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Lehren aus der Großen Depression

An einem Schwarzen Dienstag begann eine Dekade des ökonomischen Niedergangs

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 6 Min.
Vor 80 Jahren stürzten an der Wall Street die Aktienkurse ab und trieben die Welt in eine Katastrophe. Ein Lehrstück für die Gegenwart?

Das Unheil kam aus nahezu heiterem Himmel. Mit dem Ersten Weltkrieg waren die USA zur führenden globalen Wirtschaftsmacht aufgestiegen, Hochkonjunktur und rauschender Reichtum prägten die »goldenen« zwanziger Jahre. Die Industrieproduktion verdoppelte sich, Autos, Kaffeemaschinen und die Hardware für das neue Unterhaltungsmedium Radio traten ihren Siegeszug durch die Läden dieser Welt an. An der Börse wurde das Geld für den Rausch kassiert. Und wer keines hatte, lieh es sich. Die Banken gaben bereitwillig Kredit: Viele amerikanische Anleger spekulierten auf Pump mit Aktien. »Wir sind dem endgültigen Sieg über die Armut heute näher als je zuvor in unserer Geschichte«, triumphierte Herbert Hoover – der Republikaner hatte die Präsidentschaftswahlen 1928 klar gewonnen. Kurz darauf platzt die Illusion.

Tatsächlich hatten selbst die zwanziger Jahre ihre Schattenseiten. Henry Fords Fließbänder, Lochkartenmaschinen für die Verwaltung und die Rationalisierungsprogramme von Frederick W. Taylor verhinderten, dass trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs neue Jobs für das Millionenheer der Arbeitslosen entstanden. Und die größte Berufsgruppe, die Farmer, litten unter Billigstpreisen für Getreide, Erdnüsse und Rindfleisch. In der städtischen Industrie machten sich zunehmend Überkapazitäten breit. Die Konjunktur drohte heiß zu laufen – und stürzte ab.

Unverkennbar sind die Parallelen zur jetzigen Weltwirtschaftskrise. Auch vor ihr war eine Spekulationsblase in den USA (diesmal bei Immobilien) entstanden, der Boom verschärfte globale Ungleichgewichte zwischen Arm und Reich und trotz Hochkonjunktur grassierte Massenarbeitslosigkeit.

Das Platzen der Spekulationsblase

Ende Oktober 1929, an den später legendären »Schwarzen« Börsentagen fielen die Aktienkurse auch in Europa massiv, nachdem zuvor die Wall Street unter Druck geraten war. Am »Schwarzen Dienstag« platzte die Spekulationsblase endgültig. Panik breitete sich aus, und es folgte fast eine Dekade der wirtschaftlichen Depression.

»Die steigenden Aktienpreise hatten die Käufer angezogen, diese kauften und dadurch trieben sie die Preise noch höher«, analysierte später der US-Ökonom John Kenneth Galbraith das zentrale Problem. Diese Spekulation habe das Folgende unvermeidlich gemacht: Absturz der Wirtschaft, Vernichtung von Banken und Arbeitsplätzen – schon bald waren in den USA fast 25 Prozent aller Arbeitskräfte ohne Job. Die Krise breitete sich schnell aus und wurde zur Weltwirtschaftskrise. Sie schaffte den Nährboden für den Hitler-Faschismus, in dessen Gefolge die Menschheit 1939 in den Zweiten Weltkrieg taumelte.

Zunächst folgte den »Schwarzen« Tagen an der Wall Street die »Große Depression« in den USA. Präsident Hoover reagierte mit einem harten Sparkurs, auf keinen Fall sollte der Staat die Wirtschaft durch zusätzliche Ausgaben stimulieren. Die heiligen liberalen Kühe hießen schon damals: »ausgeglichener Staatshaushalt« und »keine Inflation«. Den gleichen zerstörerischen Sparkurs beschritt in Deutschland Reichskanzler Heinrich Brüning. »Unvermeidlich wurde so der Weg für Adolf Hitler bereitet«, analysiert Galbraith trocken.

Heute ist die Situation anders. Das wirtschaftliche Ausgangsniveau ist viel höher und die sozialen Sicherungssysteme sind besser ausgebaut. Und die Politik reagierte in der aktuellen Krise nicht mit Ausgabenkürzungen, sondern legte Konjunkturprogramme auf und die Notenbanken warfen die Notenpresse an. Regierungen und Zentralbanken agierten damit antizyklisch und folgten zumindest teilweise den Forderungen von John Maynard Keynes, dessen Lehren auf den Erfahrungen der »Großen Depression« basieren.

