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Ich ist Er

Per Olov Enquist: »Ein anderes Leben«

Ein eigenartiger Titel für eine Autobiografie: »Ein anderes Leben«. Aber der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist hat der Geschichte seines Lebens nicht nur einen ungewöhnlichen Titel gegeben, er hat sie auch in der Er-Form erzählt. Das erinnert an den französischen Dichter Arthur Rimbaud, der mit »Ich ist ein Anderer« für viele den Anfang der Moderne markiert. Nach dem ersten Bröckeln des Fortschrittsoptimismus Ende des 19. Jahrhunderts steht der Mensch als Subjekt, als Souverän seiner selbst und seiner Geschichte in Frage.

Das alles scheint zunächst nicht zur Herkunft von Per Olov Enquist aus der schwedischen Provinz zu passen. Nach dem frühen Tod seines Vaters hat ihn seine Mutter allein in einem kleinen Dorf in Nordschweden aufgezogen. Tief von der protestantischen Erweckungsbewegung geprägt, gab sie ihren Glauben an den Sohn weiter. Ein Glaube, den Enquist, wie seine Mutter einmal meinte, an der Universität Upsala »wegstudiert« hat. Übrig blieb die Innerlichkeit und die Gewissensprüfung, die zu einer ständigen intellektuellen Selbstkritik wurde. Und damit auch zur Relativierung des eigenen Ich.

Schon während des Studiums beginnt Enquist Gedichte und Erzählungen zu schreiben. Obwohl der Erfolg noch auf sich warten lässt, unternimmt er immer neue Anläufe. Neben seinem Literaturstudium widmet er sich – ungewöhnlich für einen Intellektuellen – dem Leistungssport. Enquist war Hochspringer, hat es bis auf Platz vier der schwedischen Meisterschaften geschafft. Zum Ende seines Studiums wird sein erster Roman veröffentlicht; er beginnt in der Stockholmer Tageszeitung »Dagens Nyheter« zu arbeiten.

»Ein anderes Leben« zeichnet sich wie auch die anderen Bücher Enquists durch eine beschwörende immer wieder auf bestimmte zentrale Ereignisse zurückkehrende Schreibweise aus. In diesem Fall sind es vor allem die Kindheit und die religiösen Forderungen der Mutter, die immer wieder aus dem Dunkel der Vergangenheit erscheinen. Auch wenn es nicht Enquists bestes Buch ist, der Leser wird auch hier wie in seinen Romanen unwillkürlich in den Text hineingezogen. Von den ersten Ermutigungen als Schriftsteller über die politischen Diskussionen in Schweden in den 60er Jahren bis zu seinem Erfolg als Theaterautor liest man gespannt Seite um Seite. Und man liest davon, dass sein Leben immer mehr vom Alkohol bestimmt wird, sodass er Ende der 80er in eine lebensbedrohliche Krise gerät. Erst beim dritten Anlauf, nach jahrelangem, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Leben mit der Flasche, gelingt ihm der Absprung. Noch in der Entziehungskur beginnt er 1991 seinen Roman »Kapitän Nemos Bibliothek«. Dieser und die danach entstandenen Bücher haben ihn in Deutschland populär gemacht.

»Früher träumte ich insgeheim davon, ich könnte einmal alles zusammenfügen, einen Schlussstrich ziehen«, heißt es zu Anfang von »Ein anderes Leben«. »Um am Ende sagen zu können: so war es, so ging es zu, dies ist die ganze Geschichte. Doch das wäre wider besseres Wissen. Wider besseres Wissen ist andererseits eine gute Art, nicht aufzugeben.« Die Autobiografie von Per Olov Enquist hat also Lücken; auch er schreibt nicht über alles und am Ende bleibt vieles offen. Aber er hat es versucht, und er hat nie aufgegeben, im Leben wie im Schreiben.

Per Olov Enquist: Ein anderes Leben. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Hanser Verlag, 544 S., geb., 24,90 €. Hörbuch im Audiobuch Verlag, 6 CDs, 29,95 €.

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