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Der Seemann und der Dandy

Vor 75 Jahren starb Joachim Ringelnatz

Seine Kunstfigur »Kuttel Daddeldu« ist legendär: Mit diesem einprägsamen Namen spielte Joachim Ringelnatz (1883-1934) seine humoristische Paraderolle eines Leichtmatrosen. Der kleine, etwas kurzsichtige Sachse war ein gefeierter Kabarettist, aber auch ein fleißiger Dichter, Schriftsteller und Maler. Privat sei er genau das Gegenteil des Matrosen Kuttel Daddeldu gewesen, sagte der Göttinger Philologie-Professor Frank Möbus in einem Interview mit der dpa. Der Literaturwissenschaftler forscht seit zehn Jahren über Ringelnatz.

ND: Herr Prof. Möbus, was ist aus literaturhistorischer Sicht das Besondere an Ringelnatz?
Prof. Möbus: Er spiegelt eindrücklich die Geschichte des 20. Jahrhunderts wider: Er war als Kaisertreuer in den Ersten Weltkrieg gezogen, hat sich dann aber schnell vom Kriegsgeschehen abgewandt und mit den revolutionären Arbeiter- und Soldatenräten sympathisiert. Er war in der Weimarer Republik ein bekennender Demokrat, erlebte Glanz und Elend der 20er Jahre. Er war auch als ernsthafter Autor und Maler in den 20er und 30er Jahren berühmt, geriet aber dann wegen der Nationalsozialisten fast in Vergessenheit. Er ist ein Spiegel von Licht und Schatten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das lässt sich an seinem Werk sehr gut zeigen.

Ringelnatz hat verschiedene künstlerische Facetten. Gibt es darunter welche, die zu seinen Lebzeiten und auch danach zu wenig beachtet wurden?
Sein ernsthaftes Werk stand immer im Schatten des Bühnenzauberers, der er auch war. Er hat oft drei Eineinhalb-Stunden-Programme an einem Abend absolviert. Dafür liebte ihn das breite Publikum. Es ist heute auch nicht einfach, vom Humorigen wegzukommen zum Ernsthaften. Ich war gerade auf Lesereise mit ernsthaften Ringelnatz-Texten. Da war das Publikum erstaunt: »Was, so etwas gibt es von ihm auch?«

Wie war der Künstler privat?
Der private Ringelnatz hatte mit dem Bühnen-Ringelnatz nichts zu tun. Er trug weiße Anzüge und Gamaschen, hatte einen Gehstock. Er war ungewöhnlich sorgfältig herausgeputzt, dandyhaft und eitel. Er liebte teure Weine und Champagner. Er hat das Geld in vollen Zügen ausgegeben, verkehrte mit berühmten Leuten wie Max Schmeling und Asta Nielsen. Mit dem abgerissenen Seemann von der Bühne hatte er nichts gemein.

War Ringelnatz in seiner Zeit ein Star?
Man darf ihn getrost einen Star nennen. In den frühen 20er und 30er Jahren war er ein Megastar. Wenn er in eine Stadt kam, war es ein ziemlich großes Ereignis. – Ihm blieb nichts anderes übrig, als viel zu arbeiten. Es wurde nicht gut bezahlt. Er war aber auch bühnensüchtig, liebte sein Publikum. Er liebte es, angehimmelt zu werden und große Rezensionen zu bekommen.

Interview: S.-C. Kosel, dpa

Frank Möbus gab jetzt im Verlag für Berlin-Brandenburg den Band »Joachim Ringelnatz: Nach Berlin, nach Berlin, nach Berlin« heraus (250 S., geb., 19,90 €).


WER HÖRT EIN STÄUBCHEN LACHEN?

Stäubchen stob durch die Stube.
Dort saß ein kleiner Bube
(Der Stäubchen wie ein Riese erschien)
Vor einem Stadtplan von Berlin.

Stäubchen lachte: »Berlin ist klein!«
Drang in Bübchens Nase hinein
Und ließ sich von dem Riesen
Wieder ins Weltall niesen.

Joachim Ringelnatz

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