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Der Weg ist das Gesetz des Lebens

Philosophieren im alten China – menschlich, materialistisch und dialektisch

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Sokrates (469-399 v.u.Z.) habe als erster die Philosophie vom Himmel auf die Erde herunter gerufen und unter den Menschen angesiedelt, meinte Cicero. Einspruch! Dem brillanten römischen Rhetoriker sei verziehen, er wusste es nicht besser. Heute weiß man es besser und doch beginnen philosophiegeschichtliche Werke hierzulande mit dem griechischen Steinmetz; philosophisches Denken im alten Ägypten, Babylonien, Indien und China findet sich nachgeordnet. Der sympatische Athener war auch nicht der erste, der die erkentnisgewinnende Methode des Dialogs praktizierte, von ihm Mäeutik (Hebammenkunst) genannt. Hundert Jahre vor ihm wandte diese schon Konfuzius (551-479 v.u.Z.) an, der »höchste Genius« Chinas. »Ich gebe nur weiter und schaffe nichts Neues«, hatte jener bescheiden gemeint. Und Sokrates sagte (verkürzt): »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« (Was ihm ignorante Polismitbürger als Arroganz auslegten.) Hatte jener seinen Platon, so dieser seinen Yan Yuan. Ähnlich dem »Symposion« oder der »Apologie des Sokrates« enthält das »Lunjü« die Lehrgespräche des Konfuzius, von den Schülern aufgezeichnet.

Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen dem abendländischen und fernöstlichen Philosophen. Sokrates erlebte und erlitt den Peloponnesischen Krieg (431-404 v.u.Z.), der die Griechen in zwei sich blutig bekämpfende Lager gespalten hatte, und die Willkürherrschaft der Dreißig in Athen (404/403 v.u.Z.), die ihm, wegen Befehlsverweigerung, schon fast den gewaltsamen Tod beschert hätte. Konfuzius (= Lehrmeister) lebte ebenfalls in einem chaotischen Zeitalter, der »Zeit der Streitenden Reiche«, die ihn auf eine 13-jährige Wanderschaft zwang. Permanenter Kriegszustand, Zwangsrekrutierungen hunderttausender Bauern zum Bau der Großen Mauer, die Umwandlung von Grund und Boden in Privateigentum und eine Ware, verbunden mit dem Zerfall der traditionellen Dorfgemeinde, machtvolle Volksaufstände – dies war der Nährboden, auf der die Ethik des Konfuzius reifte, deren Grundbegriff das »Shön« (Humanität) ist. Menschlichkeit (Rén) sei das oberste sittliche Prinzip, das die Beziehungen der Menschen zueinander in der Familie und in der Gesellschaft bestimmen solle. Die Menschen müssten großmütig zueinander sein, sich achten und den Ahnenkult heilig halten.

Konfuzius, der früh Waise geworden war und dennoch eine erstaunliche Karriere machte, von einem Scheunenaufseher zum Bau- und Justizminister und schließlich gar Vize-Kanzler, verlangte, dass jeder Mensch verantwortungsvoll und demütig seine Stellung in der Familie und Gesellschaft einnehme und entsprechend handele: »Der Herrscher muss Herrscher sein, der Untertan Untertan, der Vater Vater, der Sohn Sohn.« An der Spitze des Staates wünschte er sich weise Männer, die die Untertanen durch persönliches Vorbild erziehen (ähnlich Sokrates/Platon). Als höchstes menschliches Ziel definierte er »Harmonie und Mitte, Gleichmut und Gleichgewicht«. Den Weg hierzu sah er vor allem in Bildung. Jeder Mensch müsse bestrebt sein, stetig zu lernen und sich sittlich zu vervollkommnen.

Es dürfte nicht verwundern, dass seine Lehre von nachfolgenden Generationen unterschiedlich interpretiert wurde. Vertreter der herrschenden Klassen bedienten sich ihrer, um das Volk in sklavischer Unterwürfigkeit zu halten. Dabei hatte Konfuzius – in seiner Jugend »von niederer Stellung, weshalb ich mich in vielen einfachen Dingen auskenne« – keinesfalls die zwangsläufige Legitimation der irdischen Kaiser als Nachfolger eines »Himmlischen Herrschers« sanktioniert. Und darin war er wiederum nicht der erste. Gegen diese seit dem seit 2. Jahrtausend v.u.Z. dominierende Vorstellung hatten sich schon vor ihm einige chinesische Gelehrte gewandt.

