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Grüne Finger in der Stadt

Der Stadtumbau Ost schafft Freiflächen, deren Nutzung manchmal für Probleme sorgt

  • Von Hendrik Lasch, Chemnitz
  • Lesedauer: 6 Min.

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In Ostdeutschland werden Tausende Wohnungen abgerissen. Zurück bleiben meist leere Flächen, deren Nutzung für Probleme sorgt – nicht nur, weil den Städten für die Pflege schöner Parkanlagen das Geld fehlt.
Mitunter werden die Freiflächen für künstlerische Installationen genutzt
Mitunter werden die Freiflächen für künstlerische Installationen genutzt

Am Rande der Innenstadt von Chemnitz, keine drei Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, gähnt ein tiefes Loch. Die Grube, die in den 90er Jahren nach dem Abriss eines halb fertigen Industriegebäudes ausgeschachtet wurde, ist Zeugnis nicht verwirklichter Neubaupläne – und wuchert langsam zu. Birken und Ebereschen, die sich auf der Böschung ansiedelten, haben im Laufe der Jahre eine stattliche Höhe erreicht. Die Toleranz der Chemnitzer gegenüber dem kleinen Urwald, der mitten in der Stadt hinter einem provisorischen Bauzaun wuchert, ist nicht ganz so hoch wie die Bäume, auch wenn die teils empörten, teils hämischen Kommentare nach langer Gewöhnung nun resignierter Milde Platz gemacht haben.

Reihenhäuser statt Plattenbauten

Bevor der Concordia-Park in Chemnitz gebaut wurde, standen auf dem Karree verfallene Wohnhäuser
Bevor der Concordia-Park in Chemnitz gebaut wurde, standen auf dem Karree verfallene Wohnhäuser

Dass Flächen wie das Chemnitzer »Conti-Loch« die Bürgerseele in Wallung bringen, ist kein Wunder: Wildwuchs ist in Städten nicht gern gesehen. »Wenn Grünflächen sich selbst überlassen werden, empfinden die Bürger das als Niedergang«, sagt Stefanie Rößler. Die Erkenntnis der jungen Landschaftsarchitektin vom Leibnitz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden beschreibt ein Dilemma für viele Stadtplaner in Ostdeutschland. Schließlich läuft in den Städten von

Hoyerswerda bis Wittenberge ein riesiges Umbauprogramm, bei dessen Umsetzung Tausende Wohnhäuser und Industriegebäude abgerissen werden.

Rößler hat im Rahmen einer Studie untersucht, wie die entstehenden Freiflächen genutzt werden. Die Forscherin ist auf unterschiedlichste Ideen gestoßen – von Parkanlagen über Bürgergärten bis zu Flächen, auf denen nachwachsende Rohstoffe angebaut werden: In Halle wachsen dort, wo früher Wohnhäuser standen, heute Pappeln, deren Holz später in modernen Heizanlagen landet. Auf manchen Arealen lässt man auch der Natur ihren Lauf. Das, sagt Rößler, »wird allerdings nur schwer angenommen«.

Verwundern kann das kaum. Jahrhundertelang sind die Städte schließlich nur gewachsen: Häuser wurden gebaut, Straßen erschlossen, Versorgungsleitungen verlegt. Der dramatische Bevölkerungsrückgang in Ostdeutschland nach 1989 sorgt nun jedoch dafür, dass die meisten Städte schrumpfen. 220 000 Wohnungen wurden bis 2007 im Rahmen des Stadtumbaus

Ost abgerissen. Meist werden komplette Häuser, teils ganze Straßenzüge beseitigt. Es entstehen Freiflächen, auf denen manchmal Reihenhäuser die riesigen Plattenbauten ersetzen. Laut Studie werden die Areale aber zu 85 Prozent nicht wieder bebaut.

Die Lücken waren zunächst sehr willkommen. Vielfach seien kleine Parks und Spielplätze angelegt worden, sagt Rößler. Es entstanden Grünanlagen, an denen zuvor in den dicht bebauten Quartieren oft Mangel herrschte: »Auf diese Weise wurde die Akzeptanz für den Abriss deutlich erhöht.« Die Wohnviertel wurden für ihre Bewohner attraktiver, wie das Beispiel des Concordia-Parks in Chemnitz zeigt. Auf einem Karree, auf dem einst verfallene Wohnhäuser und eine Tankstelle gestanden hatten, wurde ein Freizeitpark mit Bahnen für Skater und BMX-Radfahrer angelegt. »Die Nutzung wurde mit Jugendlichen aus dem Viertel entwickelt«, sagt Petra Wesseler, für Bau und Stadtentwicklung zuständige Bürgermeisterin von Chemnitz, die sich über die rege Nutzung freut: »Dort ist richtig etwas los.«

Eine Parklandschaft quer durch Chemnitz

Allerdings ist der Bedarf an Sportanlagen und Parks begrenzt: »Es gibt schon viele Bänke«, sagt Rößler – »und die sind jetzt schon nicht alle besetzt«, fügt sie in Anspielung auf den anhaltenden Einwohnerschwund hinzu. Zudem sind die Planung und Unterhaltung der Anlagen kostspielig. Gleichzeitig sei die Frage, welche Funktion die vielen neuen Freiflächen künftig haben könnten, eines der »dringendsten Probleme gegenwärtiger Stadtentwicklung«, sagt die Wissenschaftlerin. Gefragt seien neue Ideen, bei denen die Planer die gesamte Stadt im Blick behalten müssten: »Das Bild der Stadt wird durch die vielen neuen Freiflächen schließlich grundlegend verändert.«

Den Eindruck kann Wesseler bestätigen: Während Einfallstraßen in Chemnitz früher von Fabrikgebäuden und hohen Wohnhäusern gesäumt waren, dehnen sich nach deren – von manchen als viel zu radikal kritisiertem – Abriss heute vielerorts weite Grünflächen. Einem im Rathaus erarbeiteten Konzept zufolge soll der Rückbau genutzt werden, um der Stadt ein grüneres Gesicht zu geben. Wenn Wesseler die Ideen erklärt, blättert sie mit Feuereifer in dicken Mappen voller Karten und Zeichnungen. Eine der Darstellungen erinnert an die Speichen eines Rades – oder an eine Hand.

»Grüne Finger« heißen denn auch die neuen grünen Magistralen entlang der Hauptstraßen, die in der Stadt am Fuße des Erzgebirges in Flusstälern auf das Zentrum zulaufen. Am Chemnitz-Fluss soll sogar ein »grünes Rückgrat« entstehen, an dem sich Radwege quer durch die früher stark industriell geprägte Stadt ziehen. Man könne dann, schwärmt die Baubürgermeisterin, auf dem Fahrrad von Süden nach Norden durch Chemnitz rollen können – und dabei doch das Gefühl haben, eine Parklandschaft zu durchqueren.

Während viele der neuen Grünflächen unter städtischer Obhut bleiben, sollen einige auch von den Bürgern gepflegt werden: Nahe am

Schlossteich, der mit seinen Grünanlagen bei vielen Stadtbewohnern als Ziel für Spaziergänge beliebt ist, sind auf dem Gelände zweier abgerissener Messehallen neue »Bürgergärten« entstanden. Um deren Rabatten kümmert sich ein Verein von Anwohnern. Auch am Sonnenberg, einem dicht bebauten Wohnviertel aus der Gründerzeit, sind auf einer großen Abrissfläche neben Sportanlagen und einer Skaterbahn sogenannte Saatgärten geplant, in denen die Bewohner der umliegenden Häuser Gemüse anbauen oder Blumen pflanzen wollen.

Einer der Gründe für die Bürgerbeteiligung ist schlicht finanzieller Natur: Für die Pflege des rasch wachsenden Stadtgrüns ist »nicht endlos viel Geld da«, sagt Wesseler. Schon früher gab es in der Industriestadt nicht wenige Parks; mit dem Stadtumbau kommen nun viele neue Grünareale hinzu. Weil das Budget aber nicht annähernd so stark wächst wie die Flächen, berät der Chemnitzer Stadtrat im nächsten Monat ein Konzept, wie die 565 Hektar Stadtgrün künftig gepflegt werden können.

Weniger Arbeit für die Gärtner

Dabei müssen auch Abstriche gemacht werden, sagt Wesseler: »Es muss nicht mehr überall englischer Rasen und ein Rosenbeet sein.« Statt dessen sollen Rabatten angelegt werden, die den städtischen Gärtnern weniger Arbeit bereiten. Ungepflegte Rabatten, fügt die Bürgermeisterin hinzu, erregten bei den Bürgern schließlich mehr Unmut als eine weniger aufwendig zu pflegende Bepflanzung.

Wenn sich Stadtumbau und Abriss fortsetzen, wird es freilich für immer mehr Flächen gar keine Verwendung mehr geben. In den Plattenbauquartieren am Stadtrand, in denen es ohnehin kaum geschlossene Karrees und Straßenzüge gegeben habe, sei das weniger ein Problem, sagt Wesseler: »Dort ist einfach mehr Wiese zwischen den Wohnblöcken.« In einem belebten Innenstadtviertel wie dem Sonnenberg dagegen sei es wichtig, »Baulücken positiv zu besetzen, damit nicht der Eindruck von Verwahrlosung entsteht«. Mancherorts wurden eigens zu diesem Zweck Kunstwerke installiert. Wo einst ein Wohnhaus stand, ist so heute in großen Buchstaben nur noch zu lesen: »ZUHAUSE«.

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