Werbung

Nicht nur ostdeutsch

Der Film »Weltstadt« rekonstruiert ein Verbrechen in der Stadt Beeskow

  • Von Angelika Nguyen
  • Lesedauer: 3 Min.
Vor fünf Jahren zündeten zwei junge Männer in Beeskow einen Obdachlosen an, der auf einer Bank schlief. Beide wurden zu längeren Haftstrafen verurteilt. Das Opfer überlebte schwer verletzt. Zwei Jahre später drehte Regisseur Christian Klandt, Jahrgang 1978, in Beeskow über das Verbrechen einen Spielfilm, der jetzt im Kino zu sehen ist.

Beeskow 2004: Nachdem sie erfolglos Geld bei einem Obdachlosen gesucht hatten, steckten zwei Jugendliche einen schlafenden Obdachlosen in Brand. Geschehen im Fröbelpark der brandenburgischen Kleinstadt. 24 Stunden vor der Tat setzt Klandts Film »Weltstadt« an. Parallel wird erzählt, wie fünf Menschen den Tag vor dem Anschlag verbringen: die Täter Till und Karsten, Tills Freundin Steffi, Imbissbudenbesitzer Heinrich, Polizist Günter. Regelmäßig durchquert der obdachlose Jargo, das spätere Opfer, die Szene. Nicht als Gag, sondern weil das in einer Kleinstadt so ist. Man sieht sich. Man kennt sich. Die Personnage des Films ist beschränkt und verknüpft sich immer wieder neu. Günter ist Tills Vater, Heinrichs Bude steht nahe dem Park, Steffi findet das Opfer.

Der Tag vor der Tat, erzählt der Film, ist ein ganz normaler Tag. Normal sind der Streit Karstens mit seiner Mutter, Tills Gang zum Lehrbetrieb, das Ablehnungsschreiben auf Steffis Bewerbung. Normal ist Günters Gespräch mit seiner Frau über Geld, und dass Heinrich in seiner Imbissbude Öl für Pommes Frites einfüllt. Normal sind Langeweile, Perspektivlosigkeit, Angst. Aber an diesem Tag spitzen die Dinge sich zu. An dem Obdachlosen lassen Till und Karsten alles aus. Doch der Film wählt die Tat nicht zum dramaturgischen Höhepunkt, er erzählt die Geschichte danach weiter. Im letzten Teil bekommt die eigentlich nüchtern erzählte Geschichte magische Momente, wie sie vielleicht nur in einer Kleinstadt möglich sind. Sie steigern sich zu einem beklemmenden Schlussbild.

Nicht nur das Verbrechen wollte Klandt rekonstruieren, sondern auch ein Porträt von Beeskow zeichnen. Er kennt sie gut, diese Stadt und ihre Menschen: Er ist in ihr geboren. Die genaue Ortsbestimmung ist dem Regisseur wichtig. Er meint Beeskow im Landkreis Oder-Spree und hat an den Originalschauplätzen gedreht. Er wollte nicht, sagt Christian Klandt, den Schutz der Fiktion. »Der Film ist eine Liebeserklärung an meine Stadt«, sagt er. Dazu gehört für ihn, dass er nichts beschönigt, schon gar nichts entschuldigt. Er wollte denen, die die Tat ignorieren wollten, einen Spiegel vorhalten. »Der Film ist für die 9000 Menschen meiner Heimatstadt.« Liebe heißt für Klandt aber auch, dass er ohne Vorurteile an die Geschichte herangeht. Es ärgert ihn, dass der Osten, wie er meint, oftmals mit drei Wörtern charakterisiert wird: »Nazis, Hartz IV, Plattenbauten. Es ist sehr einfach zu sagen, alles klar, das ist der Osten.« Im Film kommen alle drei Klischees tatsächlich vor, aber für Klandt sind sie Äußerlichkeiten. Sie machen nicht das Wesentliche aus. Er zeigt die Menschen in ihren Umständen, zeigt ihre Gefühle hinter dem sozialen Status.

Gewalt hält Christian Klandt für kein besonderes Merkmal des Ostens. Gut die Hälfte aller Gewalttaten, die er recherchiert habe, seien im Westen passiert. Wegsehen sei das Schlimmste. »In München, wo vor ein paar Wochen der 50-jährige Mann totgeschlagen wurde, standen 15 Leute auf dem Bahnsteig. Das ist das eigentliche Problem. Darüber redet kaum einer. Das ist die Gesellschaftsform, in der wir heute leben. Das ist die Parallele zwischen Beeskow und München.«

Christian Klandts Gewissenhaftigkeit in Figurensprache und sozialem Gestus, seine genaue Detailkenntnis und authentischen Emotionen für Beeskow, sein Blick für die Schönheit des Ortes zahlten sich aus. Die Anteilnahme des Publikums und Gespräche bei einer exklusiven Kinovorführung in Beeskow 2008 geben den Filmemachern Recht, und auch die deutschen und internationalen Preise.

»Weltstadt« ist das Resultat eines Seminars der Filmhochschule Babelsberg und ging mit dem Budget von 18 000 Euro auf Festivals in Konkurrenz mit Millionenprojekten. In Montreal, New York, Singapur, Bergamo, Zlin begeisterten sich Menschen für den Film. »Da sagten uns Leute, dieselbe Geschichte ist in meinem Land passiert, in meiner Stadt. Dann ist es nicht mehr typisch ostdeutsch.« Christian Klandt versteht Kunst auch als Auftrag. Immerhin habe sein Regiestudium 450 000 Euro gekostet.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln