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Kein Spaziergang in Steilshoop

Altenwohnanlage in Hamburg: tropfende Rohre, Stolperfallen, mieser TV-Empfang – doch das Wohnungsunternehmen bleibt stur

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 5 Min.

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Im Gagfah-Hesse-Haus im Hamburger Stadtteil Steilshoop rumort es. Viele der 150 Bewohner der Seniorenwohnanlage sind mit ihrem Verwalter, der Gagfah Immobilienmanagement GmbH, unzufrieden: Mängel werden nicht behoben, Sanierungsarbeiten aufgeschoben.

Üppige Büsche, alte Bäume und zutrauliche Kaninchen, die auch tagsüber über den saftigen Rasen hoppeln – eigentlich lädt der Garten der im Grüngürtel von Steilshoop gelegenen Wohnanlage zum Flanieren und Verweilen ein. Doch für die 150 Senioren der Anlage für Betreutes Wohnen am Gustav-Seitz-Weg 2 gilt das Motto: Nur gucken, spazieren gehen verboten! »Das Areal war früher als Park angelegt, den Wege durchzogen haben«, erzählt die bei der Hartwig-Hesse-Stiftung beschäftigte Heimleiterin Birgit Grosse. Begehbar ist das Gelände schon seit Langem nicht mehr. Die Wege wurden aus Kostengründen unter den Rasen gepflügt, auf die Treppen legt sich langsam ein bunter Teppich aus heimischen Gewächsen. Die Bänke unter schattenspendenden Birken stehen noch zum Teil und verrotten langsam (Foto: Stahl).

Der wegen Stolpergefahr nicht betretbare Rasen ist nur ein Problem von vielen. Doch die Heimleiterin ist machtlos. Denn als Mitarbeiterin der Hesse-Stiftung ist sie nur als Betreuerin für die Bewohner zuständig. Zu ihren Aufgaben gehören das Angebot des täglichen Mittagsessens, des Freizeit-, Sport- und Kulturprogramms oder die Vermittlung medizinischer und pflegerischer Versorgung – nicht die Beseitigung der Mängel. Dafür ist die Gagfah zuständig. Trotzdem kämen die Bewohner immer wieder mit ihren Sorgen zu ihr, sagt Grosse: »Zusammen arbeiten wir dann an Problemlösungen.« Normalerweise ist es die Aufgabe der Bewohner, sich mit Mängelanzeigen direkt an die Gagfah zu wenden. Doch manche seien einfach nicht mehr dazu in der Lage, sagt Birgit Grosse, die nur in gravierenden Fällen eingreift: »Manchmal muss ich zwei- bis dreimal anrufen, wenn ein Klo kaputt ist.«

Nur Kosmetik

statt Reparaturen

Die Liste der Mängel in der Wohnanlage ist lang, wie eine vom Mieterverein zu Hamburg unter den Bewohnern initiierte Umfrage ergeben hat. Herausgekommen ist Erschreckendes: Schief liegende Waschbetonplatten im Eingangsbereich und das Fusellicht in den Fluren sind fiese Stolperfallen. Abflussrohre sind zum Teil marode oder rostig (Grosse: »Erst wenn es tropft, kommt der Hausmeister«). In manchen Wohnungen tritt mitunter Dreckwasser aus den Duschen, wenn mehrere Toilettenspülungen gleichzeitig betätigt werden. In der Empore im Veranstaltungssaal können die Außentüren nicht geöffnet werden, alles verrottet. Das ist besonders bei Veranstaltungen im Sommer ärgerlich, wenn die Luft steht. Reparatur? Fehlanzeige! »Zu teuer«, wiegelt der Hausmeister ab. Grosse weiß, dass der Hausmeister nur das schwächste Glied in der Kette ist: »Der kriegt bestimmt Druck von oben.« Sie meint: Aus der Gagfah-Zentrale. »Das Unternehmen nutzt die Schwäche und Müdigkeit der alten Leute aus«, kritisiert Wilfried Lehmpfuhl, Mietrechtsexperte des Mietervereins zu Hamburg: »Die machen nur das Nötigste – Service-Wüste Gagfah.«

