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Der Kuss

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Zum Jubiläum des Mauerfalls wurde die East Side-Gallery komplett saniert. Auch der berühmte Bruderkuss von Dimitri Wrubel strahlt in neuer Farbigkeit. Sein Motiv fand der Künstler einst auf einem Foto.
Nicht totgeküsst: Dimitri Wrubel (o.), Der Fotograf Régis Bossu
Nicht totgeküsst: Dimitri Wrubel (o.), Der Fotograf Régis Bossu

An diesem Tag hatte Régis Bossu Glück im Unglück. In einem Pulk von Journalisten war er in den Saal im Schloss Niederschönhausen gelangt. Gleich würden Leonid Breschnew, Erich Honecker nebst Entourage auftauchen und vor der versammelten Weltpresse einen feierlichen Empfang zum 30. Jahrestag der DDR abhalten. Der Fotograf Régis Bossu sollte für die französische Agentur Sygma das Ereignis dokumentieren. Der Freiberufler musste um einen guten Platz kämpfen. An jenem Oktobertag 1979 hatte er Pech, denn er stand ganz hinten. Kollegen versperrten die Sicht. Als Breschnew und Honecker eintraten, griff er zum Teleobjektiv. Wenn schon kein Gruppenbild möglich war, wollte er die Staatschefs wenigstens aus nächster Nähe ablichten. Als sich Leonid und Erich im Bruderkuss umfingen, war Régis Bossu ihnen mit dem Zoom ganz nah.

Der Kuss

Das so entstandene Foto machte Geschichte: »Le baiser«, wie die Franzosen es nennen – nicht zu verwechseln mit dem anderen bekannten Kuss von Robert Doisneau –, erschien als erstes auf einer Doppelseite in der Zeitschrift Paris Match unter der Überschrift »Der Kuss zwischen Leonid und Erich – Die Herausforderung für Europa«. Danach wurde das Foto auch international vielfach gedruckt und bescherte Bossu Anerkennung in Fachkreisen. Große Berühmtheit erlangte das Bild jedoch erst, als es der russische Künstler Dimitri Wrubel 1990 an die Berliner Mauer malte, versehen mit dem Spruch »Gott lass mich diese tödliche Liebe überleben«. Als Postkartenmotiv reiste es um die ganze Welt und machte die küssenden Kommunisten zum Aushängeschild der East Side-Gallery. Der eigentliche Urheber, Régis Bossu, geriet in den Schatten dieser Mauerikone.

Von allen Erinnerungen an die Berliner Mauer ist die East Side-Gallery wohl noch das fröhlichste Bruchstück. Anders als die Wachtürme, kahlen Betonstreifen und nachgebauten Grenzübergänge rufen die Malereien ein Lebensgefühl zurück, das nicht Unfreiheit und Bedrückung enthält. Gelegen am nördlichen Friedrichshainer Spreeufer, an der vielbefahrenen Ausfallstraße Richtung Schönefeld, ist diese riesige Freiluftgalerie ein Andenken an eine Zeit ungeahnter Freiheit. 118 Künstler aus 21 Ländern bemalten zwischen Januar und September 1990 die östliche Seite der Mauer auf einer Länge von 1,3 Kilometern und schufen hier ein glückliches Wendesouvenir, das allerdings zu verschwinden drohte.

In den 20 Jahren seit der Grenzöffnung hat das Mauerwerk bewiesen, dass es als Schutzwall tatsächlich keine 100 Jahre überstanden hätte. Die Eisenträger rosteten, der Beton zerbröselte. Auf der Oberfläche setzten Regen, Frost, Autoabgase und Graffitis den 105 Bildern der Galerie zu. Tausende Touristen hinterließen auf dem seit 1991 unter Denkmalschutz stehenden Mauerabschnitt ihre Spuren. Manche Künstler übermalten ihre eigenen Werke. Aus Protest gegen die Kommerzialisierung der Wände schrieb Jim Avignon in dicken Lettern »Money Machine« über sein Bild. 1997 gründete der iranische Künstler Kani Alavi, der selbst ein Bild an dem Mauerabschnitt gemalt hatte, die Künstlerinitiative East Side-Gallery e.V., die im Jahr 2000 eine erste, notdürftige Sanierung herbeiführte. Jetzt rettet das 20-jährige Mauer-Jubiläum das bunte Denkmal vor dem Verfall.