Für den Aufschwung sorgte erst Roosevelt

Nach dem »Schwarzen Dienstag« 1929 erreichte die Wirtschaft aufgrund der ausbleibenden staatlichen Stützung erst rund drei Jahre später die Talsohle. Für den Aufschwung sorgte der demokratische US-Präsident Franklin D. Roosevelt mit seinem legendären »New Deal«, einem Staatsprogramm mit zahlreichen investitionsfördernden und sozialpolitischen Maßnahmen. Während der ersten hundert Tage des »New Deal« verabschiedete der Kongress ein umfassendes Gesetzeswerk zur Behebung der sozialen Not und zum wirtschaftlichen Wiederaufbau. Später folgen Arbeitslosen- und Rentenversicherung, das Koalitionsrecht für Lohnabhängige und die Zerschlagung großer Kartelle. Die US-Konjunktur sprang an, die Arbeitslosigkeit sank. Doch endgültig überwunden wurde die Krise in den USA erst mit dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg im Jahr 1941.


Chronologie

Im Oktober 1929 gab es an der New Yorker Börse einen mehrtägigen Aktiencrash, der als Auslöser der Weltwirtschaftskrise gilt. Erst ab Sommer 1932 begannen sich die Börsenkurse nach einem 90-prozentigen Einbruch wieder langsam zu erholen. Die Ereignisse in Kürze:

Black Thursday: Nach einem ruhigen Handelsbeginn überfluten am späten Vormittag des 24. Oktobers Verkaufsaufträge in hohem Ausmaß die New Yorker Börse. Mehrmals bricht der Handel wegen Überlastung zusammen. Erste Kleinanleger, die zuvor, dem Rat von Bankmitarbeitern folgend, Aktien in großem Stil auf Pump gekauft hatten und ihre Kredite nicht mehr bedienen können, müssen jetzt ihre Wertpapiere wieder verkaufen – und zwar zu jedem Preis und in großer Zahl. Andere reagieren mit Panikverkäufen. Bereits seit Anfang September waren die Aktienkurse nach mehrjähriger Hausse und gefährlicher Aufblähung nicht mehr gestiegen oder leicht im Abwärtstrend. Für viele Bürger ist der Traum vom schnellen Reichtum an diesem »Black Thursday« (»Schwarzen Donnerstag«) ausgeträumt – übrig bleiben Schulden. Banken versuchen jedoch zu beschwichtigen und mit massiven Stützungskäufen die Stimmung zu beruhigen. Am Ende des Handelstages steht ein nicht allzu großes Minus von gut zwei Prozent – aber auch eine große Verunsicherung bei den Anlegern.

Schwarzer Freitag: Die Zahl der Verkaufsaufträge nimmt am 25. Oktober weiter zu. Wütende Kleinanleger versammeln sich in der Wall Street, einige der dort ansässigen Banken erklären sich für zahlungsunfähig. In Europa macht erst jetzt die Nachricht vom Vortages-Kursrutsch in New York die Runde; es gibt natürlich noch kein Internet, und die Finanzmarktakteure sind kaum miteinander vernetzt. Hierzulande ist vom »Schwarzen Freitag« die Rede.

Ruhe vor dem Sturm: Am Samstag, den 26. Oktober, beruhigte sich die Lage wieder. Die Kurse blieben auf niedrigem Niveau stabil. Am Sonntag war die Börse geschlossen; Optimisten hofften auf Kurserholung.

Ernüchterung: Am Montag, den 28. Oktober, lassen erneut Verkaufsaufträge die Kurse einstürzen. Auch Stützungskäufe erweisen sich als wirkungslos. Allmählich setzt sich an der Börse die Erkenntnis durch, dass es sich nicht um eine vorübergehende Schwäche handelt.

Black Tuesday: Am Dienstag, den 29. Oktober, gehen die Aktienkurse in den freien Fall über.

Der Traum ewig steigender Kurse und plötzlichen Reichtums mit wenig Geldeinsatz entpuppt sich als Illusion. Die Anleger versuchen, durch Verkäufe zu retten, was zu retten ist. Die Banken fordern die Kredite zurück, die Schuldner müssen ihre Sicherheiten (die Aktien) verscherbeln. Viele gehen bankrott. Gut geht es nur den Börsenhändlern, die wegen der großen Zahl an Verkaufsaufträgen (noch) hohe Provisionen machen. Auch Nicht-Börsianern wird bewusst, dass es ein Problem gibt. Zeitungen titelten in großen Lettern mit: »Black Tuesday« (Schwarzer Dienstag). Kurt Stenger

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