Zu ihnen gehörte Laotse (= Alter Meister), über den wenig bekannt ist. Vermutlich lebte er um 604 bis 523 v.u.Z. und war Archivar in der Bibliothek der Zhou-Dynastie. Der Legende nach soll er im hohen Alter, enttäuscht von den Zuständen in seiner Heimat, China den Rücken gekehrt haben. Da ihm an der Grenze ein Zöllner verbot, seine geistige Habe mit ins Ausland zu nehmen, hat er sein Wissen und seine Weisheit einem jungen Mann diktiert. So soll das Buch »Laodi«, später »Daodejing« (Das Buch vom Weg) betitelt, entstanden sein (vermutlich ist es jedoch erst im 3. Jahrhundert v.u.Z. aufgezeichnet worden).

Die Botschaft des Alten Meisters lautete, dass alles Leben nicht dem Willen des Himmels, sondern dem Gesetz des Dao (= Weg) untergeordnet ist. Das Dao existiere, so Laotse ganz materialistisch, unabhängig vom Bewusstsein und Willen des Menschen. Was das Dao ist, könne nicht exakt gesagt werden: »Das Dao, über das ausgesagt werden kann, ist nicht das absolute Dao. Die Namen, die gegeben werden können, sind keine absoluten Namen.« (Erkenntnistheoretisch übersetzt: Es gibt nur relative Wahrheiten, Annäherungen an die absolute Wahrheit.)

Der alte chinesische Dialektiker verkündete, dass nichts beständig ist, sich alles in Bewegung und Veränderung befindet. »Die einen Wesen gehen, die andere folgen ihnen, die einen erblühen, die anderen verwelken, die einen werden geschaffen, andere werden zerstört«, wusste Laotse (vergleichbar dem »Panta rhei« des Heraklit, eines Vorsokratikers). Im Daoismusmus findet sich auch schon das von Engels, aufbauend auf Hegel, postulierte Gesetz von der Negation der Negation. Jedes Ding verwandelt sich, wenn es eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hat, in seinen Gegensatz: »Das Unvollkommene wird vollkommen, das Krumme wird gerade, das Leere wird voll, das Alte wird vom Neuen abgelöst.« Dies sei das Gesetz des Lebens. Der Gegensatz ist dem Dao immanent.

Die Daoisten holten die Philosophie vom Himmel auf die Erde und

wiesen sich auch als Gesellschaftskritiker aus. Alles Unglück im Leben des Volkes komme daher, dass die Herrscher das natürliche Gesetz des Dao verletzen. »Das Volk hungert, weil die Steuern und Abgaben zu groß sind.« Das Volk braucht Freiheit. »Bedroht nicht seine Heime, verachtet nicht sein Leben«, appelliert das »Daodejing« an die Regenten – wie zeitlos!

Auch der Daoismus ist ist verschieden auslegbar. Die von den Daoisten gepredigte Theorie, dass sich Naturprozesse ungewollt, unbeirrt und unbewusst vollziehen und der Mensch den Lauf der Dinge nicht beeinflussen könne, bot dem Fatalismus Argumente. Zudem lehnten die Daoisten die Zivilisation ab, in der jeder nur nach Reichtum, Macht und Ruhm strebe, und forderten ein »Zurück zur Ursprünglichkeit« (ähnlich Rousseau mit seinem »Zurück zur Natur«).

Aktuell an Laotse ist, dass er »rüsten ohne Waffen« gefordert und Zeitgenossen beschworen hatte: »Wer gut die Feinde zu besiegen weiß, kämpft nicht mit ihnen.« Er lehrte: »Wer gut die Menschen zu gebrauchen weiß, der hält sich unter ihnen.« Ganz im Gegensatz zu den uns Beherrschenden, die über uns als »Menschen, draußen im Land« reden.

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