2,5 Millionen Euro hat die Künstlerinitiative für die Restaurierung der Bilder aus Mitteln der Lottostiftung und aus Fördertöpfen von Bund, Land und EU bekommen. 3000 Euro erhielt jeder Künstler dafür, dass er sein Bild noch einmal auf den nunmehr sanierten Beton auftrug. Um diese Aufwandsentschädigung – die kein Honorar sein soll, wie der Chef der Initiative, Kani Alavi, betont – gab es lautstarken Streit. 14 von 90 Künstlern kritisierten die geringe Entlohnung, fragten nach dem Verbleib der übrigen Lottogelder, gründeten eine Gegeninitiative und verweigerten eine neuerliche Arbeit an der Mauer. So bleiben einige Lücken in den Wandmalereien, deren Sanierung termingenau zum 9. November feierlich abgeschlossen sein wird. Gestern fand die feierliche Übergabe im Beisein des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit statt.

Den ganzen Sommer über konnte man in der Mühlenstraße den Künstlern über die Schulter gucken und beobachten, wie ein Bild nach dem anderen wieder auftauchte, in kräftiger Farbigkeit zurückkehrte. Viele der Motive sind inzwischen weltberühmt: der durch die Mauer brechende Trabi von Birgit Kinder, Thomas Klingensteins Fuji im japanischen Sektor und natürlich die küssenden Kommunisten Breschnew und Honecker von Dimitri Wrubel.

Als der russische Künstler im Juli nach Berlin kam, glich sein tägliches Tagwerk an der Mauer eher einem Happening. Schon zuvor hatte Wrubel, der um den prominenten Status seines Bildes wusste, für Verwirrung gesorgt, indem er zunächst erklärt hatte, er werde nicht noch einmal malen und sich der Gegeninitiative anschloss, um dann doch zu erscheinen: immer im gleichen schwarzen T-Shirt mit der russischen Aufschrift »Wrubel – Dummkopf«, immer mit dem gleichen Schalk im Nacken und dem gleichen lückenhaften Lächeln, das so etwas wie sein Markenzeichen geworden ist. Er ließ sich fotografieren und gab viele Interviews, in denen er nichts mehr von den Zwistigkeiten um die Sanierung wissen wollte.

Lieber erzählte er von seiner Reise durch Europa, damals im Herbst '89, als er 29-jährig angeblich halb-illegal, mit ein paar Dollar in der Tasche, in einem Wolga durch den Westen fuhr. Ein verrückter Russe, den es im November vor die Tore Berlins verschlug, gerade noch rechtzeitig, um den Wahnsinn des Mauerfalls selbst zu erleben. »Ich war hier«, sagte Wrubel, so als sei er darüber im Nachhinein selbst erstaunt. Vieles von dem, was er damals in Berlin erlebte, klingt heute wie eine Legende: eine Ausstellung in der Straße Unter den Linden, Probleme mit dem Einfuhrzoll, ein Mann im weißen Lada, der alle Probleme lösen konnte. Und schließlich das Angebot, Wrubel dürfe zusammen mit anderen Künstlern die Mauer bemalen. Welcher Maler hätte da widerstehen können? Tatsächlich ist die East Side-Gallery das erste große gesamtdeutsche Kunstprojekt gewesen, das von den in der DDR und der BRD existierenden Verbänden Bildender Künstler initiiert wurde.

Dimitri Wrubel bekam eine Fläche von 4,50 Meter mal 3,60 Meter zugewiesen. Darauf entstand jenes Werk, das schließlich zu einer Ikone der Gallery werden sollte: der Bruderkuss. Ein Freund, so erzählte Wrubel, habe ihm eines Tages Bossus Foto gezeigt. Das Motiv habe ihn nicht losgelassen. In nur einer Woche malte er es an die Wand, und weil er dann noch Zeit hatte, gleich ein zweites, weniger bekanntes Bild hinterher. Einige Schritte von den Machthabern entfernt bannte er das Gesicht des Dissidenten Andrej Sacharow an die Mauer und schrieb einfach »Danke« darunter. Die Geschichte des Sozialismus in zwei Bildern.

