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Ich grolle nicht

Philharmonie Berlin: »Vereinte Klassik«

Ich grolle nicht ...«. Das berühmte Schubert-Lied ist trotz mancher Widerhaken ein fröhlich Lied. Doch manchmal ist Grollen angebracht. Bei bestimmter Musik fallen einem einfach die Ohren zu. Die Sinne klappen weg. Die Augen gähnen. Das Konzert am Mittwoch im Kleinen Saal der Philharmonie erschien wie ein wertvoller Teppich, durchlöchert von einem kalten Mondfleck. Das ist heute modisch. Flicken, Schlitze, Löcher zieren Kleider und Hosen. »Vereinte Klassik« – der Name irritiert etwas, denn wirklich neue Musik ist ja ganz unklassisch – ist zunächst auf dem Papier ein ansehnliches Konzertprojekt.

Sechs Abende teilen sich das Konzerthaus und die Philharmonie die Saison über. Angekündigt sind sechs Uraufführungen. Wie am Mittwoch gehört, eine von Erhard Grosskopf, weitere von Friedrich Schenker, dem in Israel und Berlin lebenden Palästinenser Samir Odeh-Tamimi, dem nächstes Jahr achtzig werdenden Dieter Schnebel, dem lebenden Vertreter alter Musik Arvo Pärt und schließlich Friedrich Goldmann, er starb vergangenen Juli, der glücklicherweise sein Oktett mit zwei Schlagzeugern noch vollenden konnte.

Das Philharmonia Quartett und das Vogler Quartett, gleichsam die Hausquartette der genannten Betriebe, beide international berühmt, bestritten den ersten Teil. Gerahmt wurde das Streichquartett Nr. 5 op. 62 des fünfundsiebzigjährigen Erhard Grosskopf von zwei Klassikern.

Fulminant Beethovens Streichquartett B-Dur op. 18 Nr. 6, voll jugendlicher Energie Mendelssohns Oktett Es-Dur op. 20. Spannende Gegenüberstellung, so schien es. Die Gattung Streichquartett schäumt bekanntlich über vor Geschichtlichkeit. Bis heute ist sie Bewährung, Herausforderung für jeden ernstzunehmenden Musiker. Und das Wagnis wird bleiben. Jene mannigfache Zwiesprache zu Viert muss allerdings erkundet werden, eher eine Note zu Papier kommen darf. Mancher Komponist hat sich daran die Zähne ausgebissen. Friedrich Goldmann, Komponist höchster Ansprüche, schrieb verschieden besetzte Trios. Aber es gibt kein einziges Streichquartett von ihm, wenn nicht eins in der Schublade liegt. Warum? Schönbergs reiche Quartettkunst ist angefüllt mit Tradition. Wer die Klassizität der Preußenquartette von Mozart, die irritierenden Geflechte der späten Quartettwerke Beethovens, die beginnende Auflösung klassischer Harmonik im großen C-Dur-Streichquintett von Schubert, die heftigen Reduktionen in Weberns Quartettsätzen op. 5, wer diese Qualitäten ignoriert, dem müsste eigentlich die Feder aus der Hand fallen.

Wenn Erhard Grosskopfs 5. Streichquartett, es dauert etwa 25 Minuten, doch wenigstens provoziert hätte. Nicht einmal das. Zu provozieren, dazu gehört Kopf. Da muss was passieren, da muss man sich was einfallen lassen. Dürftigkeit schockiert nicht. Morton Feldmans zwei Streichquartette, sie dudeln stundenlang immergleiche Musik ab, bringen die um Versenkung bittenden Leute wenigstens noch in trübe Gewässer.

Bei Grosskopf, so sympathisch dieser Mann ist, kommt nur autonomes Gezwirn: anhaltende, ewig sich hinziehende Zusammenklänge, hier ein Pizzikato, dort ein Kratzer. Immer der gleiche Level. Mal etwas lauter, mal leiser. Gezeter und Getön. Keinen Einfall, keinen Gedanken, keinen Seufzer kennt der Ablauf. Schall und Rauch. Ein Luftzug, der einen aufweckte? Fehlmeldung. Nicht einmal Stille und Kälte atmen die Klänge. Wie bei Nonos wunderbarem Streichquartett »Stille. An Diotima« zu hören, eine Verklanglichung von vierzig Jahren Einsamkeit und Umnachtung des armen Hölderlin. Grosskopfs Gebilde indes macht die Spieler faul. Man sah es in den Gesichtern des ansonsten tüchtig arbeitenden Vogler Quartett.

Die Vier entschädigten sich und die Leute im halbleeren Saal mit einer blitzsauberen Wiedergabe der Nummer 6 aus Beethovens op. 18. Grandios die Aufführung durch beide Quartette des selten gespielten Oktetts für vier Violinen, zwei Violen, zwei Violoncelli von Mendelssohn. Produkt der Fantasie eines Sechzehnjährigen. Eine sowohl auf den vielerlei führend agierenden Primgeiger wie auf die individuellen Parts der übrigen Streicher zugeschnittene, höchst inspirierte Musik, bei der man den alten Mendelssohn wieder richtig schätzen lernt.

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