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Friedliche Revolution – die unvollendete ...

Wir sind das Volk: Der für die Demokratie wohl wichtigste Tag im Herbst der DDR

Eine offizielle Ausstellung auf dem Alex und seit 2000 liegt hier eine Bronzeplatte (u.).
Eine offizielle Ausstellung auf dem Alex und seit 2000 liegt hier eine Bronzeplatte (u.).

Im Grunde ist doch alles ganz einfach. Eine Revolution kommt dann, wenn die Unterschichten, nicht in der alten Weise leben wollen, und die Oberschichten nicht in der alten Weise leben können. Punktum. So hat es der Genosse Lenin aufgeschrieben, so wurde es an den Schulen und Universitäten der DDR gelehrt und im Parteilehrjahr tausendfach »schöpferisch« nachgebetet. Doch auch begriffen? Weiter sagte der noch 1989 offiziell unsterbliche Lenin sinngemäß, dass eine Revolution nicht möglich ist ohne eine gesamtnationale Krise und je tiefer die ist, je mehr Schichten der Gesellschaft von ihr erfasst sind, desto mehr unterschiedliche Bewegungen fühlen sich aufgerufen zur Veränderung.

Friedliche Revolution – die unvollendete ...

So war das. Und trotzdem war alles ganz anders.

»Liebe Frau Wachowiak, da man Demonstrationen anmelden kann, sollte man selbiges vielleicht einmal versuchen ...«, schrieb Jutta Seidel vom erst kurz zuvor gegründeten Neuen Forum am 14. Oktober und schickte den Brief an die Schauspielerin des Deutschen Theaters. Jutta Seidel will sich dabei nicht nur der Unterstützung der Theaterleute versichern. »All diejenigen, die eine veränderte Medienpolitik gefordert haben«, sollten den Antrag mit unterzeichnen können. Auch die bildenden Künstler, »ein Mensch« von Bergmann-Borsig habe seine Teilnahme zugesagt, vielleicht, so Frau Seidel, machen ja sogar Schriftsteller mit.

Hoffnung auf neuen Sozialismus

Als der Schauspieler Wolfgang Holz vom Berliner Ensemble die Demonstration am 17. Oktober anmeldet und die Vorbereitungsgruppe der Kunst- und Theaterschaffenden die Rednerliste zusammenstellt, ist das Echo im Volk bereits groß. Es hallt bei vielen zunächst als Neugier und ein ganz klein wenig als Hoffnung nach, dass Sozialismus doch anders, menschlicher sein müsste und noch werden könnte, als er real geworden ist.

Doch da war auch Angst. Denn: Was wird, das wusste keiner. Gerade erst hatte Erich Honecker auf dem Festakt zu 40 Jahren DDR »unsere Feinde vor Fehleinschätzungen« gewarnt und den einflussreichen Kräfte der BRD – die »die Chance wittern, die Ergebnisse des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsentwicklung durch einen Coup zu beseitigen« – versichert, dass an den »Realitäten nichts zu ändern ist«. Die DDR an der Westgrenze der sozialistischen Länder bleibe »Wellenbrecher gegen Neonazismus und Chauvinismus« und niemand sollte »an der festen Verankerung« der DDR im Warschauer Pakt zweifeln. Noch konnten die Oberschichten. Sie bewiesen es am Dresdner Hauptbahnhof und hielten Tausende von den durchfahrenden Prager Flüchtlingszügen fern. Noch geboten sie Gruppen Einhalt, die sich am Abend des Republik-Geburtstages mit Gorbi-Rufen Mut zum Widerstand machten. Noch liefen auch die über 200 000 in Leipzig nur im Kreis.

Wovon wir im ND ohnehin öffentlich kaum Notiz nahmen. Wir waren Parteijournalisten, setzten mehr oder weniger auf die Wende. Freilich auf die, die die SED verkündete und darauf, dass die »zweite Ebene« der Nomenklaturen das Vertrauen des Volkes zur einst führenden Kraft zurückgewinnen kann, wenn – nach Honecker weitere Alten, so wie am 3. November erneut fünf Politbüromitglieder – abtreten. Entsprechend übten wir Demokratie, sozialistische natürlich, doch schon ein wenig offener. Wenngleich wie jeder Ungeübte es tut, sehr, sehr unbeholfen. Und noch immer bauernfängerisch, je nachdem, wer gerade oben die Wippe auf welcher Seite nach unten drückte, um den DDR-Sozialismus zu retten.
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»Manchmal denke ich, dass seit dem 4. November 89 Jahrzehnte vergangen sind.« So begann Annekathrin Bürger, eine der Rednerinnen auf dem Alex, ihre ND-Kolumne am 4. November 1990.
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Natürlich waren wir als Reporter dabei, als sich die Massen am 4. November im Stadtzentrum sammelten. Friedlich, diszipliniert, spontan erregbar, selbstbewusst. Ernst. Ich erkannte unter denen, die da auf die Straße gingen, auf Transparenten die Mauer ins Museum überstellen wollten, die Pressefreiheit und das Ende von Wahlbetrug aber auch einen Stop von Neonazis forderten, Bekannte, Kollegen, Freunde, Journalisten von Zeitungen, aus der Agentur und vom Fernsehen. Ohne viele Worte fühlten wir uns eins mit vielen, doch längst nicht mit allen Forderungen, die da durchs Zentrum getragen wurden. Wie haben wir berichtet?