Als Wrubel nun im Sommer seine Bilder restaurierte, bekam er Besuch von Régis Bossu. Die Künstlerinitiative hatte den Fotografen eingeladen. Sicher ein PR-Coup, aber auch eine Geste gegenüber dem Urheber. Bossu überreichte dem Maler einen großformatigen Abzug von »Le baiser«. Fotos von der Begegnung zeigen die beiden Männer, wie sie ihre jeweiligen Werke in die Kameras halten, Bossu seine Schwarzweißaufnahme, Wrubel einen Farbdruck seines Bildes. Im Vergleich erkennt man, wie der Maler dank der Farbe die seltsam intime Geste noch zusätzlich betont hat. Bei Wrubel wirkt sie fast fleischeslüstern.

Von Régis Bossu kann man erfahren, wie es wirklich war, als sich Breschnew und Honecker küssten. Seit 1975 arbeitete der aus Verdun stammende und in Deutschland lebende Fotograf freischaffend für die renommierte Pariser Agentur Sygma und für deutsche Magazine wie den »Stern«. Für sie reiste er in Krisengebiete wie das damalige Zaïre, wo man ihn wegen seiner Tätigkeit für zwei Wochen ins Gefängnis steckte. Für seine Agentur war Bossu der Mann für alles. Einige Male war er auch schon im Ostblock gewesen, als schließlich 1979 der Auftrag kam, Honecker und Breschnew zu fotografieren. Der heute 65-jährige Bossu erinnert sich gut an den Empfang in Niederschönhausen, nur beim Datum ist er unsicher. Er denkt, es war der 5. Oktober. Er summt die Anfangstakte vom Lied der Freien Deutschen Jugend. Es wurde oft an jenem Oktobertag angestimmt. Bossu hatte es als Ohrwurm im Kopf. Nur wenige Journalisten dürften bei dem Festakt für Breschnew zugegen sein. Bossu gehörte dazu, fand sich aber eben in den hinteren Reihen wieder. Keine guten Arbeitsbedingungen.

Doch dann passierte ein Traum für alle Fotografen: Die Szene wiederholte sich mehrfach. Reden wurden gehalten, danach geküsst, Orden verteilt und wieder geküsst. Bossu hatte Zeit, Belichtungen zu verbessern, am Ausschnitt zu feilen, sogar farbig und schwarzweiß zu fotografieren. Barbara Klemm, die von Kollegen hochgeschätzte FAZ-Fotografin, stand weiter vorn. Auch sie besitzt Bilder vom Kuss. Bossu erinnert sich, dass sie später sehr kollegial gesagt habe, die besten Aufnahmen stammten vom französischen Fotografen.

Der Kuss ist alles andere als ein Schnappschuss. Er ist die sorgfältige Beobachtung einer Inszenierung. Daher taugte er auch für die Malerei. Die Aufnahme besitzt, was Régis Bossu als »frechen Abstand« bezeichnet. Mit nichts anderem als seinem Motiv beschäftigt, konnte der Fotograf die offizielle Zeremonie mit den feierlichen Reden kurzerhand ausblenden. Ihn interessierte nur der besondere Moment: das Ritual der Staatsmänner. Bossus Großaufname zeigt zwei Männer, die sich mit geschlossenen Augen küssen. Sie betont eine Homoerotik, auf die der sozialistische Bruderkuss mitnichten abzielte. Das macht die Szene im Nachklang unfreiwillig komisch. Sie wird vieldeutig und damit vielseitig verwendbar.

2007 warb ein großer Telekommunikationsanbieter auf Plakten mit dem Foto und dem Slogan »Jeder mit Jedem für 0 Euro im Monat!« für ein Flatrate-Angebot. Das war selbst Bossu zu viel. Er ging rechtlich gegen den Anbieter vor und einigte sich außergerichtlich mit ihm. Im Falle der East-Side-Gallery, wo die rechtliche Lage ohnehin eine ganz andere ist, bleibt Bossu hingegen gelassen. Er sieht sich als indirekten Teil des Ganzen. Sein Foto ist ein Dokument.

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