältnisse – seine nautischen Erfahrungen der vergangenen 30 Jahre über Bord schmeißen.

Aus für Touren nach Kanada

Doch nicht nur erfahrene Seebären müssen sich auf die neue Zeit einstellen: Am stärksten betroffen sind die Menschen, die in der Nähe des Polarkreises leben. Eine Station auf der Forschungsreise war die Gemeinde Siorapaluk, die als nördlichste Siedlung der Welt gilt. Zwar liege das norwegische Spitzbergen noch weiter im Norden, diene wie andere vergleichbare Orte aber nur als Forschungsstation, so Fuchs: »In Siorapaluk leben die Menschen seit Generationen.«

Den Heutigen schmilzt dort das Eis regelrecht unter den Füßen weg. Es bildet sich erst zwei Monate später als zu früheren Zeiten und bricht zwei Monate früher auf. Außerdem ist das Meereis dünn und deshalb unsicher geworden, sodass die Jäger nicht zu ihren angestammten Jagdgründen gelangen können. Sichere Fahrten sind nur noch auf dem Fjordeis möglich. »Die Zeiten, in denen sie Verwandte im kanadischen Grise-Fjord mit dem Hundeschlitten besuchen konnten, sind vorbei«, so Fuchs. Die Zahl der eingebrochenen Schlitten und Rettungsmaßnahmen habe sich zuletzt sprunghaft erhöht. Außerdem müsse das Fleisch neuerdings gesalzen werden, da es sich nicht mehr so lange lagern lasse und Fliegen anlocke, die dort ihre Eier legen.

Drittgeringste Eisbedeckung

Wissenschaftliche Messungen bestätigen die subjektiven Erfahrungen in Sachen Klimawandel. Im Sommer 2009 erreichte die geringste Eisbedeckung des Jahres im Nordpolarmeer nur noch 5,1 Millionen Quadratkilometer. Früher erstreckte sich die polare Eisdecke auf dem sommerlichen Tiefpunkt im Durchschnitt über 7 Millionen Quadratkilometer. Laut dem US-Eis- und Schneedatenzentrum NSIDC ist die aktuelle Eisfläche die drittkleinste seit Beginn der Messungen per Satellit im Jahr 1979. Den Negativrekord hatten die Forscher 2007 mit 4,1 Millionen Quadratmeter vermeldet. Die mit drei Crew-Mitgliedern besetzte Dagmar Aaen wird nach Fuchs’ zwischenzeitlicher Rückkehr nach Deutschland in Upernavik im Nordwesten Grönlands überwintern. In der Nähe des Schiffes sollen zahlreiche wissenschaftliche Messinstrumente installiert werden, um Daten zu sammeln. Es handelt sich dabei um Temperaturmessungen im Meereis, im Ozean und der Luft. Außerdem sollen der Salz- und Schadstoffgehalt festgestellt und die Eisdicke ermittelt werden. Ziel ist es, mithilfe dieser Daten im nächsten Weltklimareport eine genauere Vorhersage über zukünftige Entwicklungen der Umwelt zu ermöglichen.

Doch Fuchs wäre nicht Fuchs, wenn er nicht auch von einem Abenteuer berichtet hätte, das vor 126 Jahren 19 Menschen das Leben gekostet hatte. Trotz schwieriger Eisverhältnisse steuerte der Holsteiner das Kap Sabine auf der kanadischen Pim-Insel an. Dort fand er Relikte der dramatisch verlaufenen Expedition des Oberleutnants Adolphus Greely, dem 1881 der Rückweg durch Packeisfelder versperrt wurde. Nach 51 Tagen auf See strandete die 24-köpfige Crew auf der Pim-Insel. Nur fünf Mitglieder überlebten Hunger und Kälte. »Wir haben zahlreiche vermoderte Kleidungsstücke gefunden«, erzählte Fuchs vom grausigen Fund, aus dem sich »eine Art Humus« gebildet habe. Mit Folgen: Während die Umgebung des alten Hausfundaments ein ödes Brachland ist, hat sich an dem Ort, wo die zwei Dutzend Männer auf engstem Raum nebeneinander kauerten, eine grüne Mini-Vegetation gebildet.

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