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Freier Fall unter Aktenbergen

Andrea Breth inszenierte in Essen für die Ruhrtriennale Kleists Lustspiel »Der zerbrochne Krug«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Der Staat geht hier über in den Saustall – der er selber ist.
Der Staat geht hier über in den Saustall – der er selber ist.

Das blaue Zeug klebt wie Blut: Dem Gerichtsschreiber Licht kippte das Tintenglas um. Umgekippt? Im Gemüt des deutschen Beamten gilt das schon als Umsturz, und er leidet. Die Finger, vergeblich um Säuberung von der Tinte bemüht, verrenken sich fortwährend – wie gequält überforderte Gesetze, die statt Recht plötzlich Gerechtigkeit sprechen sollen.

Man muss nicht leben, sagt das öde Schweigen dieser grauen Kittel-Existenz, man darf ebenso verstauben. Licht, gespielt vom hageren, gespenstisch komischen Wolfgang Michael, hat Zeit. Die Staubschicht unter seinen Füßen kann nur höher werden – auch eine Art Aufstieg. Die Akten haben es schon geschafft, sie bilden in der grünfleckigen, schwammbefallenen Amtsstubenzelle des Dorfrichters Adam meterhohe Berge.

In der Ecke ein Schwein, nein, nicht Adam, der hockt in der anderen Ecke. Wo das Schwein liegt, liegt Stroh. Jeder hier – richterlicher Überbau und Bauern – drischt's auf seine Weise, so geht in diesem Zimmer der Staat nahtlos über in den Saustall, der er selber ist. Und jener Dorfrichter (Sven-Eric Bechtolf), stumpf und stier, blutend und blökend, geht auch nahtlos über: von Schärfe in die Schluffigkeit, vom Bösen in den Wicht; zunächst humpelnd auf hoher anklagender Warte, hampelt er dann kläglich ins eigene Elend: Sein Fall bringt ihn zu Fall.

Der wertvolle Krug der Marthe Rull ist nämlich entzwei, es gab ein Handgemenge mit einem nächtlichen Eindringling in die Kammer der Jungfrau Eve. Am Ende muss es der Teufel gewesen sein, denn Humpelfußspuren führen im Schnee durchs Dorf – wieso aber hinein in Adams Hof und nicht wieder hinaus? Der Richter mehr und mehr als Ertappter. Ein Jungfern-Bedränger – aber wie viel wahre, unterdrückte Liebe steckte im Versuch, Eve zu dunkler Stunde zu erpressen? Eine Nacht als Preis für ein Attest, auszustellen Eves versprochenem Ruprecht (Paul Schäfer: einnehmend begriffsstutzig), der zum Militär soll, und angeblich weiß Adam, dass die Soldaten ins Ausland geschickt und also im geheimgehaltenen kolonialen Einsatz verheizt werden sollen …

»Der zerbrochne Krug«, Heinrich von Kleists Lustspiel, gehört zu den Publikumslieblingen und also Quälgeistern der Regisseure: Wie machen's wir, dass alles frisch und mit Bedeutung auch gefällig sei? – die Theaterfrage im »Faust« von Goethe, der Kleist nicht mochte. Es ist die Frage nach der Revolutionierung des Uralten, aber so, dass es erkennbar bleibt. Es ist das Repertoire- und Regieproblem einer ewigen Wiederholung des Gleichen, aber so, dass statt eingeschliffenem Wohlgefallen eine Verstörung wie am ersten Tag geschieht. Hier geschieht sie. – Für die Ruhrtriennale hat Andrea Breth (Bühne: Andrea Murschetz) den »Krug« in das stillgelegte Salzlager der Kokerei Zollverein Essen gesetzt. Drei Stunden ohne Pause. Das Ereignis Mensch findet statt: blind sein, also dauernd vom Sehen träumen; überall Verfall, der sich als anfliegendes Element in die Seelen schwingt.

