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Die Maschine diktiert

Gioacchino Rossinis »Il Turco in Italia« an der Oper Leipzig

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 4 Min.

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Selim (Giovanni Furlanetto), Türke auf Europatournee
Selim (Giovanni Furlanetto), Türke auf Europatournee

Sie ist etwas raumgreifend, auch der Antrieb entspricht nicht mehr ganz dem Stand der Technik. Aber jeder Autor und jede Zeitungsredaktion würde sich dennoch glücklich schätzen, sie zu besitzen: die Textmaschine. Leider ist sie bis jetzt ein Unikat und nur in der Oper Leipzig im Einsatz; sechs Meter hoch, sieben Meter breit, 5500 Kilogramm schwer und mit zwei hölzernen Textrollen bestückt, auf die 2860 Meter Tuch gewickelt sind. Angetrieben wird sie durch Personal, das es in diesen Zeiten nur noch an der Oper gibt, durch vier kräftige Komparsen. Ertüftelt wurde das mechanische Monstrum mit seinen Kurbeln, hölzernen Rollen und Lederriemen, seinen Balken, Treppen und Durchgängen von Prosdocimo. Als Opern-Dichter in Textnot brauchte er sie dringend als »Librettomaschine«. Prosdocimo soll eine Oper schreiben und es fehlt ihm entsetzlich an Inspiration. Doch dann wird die Mechanik ins Rollen gebracht, und schon braucht er nur noch zu gucken, was passiert. Den fertigen Text liefert ihm die phänomenale Übertitelungsanlage à la 1814 mit ihren 4287 von Hand aufgemalten Wörtern.

Michiel Dijkema, der Bühnenbildner und Regisseur der neuesten Leipziger Rossini-Inszenierung, nutzt seine Maschine auf der Drehbühne als raumbeherrschendes Requisit und allseits bespielbaren Kletterfelsen. Auf ihm toben und singen die grotesken Figuren der Commedia dell'arte, bestückt mit monströsen Schaumgummibrüsten, -penissen, -bäuchen und muskulösen Hinterteilen, ganz so wie Callot sie gezeichnet hat. Die Choristen stecken ihre Köpfe durch Schlitze in den Stoffbahnen, die Solisten treten – als beliebig entstehende und vergehende Imaginationen des Dichters – ebenfalls durch diese Stoffbahnen auf und ab. Ihre Bühnengeburt für den »Türken in Italien« haben sie aber erst einmal äußerst unsanft erlebt. In Säcken plumpsten sie vom Bühnenhimmel hernieder: das typische Komödien-Ehepaar Fiorilla und Geronio (sie jung und ein wenig leichtlebig, er deutlich älter und offenbar halbblind), der Hausfreund Narciso (in Fiorilla säuselnd verliebter sehr tenoraler Tenor), schließlich Selim, der Türke auf Europatournee (deutlich gekennzeichnet durch einen goldenen Turban von mindestens einem Meter Durchmesser, die ständig bei sich geführte übermannshohe Wasserpfeife sowie eine Teppichrolle) und schließlich die ehemalige Haremsdame Zaida (als Zigeunerin verkleidet und auf der Suche nach ihrem Lieblingschauvi Selim) nebst anbetendem Begleiter Albazar. Der Dichter ist ja schon da.

Was Michiel Dijkema mit diesem sich selbst wunderbar leicht und geistreich parodierenden Personal anfängt, ist unerzählbar, weil der Witz, der in jeder Bewegung, in jeder feinen Replik, in jedem gesungenen oder gespielten Kalauer steckt, dadurch nicht besser wird. Da klemmt der Türkensäbel, da wird das Bratenmesser gewetzt und Jochanaans Kopf jammert über die ungetreue Ehefrau. Der Liebhaber läuft als Blumentopf getarnt über die Bühne und die Hauptdarstellerin gefällt sich in jeder Szene in einem andersfarbigen Kleidchen. Die Zigeunerin astrologiert den gröbsten Unsinn und der verwirrteste aller Türken tapst wie Obelix durch einen Maskenball, bei dem alle das gleiche Kostüm tragen. Das alles hat die inszenierte Präzision eines Uhrwerks und die Leichtigkeit von Sektperlen.

Die Handlung ist so formal, dass sie auch eine Parodie ihrer selbst zu sein scheint. Junge Ehefrau betrügt alten Ehemann mit Hausfreund und den wiederum mit neuem Liebhaber (Türke). Dem Türken auf den Fersen ist die verlassene Kaukasierin, mit der sich der Türke letztendlich wieder versöhnt.

Bis dahin entspringt alles dem Kopf des Dichters und wenn ihm zwischendurch nichts einfallen wollte, gab es die Textrollen und wenn die nichts halfen, bliesen ihm vier exzellente Musiker, zwei Klarinetten, eine Oboe und ein Horn, von der Maschine herab den Marsch. Irgendwann aber beginnt etwas, aus dem Ruder zu laufen. Die Figuren entwickeln wahre Gefühle, erst ist es Liebe, dann Fiorillas Verzweiflung … Am Ende ist dann aber wirklich alles gut.

Schließlich handelt es sich um eine Komödie, in der auch die unvermeidliche Glatze, die wie aufs Stichwort durchs Spiel trampelt, wenn von vermaledeiten Türken die Rede ist, nichts zu suchen hat. Zuschauer sprangen auf und debattierten lautstark – kleiner Gruß des jungen Dijkema an den Leipziger Regie-Übervater Konwitschny.

Dass das alles im koloraturblitzendsten Rossini-Staccato-Parlando-Belcanto gesungen wurde, machte das ganze Spiel tatsächlich ungetrübt amüsant. Viktorija Kaminskaite zwitschert als Fiorolla glockenhell durch ihre Rolle, Timothy Fallon singt seinen Liebhaber so zart und leicht, dass er sich sogar erlauben kann, absichtlich zu kicksen, Paolo Rumetz als Ehemann Geronio, der »Türke« Giovanni Furlanetto und Giulio Mastrototaro als Dichter bringen samtige, sehnige, leuchtende tiefe Töne ein und Dan Karlström als Nebenperson Albazar hat leider, leider nur eine einzige Tenor-Arie. Bo Price am Hammerklavier spielt auf der Bühne die unterhaltsamste Langeweile, wenn sie nicht dran ist.

Das Gewandhausorchester unter Andreas Schüller produziert einen runden und munteren Rossini-Klang. Ein bisschen zu harmlos wohllautend vielleicht, ein bisschen pointierter darf es noch werden, ungefähr so wie der gut aufgelegte Chor schon klingt.

Nächste Vorstellung: 21.11.

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