Die Demonstration der 500 000 fand am Samstag statt. Der Gedanke an ein Extrablatt zum oder vom Tage ist in der Redaktion nicht aufgekommen. Und wenn, dann wäre er von den Agitatoren im »Großen Haus« abgewiesen worden. Noch hätten sie das gekonnt ... Doch sie konnten nicht mehr reinreden und reinredigieren, wie sie es jahrzehntelang bis zum letzten Komma eines Autorenkommentars gemacht haben. Die Seite 1 vom 6. November, dem Montag darauf, zeigt, wie halbherzig und unentschlossen wir noch waren. Großflächiger Aufmacher war »Der Entwurf des Gesetzes über Reisen ins Ausland«. ND stellte ihn per Dachzeile »zur öffentlichen Diskussion«. Daneben eine Spalte schmaler, doch immerhin mit einem Foto der Massen, war die »Protestdemonstration von 500 000 im Zentrum Berlins«. Noch über der 32. Messe der Meister von Morgen. Die längst von gestern war.

Der Bericht über die Protestdemonstration auf Seite 4 ist kein journalistisches Meisterwerk. Man merkt ihm Distanz zum Geschehen an. Wir haben Anfang und Ende vermerkt, dazwischen Reden und ein paar Plakate zitiert. Er war aber – so eine Zwischenzeile – ein erster zaghafter Schritt zur »Einmischung ohne Angst und Tabus«.

»Keine Gewalt«, stand auf den Schärpen der »Ordner« aus den Theatern. Keine Gewalt, das wollten auch Hunderte Volkspolizisten, die aufgeboten waren, damit der Demonstrationszug, der sich in der Liebknechtstraße formiert hatte, verabredungsgemäß am Palast der Republik einen Bogen in Richtung Rathausstraße und Alex macht und nicht, wie viele befürchteten, als Mauerbrecher zum Brandenburger Tor marschiert. Als die Massen, inzwischen schon gelöster ob ihrer so erfolgreichen Präsentation, unter der S-Bahn-Brücke hindurch, vorbei an der Weltzeituhr auf den Alex fluten, haben sie die Brückenreklame des »Neuen Deutschland, Organ des Zentralkomitees der SED« im Nacken. Und damit hinter sich gelassen. Spiegel der Realität. Ihr Blick war nach vorne gerichtet. Zur improvisierten Rednertribune und damit sinnigerweise auf das »Haus des Reisens«.

Bronzeplatte als Pflichtteil für das Volk

Fünf Tage später war Reisen möglich. Ohne Gesetz. Nur mit einem Schabowski-Zettel. Ob der einstige ND- und spätere Agitationschef des Politbüros sich – wenn er sich heute vor jedermann, der zahlt, klein und schäbig macht – besser fühlt als damals auf dem Anhänger, von dem er unter Pfiffen den Erneuerungswillen der SED und seine Anwaltschaft auf den demokratischsten Generalsekretär aller Zeiten ausrief? Zugegeben, damals waren wir noch im Dialog, als Günter und René ...

Was ist geblieben? Die Reden sind nachzulesen. Die neue Ordnung hat eine Ausstellung auf den Alex platziert. Sie erklärt nicht, wieso viele, auch ich, im allzu kurzen Berliner Herbst noch so naiv waren, vom Prager Frühling zu träumen, obwohl der deutsche Winter längst zu erwarten war.

Geblieben ist eine Bronzeplatte. Nur wer weiß, dass sie existiert, kann fragen, wie er sie findet. Zwischen dem neuen SATURN-Kauftempel und der Straßenbahnhaltestelle. Da, wo kurz daneben eine Tiefgarage gegründet wird.

»Wir sind das Volk«, steht unter anderem darauf. Angesichts der bundesdeutschen Wirklichkeit mit Armut, Krieg in fremden Ländern und einer neuen, viel grundsätzlicheren Teilung in Unter- und Oberschichten verkneift man sich den Zusatz: Und was für eines!

Als der Stadtbezirk die Tafel im Jahr 2000 in den Boden der November-Demonstration einließ, hatte der Gedenktafelbeauftragte des Stadtbezirks Mitte alle 22 Redner des 4.11.1989 dazu eingeladen. Gekommen sind ein Pfarrer, die Stasi-Unterlagen-Beauftragte Marianne Birthler und Markus Wolf, der einstige Stasi-General. Muss man mehr erklären in Sachen unvollendeter deutscher Revolution?

Der Autor begleitete als einer der ND-Reporter die Demo vom 4.11.

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