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Man beißt sich so durch

Großstadt-Parabel »Stadt der Hunde« hatte Premiere in der Neuköllner Oper

Auf den Hund gekommen: Fabian Martino und Nina Ahrens
Auf den Hund gekommen: Fabian Martino und Nina Ahrens

Wie die Wölfe vom Felsen blicken sie auf ihr Revier hinunter. Die Pose gefällt ihnen. Was macht es da schon, dass die Rixdorfer Höhe nicht mehr als 69 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Sie lieben ihr Neukölln. Ein gemütliches Pflaster ist das nicht. Aber man beißt sich so durch. Die Neuköllner Oper zeigt als erste Musikbühne Berlins eine 75-minütige Hundeoper nicht nur für Jugendliche. Wenige Tage vor der deutschen Erstaufführung unter Regie von Mario Portmann wurde sie beim »YO! Youth Opera Festival Utrecht« uraufgeführt. Dann kam sie »nach Hause«, denn in Neukölln ist sie entstanden.

Die Komponistin Sinem Altan und die Dramatikerin Tina Müller sind für »Stadt der Hunde« in die Gefühlswelt Neuköllner Jugendlicher eingetaucht. Das Stück ist eine Parabel auf deren hartes Großstadtleben. Dafür werden nun Hunde belauscht. George Tabori bezeichnete die Vierbeiner einmal als die »besten Leute«, als »neue Wesen«, die eben nur nicht sprechen können. Hier erzählen sie ihr Hundeleben. In »Sozialkitsch« wollte die Texterin aber nicht abrutschen. Dafür beweist sie Sozialkompetenz. Viele Gespräche hätten ihr offenbart, dass Jugendliche die Regeln ihres Kiezes auf der Straße lernen und sie befolgen, um klar zu kommen. Aus dieser Perspektive gelang ihr Vorhaben, das Leben im Bezirk in einem anderen Licht zu zeigen. Grundsätzlich aber bestätigt sie mit ihrer Arbeit das Typische an Neukölln. Anders geht es nicht. Da beißt sich der Hund in den Schwanz.

Das Inszenierungsrudel beweist fundiertes Wissen über vierbeinige Berliner mit »wölfischem Migrationshintergrund« – von Verhaltensmustern bis zur Choreografie von Julieta Figueroa. Sehnsucht nach Zuwendung charakterisiert die Winternachtgeschichte der drei struppigen Straßenköter. Die junge Mopshündin Dilara wurde von ihrem Besitzer Murat geliebt. Aber er band sie mit Leine an einen Laternenpfahl. Seine Freunde hatten gelacht, weil er mit dem dicken Hündchen aufgekreuzt war. Nun sitzt Dilara fest an Neros Pinkelstrecke. Nero ist ein Pitbull-Dobermann-Mischling, gezüchtet zum Beißen. Seine Besitzer haben ihn in ihrer vermüllten Wohnung, wo die Kinder wie tote Fliegen vorm Fernseher herumliegen, kaum beachtet und nicht versorgt. Das gemeinsame Abendessen sei wie der Europarat, gab der Vater bekannt. Man könne alles bereden. Doch er verpfiff sich vom Tagungsort. Von da an gab's nur noch hochgekochte Atmosphäre. Auch der Hund drehte durch, biss eines der Kinder und musste verschwinden, um zu überleben.

Dritter im Bunde ist Schäfer. Er lässt die beiden anderen gern glauben, dass er so bedeutend sei wie Kommissar Rex. »Wat futtern se dir bei de Polizei, Schäfer?« Darauf kann er nicht antworten, aber er fühlt sich dazu berufen, die anderen darüber aufzuklären, wie man Menschen in den Griff bekommt, indem man ihnen das Gefühl vermittelt, sie seien der Chef. So reden sich alle drei die Situation schön. Zwischendurch sind sie hundsgemein zueinander und bejaulen ihr Elend. Nero und Schäfer singen ihr Loblied auf heiße Neuköllner Weibchen – »Baby, Baby, bei Fuß...«. Ihre Not lässt sie zusammenhalten und mit verteilten Rollen »jagen«. Immer rein ins chinesische Restaurant, Koch ablenken, Beute schnappen. Die paar Schläge mit der Pfanne hält Nero aus.

Das Bühnenbild von Grit Wendicke mit zu einem Tunnel gebauten Gittern unterstreicht, dass sie ganz unten sind. Sie sind frei wie Wölfe, aber sie sind keine. Diese Wesen wollen geliebt werden und sind – wenn auch leise knurrend – bereit zu Kompromissen. Er freue sich schon fast auf die Hundeschule, meint Nero lakonisch. »Sitz!, Platz!, Pfui« – das volle Programm.

Nina Ahrens als Dilara, Fabian Martino als Nero und Christian Bayer als Schäfer spielen die drei »Strakös« schön widerspenstig unter musikalischer Leitung von Alexander Klein, der sie am Piano begleitet. Leise, schön, schräg und schrill singen sie. Ach, wie herrlich können sie heulen. Und weil das Komische dem Tragischen entspringt, haben sie keine Scheu darzustellen, dass man sich als armer Hund auch ziemlich zum Affen macht.

Wieder ab 18.11., 20 Uhr, Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131, Neukölln, Tel.: 68 89 07 77, www.neukoellneroper.de

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