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Ein Hauch von Hollywood

Herz, Schmerz und Klischees: Angela Merkel vor dem US-Kongress

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 4 Min.

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Das musste ja so kommen nach dem ganzen Brimborium im Vorhinein: Angela Merkels Rede vor beiden Kammern des US-Kongresses gilt jetzt als historisch; noch bevor die Rede überhaupt gehalten war, hatte sie gefälligst schon historisch zu sein. Entsprechend ratterte seit Tagen die Medienmaschine. Das Tröstliche an historischen Reden: Die meisten von ihnen versinken alsbald wohlverdient im Orkus des Vergessens. Nur wenige behalten einen dauerhaften Platz im kollektiven Gedächtnis – beispielsweise Richard von Weizsäckers Rede am 8. Mai 1985.

Davon ist Merkels Auftritt weit entfernt. Was von manchen Medien als visionär gefeiert wird – etwa zum Thema Klimawandel –, ist das Mindeste, was man von einer Kanzlerin erwarten darf. Vor allem hat Merkel den Amerikanern etwas Nettes geboten. Ihre Redenschreiber haben ihr einen Text mitgegeben, der durch Hollywood konditionierte Konsumenten in Verzückung geraten lassen muss: ein bisschen Herz, ein bisschen Schmerz, ein bisschen Bedeutung und natürlich ein Lob auf die Gastgeber und ihr vortreffliches Land. Siebzehn Mal, wurde mitgezählt, hat Beifall die Kanzlerin unterbrochen, sieben Mal sogar sprangen die Zuhörer begeistert auf. Im deutschen Brauchtum nennt man so etwas Laurentia.

Merkel hatte sich den Termin im Umfeld des 9. November gewünscht; sie und Barack Obama, die beide vor erheblichen innen- und außenpolitischen Problemen stehen, bekamen so eine hübsche Gelegenheit, sich im Glanz der Historie zu sonnen. Denn wenn die Amerikaner etwas über Deutschland wissen, dann, dass am 9. November die Mauer fiel. Nicht umsonst wollte Barack Obama während seines Wahlkampfs eine werbeträchtige Rede vorm Brandenburger Tor halten; die Kanzlerin hat es ihm damals verwehrt.

Nun erzählte sie dem US-Kongress von einer Kindheit im »unfreien Teil Deutschlands«; von Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl, die ihren Zugang zur freien Welt begrenzten; vom American Dream, der sie auch aus weiter Ferne begeistert habe. Nur einmal, als sie erwähnte, dass sie als Physikerin an der Akademie der Wissenschaften in Berlin gearbeitet hatte, blitzte kurz auf, dass es außer Leid und Ungemach noch etwas anderes gegeben haben muss. Vor allem aber: mehrfacher, fast schon euphorischer Dank für den großartigen Anteil der USA am Zustandekommen der deutschen Einheit. Ronald Reagan kam vor, die Piloten der Luftbrücke nach Westberlin, John F. Kennedy, die US-Soldaten in der Bundesrepublik. Schließlich, in einem letzten Nebensatz zum Thema, auch Michail Gorbatschow. Aber hatte es 1990 nicht geheißen, der Schlüssel zur deutschen Einheit liege in Moskau? In Washington jedenfalls lag er nicht.

Diverse Kommentatoren halten der Kanzlerin zugute, das zuvor unterkühlte Verhältnis zwischen Deutschland und den USA entkrampft und ordentlich angewärmt zu haben. Dieses Kompliment ist ein fragwürdiges. Denn die Spannungen zwischen Berlin und Washington sind entstanden, als sich Gerhard Schröder weigerte, deutsche Soldaten in den Irak-Krieg zu schicken. Das gehört eindeutig zu Schröders besseren Regierungstaten; George Bush indessen nahm es schwer übel. Statt mit Schröder redete er in der Folge lieber mit der Oppositionsführerin Merkel, die in der Irak-Frage genauso willige Gefolgschaft geleistet hätte, wie es Schröder und Merkel später im Falle Afghanistan taten. Wenn heute darüber geschrieben wird, klingt es oft wie der Vorwurf, Schröder habe böswillig etwas eingerissen, was Merkel mühselig wieder aufbaut.

Ach ja, über Politik hat Merkel auch gesprochen. Und zwar absichtsvoll selektiert. Das Wort Menschenrechte kam nicht vor. Das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels durfte nicht fehlen, ganz zu Recht; aber wo blieb auch nur ein Hauch von Kritik am israelischen Regime in den palästinensischen Gebieten? Die Rolle der UNO im internationalen Geschehen? Statt dessen lobte Merkel lieber den selbst ernannten Eliteklub der G20 und die NATO.

Der Rest spielte in der Abteilung Politlyrik. So wie 1989 eine Mauer fiel, müssten nun weitere Mauern fallen. Beispielsweise die Mauern zwischen Gegenwart und Zukunft. Merkel beschrieb mit diesem Kryptizismus die Gefahren des Klimawandels; ihre als mutig eingestufte Forderung nach mehr Anstrengungen zum Klimaschutz gehört zum Standardrepertoire jedes halbwegs verantwortungsbewussten Politikers. Selten klang Klartext an. Am deutlichsten vielleicht in diesem Satz: »Lassen Sie uns gemeinsam für eine Weltwirtschaftsordnung eintreten, die im Interesse Europas und Amerikas ist.« Das darf der Rest der Welt als konkrete Drohung verstehen.

Das unvermeidliche Lob der Globalisierung verband Merkel mit einem Schreckgespenst – die Alternative zur Globalisierung nämlich wäre Abschottung, die ins Elend und in die Isolation führe. Dies nun ist eine erstaunlich ignorante Feststellung: Die Großen und Starken dieser Welt, zu denen die USA und Deutschland gehören, nehmen die Vorteile der Globalisierung mit, schotten sich durchaus selbst gegen ihre Risiken ab.

In den USA ist eine kurze Merkelmania ausgebrochen; ein paar kleine Wellen sind bis nach Deutschland geschwappt. Für den langjährigen Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski ist Merkel die Favoritin als EU-Präsidentin, ein deutscher Kommentator nannte sie in einem Besorgnis erregenden Anfall von Ekstase »Miss World«.

Man darf wohl davon ausgehen, dass die herzerweichende Geschichte des Mädchens Angela, das hinter Stacheldraht auf echte Jeans von der Westtante wartete und in der Freiheit eine große Nummer wurde, Hollywoods Drehbuchautoren beflügelt. Die Vorlage ist geliefert. Das Casting kann bald beginnen.

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