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Aus dem ewigen Frühling

Spektakuläre Ausstellung: Sandro Botticelli in Frankfurt am Main

Kopf eines Engels, Zeichnung aus dem Musée des Beaux-Arts Rennes
Kopf eines Engels, Zeichnung aus dem Musée des Beaux-Arts Rennes

Die Frisur sitzt: Mehrere zierlich geflochtene Zöpfe liegen über dem herunterwallenden Haar. Reiherfedern, eine Agraffe und Dutzende kleine Perlen schmücken das rötlichblonde Coiffeurkunstwerk auf dem Haupt der schönen Florentinerin. Zwei der geflochtenen Zöpfe laufen über die Schultern nach vorn, um sich über den Ausschnitt des Kleides zu legen und schließlich zusammenzutreffen – genau zwischen den Brüsten. Um 1480 entstand das »Weibliche Idealbild«, dem Sandro Botticelli (1444/45-1510) wahrscheinlich die Züge der Simonetta Vespucci verlieh und das seit langem so etwas wie die Mona Lisa des Städel Museums in Frankfurt am Main ist. In einer sensationellen Altmeisterschau umringt Hausherr Max Hollein seinen wertvollen Eigenbesitz nun mit 80 Leihgaben aus dem Oeuvre des Renaissancegenies sowie seines Umfeldes. Die Vorfeiern von Botticellis 500. Todestag 2010 beginnen also nicht am Arno oder am Tiber, sondern am Main. Kaum zu glauben, dass die Uffizien neben einem kostbaren Tafelbild wie »Minerva und Kentaur« auch ihr großes Verkündigungsfresko in die Hessenmetropole entsandten!

Weibliches Idealbild (Bildnis der Simonetta Vespucci als Nymphe)«, seit 1849 im Besitz des Städel Museums
Weibliches Idealbild (Bildnis der Simonetta Vespucci als Nymphe)«, seit 1849 im Besitz des Städel Museums

Den Geist der Renaissance als wiedererweckte Antike hat der Künstler insbesondere mit der majestätischen »Geburt der Venus« auf den Punkt gebracht. Diese Tafel hat dann selbst das Städel nicht bekommen: Trotzdem ist in dieser Schau – die erste größere zu Botticelli überhaupt in Deutschland – die ganze Rätselanmut seiner Göttinnen und Madonnen, die leichte Eleganz seiner Gewänder und die bestechende Gegenwart seiner Porträts zu bestaunen.

Wie von fast allen Hauptwerken des Künstlers führen auch von dem mutmaßlichen Vespucci-Porträt geheime Bande zur einflussreichen Finanzfamilie der Medici. Botticelli wird gewusst haben, dass der Clan-Spross Giuliano ein Auge auf die hübsche Ehefrau seines Bekannten Marco Vespucci geworfen hatte. Auch sie schwärmte einer poetischen Quelle zufolge für Giuliano. Zu Lebzeiten aber fanden die beiden wohl niemals zusammen, beide starben früh. Er fiel einer Verschwörung zum Opfer, sie der Schwindsucht. Aber jetzt trifft sich das verhinderte Paar wieder, im Eingangsraum zur Ausstellung. Bella Simonetta gegenüber hängt das Porträt ihres Verehrers. Man könnte meinen, der rot gewandete und tiefschwarz gelockte Jüngling auf dem Bildnis der Washingtoner National Gallery traue sich kaum, Simonettas Nymphengrazie ins Antlitz zu schauen. Doch dass Giuliano die Augen geschlossen hält, hängt eher damit zusammen, dass Botticelli das Porträt erst nach dem Tode des Dargestellten schuf. Auch die nach hinten geöffnete Türe weist symbolisch darauf hin: der smarte Bankierssohn hat bereits die Himmelspforte durchquert. Vorne im Bild beklagt ein einsames Turteltäubchen das auf Erden verpasste Liebesglück.

Die Bilderparade verteilt sich auf zwei Etagen. Den weltlichen Themen Porträt und Mythologie folgen im oberen Geschoss die religiösen Gemälde. Darunter die melancholisch-andächtige »Madonna mit Kind und Johannesknaben« aus dem Palazzo Pitti oder die so genannte »Madonna Wemyss« (heute Edinburgh), die mit der leuchtenden Farbenpracht ihres blauen Mantels ins Auge springt.

Anders als seine homosexuellen Landsleute Leonardo und Michelangelo war Botticelli in erster Linie ein Maler der Frauen. Liebreizend und zugleich unnahbar zeigt er sie uns, ebenso zierlich wie zerstörerisch. Wer verbirgt sich etwa hinter Judith, die Holofernes enthauptete? Das eiskalte Biest oder die keusche Tugendheldin?

Nicht ganz schlau wird man auch aus Minerva. Die einen verstehen den beherzten Griff der Weisheitsgöttin in die Zentaurenmähne als allegorischen Sieg der Tugend über die virilen Triebe des Mensch-Pferd-Mischlings. Andere wiederum erkennen in den dreipassförmigen Diamantringen auf Minervas Gewand das umgemodelte Medici-Wappen. Die Zähmung des Zentauren wiese demnach auf die friedensstiftende Macht des florentinischen Hauses hin. Mitglieder der Medici orderten das Bild ja auch, um es sich im Palazzo neben die »Primavera« zu hängen, die leider (wie die »Venus«) in den Italien geblieben ist. Aber an die mystische Frühlingsfeier der »Primavera« schließt auf versteckte Weise auch die zart-dominante Minerva an. Immergrüne Zweige überranken ihr Kleid, bekränzen ihr Haupt. Schlummert doch im Namen von Florenz Flora: die blütenreine Pflanzengöttin. Weshalb für Botticelli ganz Florenz ein Garten des ewigen Frühlings war. Und mit dieser wunderbaren Ausstellung ist ein Stück des Frühlings doch noch nach Frankfurt gekommen. Mitten im November.

Bis 28. Februar 2010. Schaumainkai 63, Frankfurt am Main. Di-So 10-18, Mi, Do bis 21 Uhr. Katalog.

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