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Bei Ye und die lieben Nachbarn

Erfahrungen eines Schriftstellers als Vorsitzender einer Pekinger Hauseigentümerversammlung

  • Von Friedrich Weißdorn, Peking
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ob denn einer seiner Zuhörer wüsste, welches in China die einzige wirklich demokratisch gewählte Amtsperson sei, die sogar von der Regierung anerkannt werde. So begann Bei Ye seinen Vortrag auf einer Pekinger Konferenz über »Zivilgesellschaft«. Jemand aus dem Publikum murmelte: »Dorfvorsteher«. Aber das ließ der Schriftsteller nicht gelten: Nein, es handele sich um die Vorsitzenden der Hauseigentümerversammlungen. Das mache deutlich, wie es um die chinesische Zivilgesellschaft stehe. In diesem Bereich gebe es sogar eine Gewaltenteilung, seit am 28. Mai 2003 die »Vorschriften zur Immobilienverwaltung« in Kraft traten. Die Hauseigentümerversammlung sei die Legislative, sozusagen das Parlament. Die von ihr beauftragte Hausverwaltungsfirma sei die Exekutive, ihre Aufgaben seien vergleichbar mit denen eines Premierministers. Und die Durchsetzung der »Gesetze« obliege der Regierung: Polizei, Baubehörde und andere Ämter.

Bei Ye selbst wohnt im »Silver Maple Garden«, einer sehr exklusiven Wohnanlage am nordöstlichen Rand des Vierten Pekinger Stadtrings. Die zwischen 100 und 600 Quadratmeter großen Wohnungen sind fest in der Hand der neuen chinesischen Elite: aus dem Ausland zurückgekehrte Chinesen, bekannte Schauspieler, erfolgreiche Künstler und steinreiche Manager. Als überzeugter Demokrat hatte Bei Ye nichts dagegen, sich zum Vorsitzenden der Wohnungseigentümerversammlung wählen zu lassen. In dieser Eigenschaft wurde ihm von Repräsentanten einer Mobiltelefonfirma Lingtong angeboten, die Wohnanlage für eine Relaisstation zu nutzen. Er sei dagegen gewesen und habe die Sache zur Verzögerung an ein älteres Mitglied des Wohnungseigentümerkomitees verwiesen. Wie erstaunt sei er aber gewesen, als dieser schon am nächsten Tag zu ihm kam:

»Bei Ye, die Sache müssen wir unbedingt machen, da gibt's Bestechungsgelder.«

»Was? Das enttäuscht mich aber von Ihnen.«

»Nein, ich meine doch nicht, dass wir das für uns behalten. Aber davon können wir doch hier was machen, für alle! Wir bekommen fünf Prozent des Auftragswerts.«

»Also nein. 5 Prozent von wie viel denn? Wenn man einmal damit anfängt, kann man nachher nie mehr beweisen, dass man sauber geblieben ist.«

»Dann lassen Sie uns doch wenigstens im Hauseigentümerkomitee darüber abstimmen.«

Von sieben Komiteemitgliedern stimmten fünf für den Auftrag. Außer Bei Ye war nur ein in der Anlage wohnender Amerikaner dagegen. Bei Ye rügte seine Komiteemitglieder: »Ist das nicht genau das, weswegen ihr jeden Tag auf die Partei schimpft?« Einer hielt dagegen: »Aber das hat doch in China Tradition!«

Das wiederum erinnerte Bei Ye an eine andere chinesische Tradition, die da heißt: »Der Vorsitzende entscheidet alles allein.« Und er sagte Lingtong ab. Dass er seine Integrität über eine demokratisch legitimierte Entscheidung stellte und sich so diktatorisch verhielt, machte ihm zu schaffen. Noch viel mehr machte ihm aber zu schaffen, dass er seine Integrität über die finanziellen Interessen anderer gestellt hatte. Es hagelte scharfe Kritik: Wer sei er denn? Für wen halte er sich? Warum mache er den Job überhaupt?

Ein paar Tage später wurde Bei Ye gerufen, weil ein Eigentümer, ein Zimmer seiner Wohnung vergrößernd, eine tragende Wand im 25. Stock herausgerissen hatte. Viel hätte nicht gefehlt und das ganze Haus wäre eingestürzt. Entsprechend wütend war Bei Ye und drohte mit einer Anzeige.

»Verklag mich doch!«, antwortete der Eigentümer ungerührt. »Ich kenne welche vom Gericht.« Ein Einschüchterungsversuch. Bei Ye erstattete dennoch Anzeige – und verlor den Prozess.

Danach musste er die Baubehörde rufen, weil einer der Villeneigentümer sein Haus bis an die nächste Villa herangebaut hatte. Aus zwei alleinstehenden Villen waren Reihenhäuser geworden. Um wen es sich handele, welchen »Hintergrund« der habe, war die erste Frage des Zuständigen von der Baubehörde. Wenn das ein zu großes Tier sei, wären nämlich nicht nur er selbst, sondern auch sein Chef den Job los ...

Als sich ein anderer Eigentümer über die Hausverwaltungsfirma ärgerte, stellte er als »Strafe« seine Edelkarosse direkt in die Einfahrt der Wohnanlage. Die Verkehrspolizei wurde gerufen. Als sie den Wagen sah, instruierte sie als erstes den Torwächter: Er habe dafür zu sorgen, dass dem Auto nichts passiert. Mit Besitzern solcher dicken Schlitten will auch die Polizei keinen Ärger. Drei Tage lang blockierte das Auto die Einfahrt.

17 Monate leitete Bei Ye die Hauseigentümerversammlung. In dieser Zeit sei ihm, außer Mord, alles nur Erdenkliche widerfahren. Aber nicht von der Partei. Auch nicht von der Mafia. Sondern von seinen lieben Nachbarn. Deshalb schmiss er die Sache hin. Amerikaner glaubten nicht an ihre Politiker, aber an das System, sagt er. Chinesen glaubten nicht an Systeme, sie verließen sich auf Personen. Nicht aufs Recht. Und so lange das so sei, nütze eine Demokratisierung China gar nichts.

Nachdem der Applaus für den Vortrag verebbt war, ergriff der Veranstalter der Konferenz das Wort. Wenn Bei Ye so etwas vor 30 Jahren erzählt hätte, wäre er eingesperrt worden. Jetzt könne er das öffentlich sagen. Das sei doch auch ein großer Schritt in Richtung Zivilgesellschaft, auf den man stolz sein könne.

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