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Siegerlächeln, Sorgenfalten

Genugtuung und düsteres Raunen beim Keynesianer-Gipfel in Berlin

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Eine internationale Tagung keynesianischer Ökonomen diskutierte am Wochenende über Wissenschaft und Politik – und darüber, ob ihre eigenen Ansätze eine Renaissance erleben.

»Gerade gestern hat der neue Finanzminister Keynes erwähnt« – Heiner Flassbeck landet einen Lacher, als er das sagt. Denn gerade war der UNCTAD-Chefökonom und kurzzeitige Staatssekretär im Finanzministerium unter Oskar Lafontaine vorgestellt worden als »der letzte, der in diesem Ministerium ›Keynes‹ gesagt hat«.

Die Stimmung war gelöst auf der Tagung des »Research Network Macroeconomics and Macroeconomic Policies«, zu der die Hans-Böckler-Stiftung am Wochenende nach Berlin geladen hatte. Auf den Gängen wurde viel gelacht; mitunter herrschte Siegesfeierstimmung. Schenkelklopfend tauschten die Mitglieder des keynesianischen Ökonomen-Netzwerks Anekdoten aus. Welcher Neoliberale nun schon wieder eingeknickt sei, welcher sich dabei sogar auf John Maynard Keynes berufe – oder zumindest auf Hyman P. Minsky.

Der 1996 unbeachtet gestorbene Ökonom hat Keynes' These vom instabilen Kapitalismus zu einem Krisen-Modell weiterentwickelt: Demnach verlieren die Investoren in vermeintlich stabilen Wachstumslagen schnell den Kopf: Zunächst finanzieren sie sich so, dass die Gewinne ausreichen, um die aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen. Hält die Gewinner-Situation aber an, stellen sie ihr Modell um, und die Gewinne reichen nur noch zum Zinsdienst. Dann folgt der schleichende Übergang zu einem Schneeballsystem: Nun werden sogar die Zinsen mit neuen Krediten finanziert, stets im Vertrauen darauf, dass sich an der Situation nichts ändert. Irgendwann aber muss ein solches System zusammenbrechen.

Madoff als Modellfall

Dass all dieses zur jetzigen Krise passt wie die Faust aufs Auge, liegt auf der Hand. Bernard Madoff, der Milliardenbetrüger, ist nicht ein bizarrer Ausreißer, sondern ein Prototyp der von Minsky beschriebenen – und prophezeiten – Verhaltensmuster. Selbst die amerikanische Finanzpresse musste das anerkennen.

In der Krisen-Analyse ist ein »Keynesianer« zentral, die Kuren, zu denen weltweit die Regierungen greifen, folgen im Grundsatz Keynes' Ideen. Erleben wir eine nachhaltige »Renaissance des Keynesianismus«? Hier gingen die Meinungen auseinander am Wochenende. Der US-Amerikaner Robert Pollin, Wirtschaftsprofessor in Massachusetts, ist im Grunde zuversichtlich. Obamas Stimulusprogramm sei »das progressivste Stück Wirtschaftsgesetzgebung, das ich erlebt habe«. Die Keynesianer müssten sich nur in ein paar wichtigen Fragen die Meinungsführerschaft sichern: Dass etwa staatliche Programme sicherer als Stimulus funktionierten als etwa Steuersenkungsprogramme für die oberen Schichten. Sie müssten ihre Analyse über Staatsdefizite vertiefen und sich über Inflationskontrolle Gedanken machen, um auf diesen populismusanfälligen Themenfeldern nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Flassbeck dagegen zeigte sich am Freitagabend zutiefst pessimistisch. Die Keynesianer, so lässt sich seine Position zusammenfassen, seien weiterhin allenfalls als Feuerwehrmänner gefragt. Flassbeck findet auch die Krisenanalyse viel zu oberflächlich und zu sehr auf »den Westen« fixiert. Die faulen US-Immobilienkredite seien nur ein Auslöser gewesen. Nötig sei vor allem, auch das internationale Währungssystem in Analyse und Strategie einzubeziehen: »Die Industriestaaten nehmen sich das Recht, jetzt Geld zu drucken. Den Staaten Afrikas und Asiens verbietet das der IWF.«

Die nächste Krise kommt

Flassbeck redete sich geradezu in Rage: Ein bisschen theoretisches Schulterklopfen sei ja nett, doch »draußen, in der wirklichen Welt« entstünden bereits die nächsten Blasen: »Mit dem billigen Geld, das sie jetzt kriegen, gehen die Börsenleute gleich wieder ins Kasino!« Der UNCTAD-Mann endet mit der düsteren Weissagung, es werde eine Renaissance des Keynesianismus geben – aber erst nach der nächsten schweren Krise. »Die kommt bestimmt, und zwar bald!«

Zumindest in einem gibt ihm Robret Pollin recht: Die bisherige Finanzmarktkontrolle sei ein Witz: »Die Wall Street reguliert sich selbst.« Deshalb, so Pollin, müssten die Keynesianer jetzt aus den Studierstuben kommen und kämpfen: »Wir müssen schreiben lernen wie Journalisten!«, empfiehlt der Amerikaner als Sofortprogramm. Der Deutsche »könnte nicht einverstandener sein« – und fordert doch das Gegenteil: »Wir müssen unsere Analysen vorantreiben!«

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