Friedrich Hebbel schrieb, wie die Stücke anderer Dichter vor Leben strotzten, so starre Kleists Drama vor Leben. Breth entfaltet einen Vulkan des Erstarrtseins. Das eigene Ausgeliefertsein entwickelt in jeder Gestalt bösest erbarmungswürdige Energien, Andere auszuliefern. Der Gerichtstag, der den Fall des zerbrochnen Kruges klären soll, gerät zum Weltgericht, vor dem am Ende nichts zu verhandeln bleibt – weil eine Weltordnung, in der sich der Mensch wirklich begriffe, noch unerträglicher wäre als das folternde Chaos.

Sven-Eric Bechtolfs Dorfrichter hat keinen barocken Anwurf, es gibt keinerlei Rückstände einer autoritären Sinnlichkeit; dieser Kerl hat den tätlichen, rüpligen Furor des Stillstandes, der schwitzend um sich schlägt wie ein Staatswesen kurz vorm Kollaps. Er thront am kippligen Schreibtisch, verkriecht sich, mault, frisst schmatzend, saut mit Wein um sich, wimmert dreckig, brüllt, springt Zeugen-Gurgeln an, schwitzt Wasser, und schwitzte er jetzt auch noch Blut, so wäre es wohl nur Brackwasser: eine versiffte Existenz, die sich mit Wahrheitsmasken durchs Leben der Nötigungen, Betrügereien lügt.

Meist hinten an der offenen Tür lehnend: die bezwingend gute, herzensweh natürliche Eve der Marie Burchard. Nah an Ohnmächten, zwischen Vorstoß und Flucht, ein gottverlassenes, also freies Wesen. Zwischen einem mürbenden, Aussage erzwingenden Da-Sein vorm Tribunal und einem ebenso mürbenden Fortgerissensein ins Schweige-Recht der total Unschuldigen. Bis sie, in einem der längsten Monologe deutscher Theaterliteratur, die Wahrheit sagt. Sagt? Nein, da gründet dies gute Wesen aus heftig atmenden Worten selber eine Welt, eine Schnürbrust springt auf, und worin besteht diese Welt? Aus lauter Glauben an eine Menschenliebe, die sich ans All verschwenden muss, um Liebe genannt werden zu dürfen, und die doch schon an den umliegend praktizierten Gesetzen und Willkürregeln abprallt, und die sich in aller gewonnenen Klarheit doch trotzdem immer weiter verschwenden muss!

Swetlana Schönfeld ist umtriebig aufgeregt, so gluckig wie keifend und ganz in schürzenfeste Einfalt gepackt, die Marthe Krull. Frau Brigitte war's, die besagte Teufelsspuren im Schnee verfolgte, und Elisabeth Orth macht daraus die betörende Skizze einer buckligen, giftig lauernden, sich richterlich hochspielenden Paparazzo-Natur. Und Norman Hacker ist ein hell bekleideter, angeekelt inspizierender Gerichtsrat Walter, der permanent Stuhl, Schuh und Lederaktenmappe von Schmutzspuren befreit; ein pikierter Obrigkeitsgott stieg da in eine Wirklichkeit hinab, für die er im spitzen Mund schon jenes Wort von der Unterschicht lutscht, das er zwei Jahrhunderte später erst ausspucken wird.

Seltsam: Es ist dies alles wahrhaft komisch. Witz – darunter leidet Breth mitunter – gehört nicht ins künstlerische Psychogramm einer Regisseurin unablässiger Schermutproben? Doch. Hier ist er gallig, abgrundtief nah, und die Schwermut kommt von der komischsten aller Wahrheiten: Das Leben ist nie etwas, es ist immer nur die Gelegenheit zu einem Etwas, welche aber im Missverständnis oder gar in Teufels Nähe endet. Bruder Adam, Schwester Eve. Das Böse und das Gute. Fänden sie zu einem Frieden, wäre dies das Ende der Tragödie, die Kleist ein Lustspiel nannte. Das Ende der Tragödie – aber auch das Ende der Welt. Licht aus. Bravo über Bravo.

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