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Gute Geschäfte für die Pharmakonzerne

Glaubt man den Schlagzeilen, steht uns eine höchst gefährliche Pandemie bevor. Die Neue Grippe könnte viele Todesopfer fordern, wird suggeriert. Der Chef des für die der Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) rechtfertigt eine schnelle Zulassung des Impfstoffs gegen die Neue Grippe: »Wenn wir lange testen, riskieren wir viele Tote.«

Auch das von Staats wegen zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) trägt nicht eben zur Beruhigung bei. Nachdem es auf die selbstgestellte Frage »Wie viele Menschen werden bei einer Pandemie erkranken oder sterben?« antwortet, dass sich das »nicht vorhersehen« ließe, werden dennoch die Zahlen der »schwersten saisonalen Grippewelle« von 2004/2005 mit laut RKI 12 000 Todesfällen genannt. Auch wenn die Ermittlung der Zahl der jährlichen Grippetoten nicht unumstritten ist, sind wir von einer solchen Entwicklung weit entfernt.

Bislang gibt es in Deutschland bei über 25 000 durch Tests nachgewiesen Erkrankungen mit der Neuen Grippe drei Todesfälle. Allen ist gemeinsam, dass die Patienten Vorerkrankungen hatten. Zumindest für den dritten Todesfall gilt: »Aussagen zum ursächlichen Zusammenhang des Erregers mit dem Eintritt des Todes können derzeit laut dem baden-württembergischen Ministerium noch nicht gemacht werden.« Das hält das RKI aber nicht davon ab, zu verkünden: »Damit erhöht sich die Anzahl der Todesfälle in Deutschland auf drei.«

Da die meisten Erkrankungen an Neuer Grippe gar nicht registriert werden, ist die Sterblichkeit bei der Neuen Grippe offensichtlich gering. Das zeigen auch die Erfahrungen aus der Südhalbkugel. Neuseeland hatte 19 Todesfälle zu beklagen, in einer normalen Grippesaison sind es rund 400. Ein neuseeländischer Arzt sagte dazu, man müsse glücklich sein, dass die Neue Grippe andere Erreger weitgehend verdrängt hätte, denn so wenig Grippetote habe es noch nie gegeben.

Wie wird aber so eine milde Grippe zur Pandemie? Ganz einfach, die Definition wurde geändert. Bis Anfang 2009 hieß es bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO): »Um eine Grippe-Pandemie handelt es sich, wenn ein neues Influenza-Virus auftritt, gegen das die Bevölkerung keine Immunität hat und dass zu weltweiten Epidemien mit einer enormen Zahl von Todesfällen und Erkrankungen führt.« Seit der Neuen Grippe wurden die letzten beiden Kriterien einfach gestrichen.

Wem nützt eine solche neue Pandemie-Definition? Eigentlich nur den Impfstoff- und Medikamentenherstellern. Denn nur wenn eine Pandemie droht, wird in großem Maßstab bestellt. Zwar sitzen im SAGE-Komitee, das die WHO berät, die Hersteller nur als Beobachter, aber offensichtlich reichte das schon für eine unsinnige Verwässerung des Pandemie-Begriffs.

Es ist ungewiss, in welchem Umfang die neuen Impfstoffe helfen werden. Auch die saisonalen Grippeimpfstoffe helfen längst nicht jedem, bei den am meisten gefährdeten älteren Menschen nützen sie am wenigsten. Der Virologe Tom Jefferson hat für die renommierte Cochrane Collaboration, die Medikamente bewertet, die Wirksamkeit der saisonalen Grippeimpfung untersucht. Sein Urteil: je schlechter die Qualität einer Studie, desto besser scheint die Impfung zu wirken. Überraschenderweise wurden jedoch die industriegesponserten Studien – ohne Rücksicht auf die Qualität – am häufigsten veröffentlicht.

Über den Grad der Wirksamkeit der neuen Impfstoffe weiß man noch viel weniger. Würde der Impfstoff gegen die Neue Grippe mit den etablierten Methoden hergestellt, könnte man wenigstens von einer geringen Gefährdung durch unerwünschte Wirkungen ausgehen. Aber die Bundesregierung hat Impfstoff für 25 bis 50 Millionen Menschen mit einem neuen, wenig geprüften Wirkverstärker bestellt. Tests wurden bisher nur an einigen tausend Personen durchgeführt. Der nie zum Einsatz gekommene Vogelgrippe-Impfstoff enthielt denselben Wirkverstärker. Aus einer kleinen Studie weiß man, dass er schlechter verträglich ist. So hatten fast 90 Prozent der Versuchspersonen Schmerzen an der Einstichstelle, beim Vergleichsstoff ohne Wirkverstärker nur 38 Prozent, Schwellungen waren zweieinhalb mal so häufig. Auch Kopfweh, Müdigkeit und Gelenkschmerzen kamen unter Wirkverstärker öfter vor. Seltene lebensbedrohliche Nebenwirkungen wie aufsteigende Lähmungen könnten erst bei Versuchen mit einer Viertel Million Menschen festgestellt werden.

Zulassungsbehörde und die Bundesregierung behaupten dennoch, der neue Impfstoff sei sicher. Warum aber hat die Regierung dann aber den Hersteller von der Haftung für Arzneimittelschäden freigestellt? Der Wirkverstärker soll zwei Vorteile haben: Man braucht weniger Antigen, kann also schneller produzieren, und angeblich soll die Impfung auch noch wirken, wenn sich die Grippeviren verändern. Ersteres spart dem Hersteller Geld und letzteres ist eine für die Schweinegrippe unbewiesene Behauptung.

In den USA wurden Impfungen mit Wirkverstärker bis jetzt nicht zugelassen. Die US-Regierung setzt auf traditionelle Impfstoffherstellung und erhält 120 Millionen Dosen. Das macht das Argument, nur mit Wirkverstärker ließe sich genug Impfstoff herstellen, unglaubwürdig.

Die Bevölkerung hierzulande wird dagegen im unkontrollierten Großversuch einem zu wenig erprobten neuen Impfstoff ausgesetzt. Vollends unglaubwürdig hat sich die Bundesregierung gemacht, die für die Bundeswehr und sich selbst einen Impfstoff ohne Wirkverstärker bestellt hat. Der ist allerdings nach einem neuen Verfahren hergestellt und ebenfalls kaum geprüft.

Eine Massenimpfung der Bevölkerung scheint angesichts des in der Regel harmlosen Verlaufs der Neuen Grippe nicht gerechtfertigt. Aber auch Menschen mit schweren Erkrankungen und Schwangeren, die noch am ehesten von der Impfung profitieren würden, kann man den Impfstoff mit Wirkverstärker nicht empfehlen. An Schwangeren wurde er überhaupt nicht geprüft.

Stattdessen könnten ein paar simple Maßnahmen nicht nur Grippe-, sondern auch andere Infektionskrankheiten verhindern: Gründliches Händewaschen kann das Ansteckungsrisiko nachgewiesenermaßen verringern. Und husten Sie Ihre Mitmenschen nicht an.

Jörg Schaaber, Jahrgang 1953, ist Gesundheitswissenschaftler und arbeitet für die Pharma-Kampagne der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO), die sich seit über 25 Jahren kritisch mit der Pharmaindustrie auseinandersetzt. Er ist Chefredakteur der von BUKO herausgegebenen Zeitung »Pharma-Brief« und Geschäftsführer der Verbraucherzeitschrift »Gute Pillen – Schlechte Pillen«.

Rosa - Dietz-Verlag

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