Wie reagiert das Immobilienunternehmen auf die Vorwürfe? Aus der Hamburger Gagfah-Zentrale flatterte dem Mieterverein ein Schreiben ins Haus, in dem die zuständige Kundenbetreuerin auf die Mängelliste reagiert. Von »Sachverhalt prüfen« und »weiter informieren« ist darin zum Beispiel die Rede. Unternehmenssprecherin Bettina Benner antwortet auf konkrete Nachfragen folgendermaßen: »Bei uns wohnen rund 400 000 Menschen. Unsere Mieter wohnen gerne in unseren Wohnungen, weil wir viel dafür tun, dass sie sich bei uns wohlfühlen.« Und: »Mängelmeldungen werden durch unsere Mitarbeiter sehr ernst genommen, zeitnah besichtigt und behoben. Die vom Mieterverein zu Hamburg zusammengetragenen Punkte waren nur teilweise Mängel. Diese wurden aufgenommen und befinden sich in der Abarbeitung.« Darüber kann Mietrechtsexperte Wilfried Lehmpfuhl nur lachen: »Im Prinzip ist die Gagfah abgetaucht und tut nur so, als ob sie was tut – alles ist nur Kosmetik.« Man habe den Eindruck, sagt Lehmpfuhl, dass die alten Leute verschimmeln sollen.

Vor einiger Zeit war die Gagfah bundesweit ins Gerede gekommen: Der Kurs der Aktie hatte seit dem Börsengang 2006 rund 87 Prozent an Wert eingebüßt, Gagfah-Chef Burkhard Drescher verlor seinen Job. »Ich fürchte, dass es hier ab sofort nur noch um Renditen gehen wird«, kommentierte der Präsident des Deutschen Mieterbundes (DMB), Dr. Franz-Georg Rips, den Führungswechsel bei Deutschlands zweitgrößtem Vermieter: »Leidtragende des Gagfah-Kurswechsels werden 180 000 Mieterhaushalte sein. Ihnen drohen Mieterhöhungen, Wohnungsverkäufe, drastische Einsparungen bei Modernisierungen und notwendigen Instandhaltungen.«

Im Sommer zu heiß

und im Winter zu kalt

Auch Heimleiterin Birgit Grosse findet klare Worte: »Wenn sich die Gagfah eine Seniorenwohnanlage anlacht, muss sie die Belange der alten Leute auch angemessen berücksichtigen.« Beispiel: Feuertüren. Die lassen sich nur schwer öffnen, worunter besonders Rollstuhlfahrer zu leiden haben. Gemacht wird nichts, obwohl heute der Einbau von Sensoren zum automatischen Türöffnen den Alltag der Alten erheblich erleichtern würden. »Obwohl das nicht viel kosten würde, droht die Gagfah mit Mieterhöhungen, wenn die Dinger eingebaut werden«, ärgert sich Grosse über die »kleine Erpressung«.

Ein weiteres Ärgernis ist der extrem schlechte TV-Empfang. Besonders bitter für die wenig begüterten Bewohner, die ihre Zimmer nur über einen Paragraf-5- oder Dringlichkeitsschein bekommen haben und im Durchschnitt über ein Einkommen von 600 Euro verfügen. Die an die Gagfah zu entrichtende Warmmiete beträgt rund 360 Euro, dazu kommen Strom und 70 Euro Betreuungskosten. Reisen in die weite Welt sind bei diesem Budget nur via Fernseher möglich. Und der funktioniert nicht einwandfrei. »Das ist unser größtes Problem – die Bildqualität ist eine Katastrophe«, sagt Grosse.

Probleme über Probleme. Denn auch unter energetischen Gesichtspunkten betrachtet ist das Gebäude in einem schlechten Zustand. Hinter den Heizungen befindet sich nur eine dünne Pappwand, und das Dach ist so schlecht isoliert, dass die Bewohner im Sommer über Hitze und im Winter über Kälte klagen. Die Zeche zahlen die Bewohner. »Die Investoren wollen nur die Miete abkassieren und am liebsten nichts weiter tun«, klagt Grosse.

Mittlerweile hat sich sogar der Stadtteilbeirat eingeschaltet. Er fordert die Gagfah »nachdrücklich« auf, »der Sanierung, der Renovierung und der Modernisierung ihrer im Hamburger Stadtteil Steilshoop gelegenen Wohnanlagen höchste Priorität einzuräumen«.

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