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Verpflichtendes Erbe

Horst Haase: Anmerkungen zur Literatur und Literaturgeschichte

  • Von Christel Berger
  • Lesedauer: 4 Min.

Vor 1990 hat Horst Haase vornehmlich – wie es hieß – »Autorenkollektive« geleitet, um mit ihnen dicke Bücher – »Standardwerke« – zur Literatur, Literaturgeschichte und zum »kulturellen Erbe« zu schreiben. Bestimmt hat es ihm nicht immer Spaß gemacht, die Literatur- und Kulturwissenschaftler unter einen Hut zu bringen und sie zu disziplinieren. Als die »Leit«-Institutionen geschlossen wurden, war der knapp über Sechzigjährige arbeitslos, was für jemanden, der gern liest und schreibt, leichter zu verkraften ist als für andere. Haase schrieb weiter, nun kürzer und nur in seinem Namen – Artikel, meist für das Feuilleton des »Neuen Deutschland« – unter anderem über Georg Friedrich Lichtenberg und Erich Weinert, Gertrud Kolmar und Friedrich Hölderlin, Heinrich Mann und Heinrich Böll, Volker Braun und Edgar Hilsenrath. Erinnern Sie sich noch? Es sind dies ausführliche, gleichsam um Information und Bildung des Lesers bemühte Darstellungen, die den Literaturwissenschaftler nicht verleugnen, der sich von seinen Protagonisten den sorgsamen Umgang mit dem treffenden Wort abgeguckt hatte.

Damals, in den 90er Jahren, habe ich sie wohl alle gelesen und glaubte nun, nicht ganz so gründlich mit den gesammelten Aufsätzen umgehen zu müssen. Weit gefehlt: Ich las mich fest und bin froh darüber. Denn hier erschließt sich mir ein Literaturkonzept, das erst nach dem Lesen mehrerer Texte zutage tritt und besticht. Horst Haase ist nicht nur Johannes-R.- Becher- und Lyrik-Spezialist, er ist ein Literaturhistoriker, der die verschiedenen Strömungen in der Literatur gleichberechtigt anerkennt und deren historische Begründung und Einbettung plausibel macht.

Ob es der Zeit seines Jahrhundertlebens umstrittene Ernst Jünger war oder der fast vergessene Theo Harych – Horst Haase widmet sich jedem von ihnen sachkundig und sachlich, ist immer genau, wenn es um ihr Leben und Werk geht und versteht es, das ganz Eigene des Einzelnen herauszuarbeiten, natürlich eingebettet in deren Zeit. Da das Buch »Nachgefragt« heißt, schließt dies das Nachfragen nach der Gültigkeit früherer Meinungen ein. Beispiel: Ernst Jünger. Nun will der Autor dem früher meist einseitig dargestellten Dichter größere Gerechtigkeit zukommen lassen, ohne zu verschweigen, dass sehr verschiedene Interpretationen möglich und auch zulässig sind. Hier geht es nicht um Vorlieben und Favoriten, hier gibt ein Literaturkenner und Historiker Anleitung, was man bei der Beschäftigung mit Literatur und deren Schreibern wissen sollte. So erweiterte er das Spektrum, das in der DDR sozialisierte Leser gemeinhin hatte.

Andererseits – das war und ist ein Gebot der Zeit – ist er nicht bereit, dem Zeitgeist zu folgen und das Erbe der sozialistischen Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts geringzuschätzen. Georg Weerth, Louis Fürnberg, Erich Weinert, Willi Bredel, Georg Maurer, Kuba, Peter Weiss, Erich Köhler und Erik Neutsch und andere gehören für ihn zum festen Bestand der Literatur, und mit seinen Artikeln kämpft er darum, sie nicht in Verruf oder Vergessenheit geraten zu lassen, indem er ihre Leistungen genau benennt.

Er jubelt nicht, wie ich es manchmal machte, wenn mir bei der Lektüre eines Buches oder beim Erinnern an persönliche Sternstunden mit Büchern das Herz überging, – dazu ist er zu sehr Wissenschaftler und zu diszipliniert. Aber er sagt klar, was seine Ansprüche an Literatur sind: Nicht nur die Sprache («wie gestanzt«) oder das Handwerk. Auch: nicht außerhalb der Zeit gestanden zu haben, wie er es bei Stephan Hermlin beschreibt. Oder: das Schicksal der kleinen Leute im Auge gehabt zu haben, wie Heinrich Böll. Das sind für ihn Potenzen, von denen der Literaturwissenschaftler auch unter veränderten Verhältnissen nicht lassen kann. So wird so mancher Text zur Polemik gegen vorherrschende Meinungsmacher. »Gelaber« ist ihm sowieso suspekt.

Besonders deutlich wird das in zwei scheinbar privaten Briefen an den früheren Studienfreund Hermann Kant und an den Kollegen Werner Mittenzwei. Beiden schreibt er sehr ausführlich seine Gedanken zu einem ihrer Bücher, und auch als Freund und Briefschreiber bleibt er der peinlich genaue Leser mit anregenden Gedanken. Ebenfalls beigefügt sind dem Band Vorträge von Symposien und Beiträge aus Sammelbänden. Da wird eine erste Übersicht auf DDR-Literatur und -Kultur versucht – wieder fernab vom Main-stream, aber genauso weit entfernt von ostalgischer Beweihräucherung. Seinem »Helden« seit Jahrzehnten, Johannes R. Becher, gilt ein besonders lesenswertes Nachdenken über dessen Verhalten 1956. Becher – ein Opportunist? Feigling? Oder vielleicht doch ein um die Macht besorgter Mann, der tiefer und weiter blickte als andere?

Seit einigen Jahren finden wir ND-Leser seltener Texte von ihm. Er hat den Stab an jüngere Kollegen übergeben. Seinem »Erbe« gerecht zu werden, ist eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe!

Horst Haase: Nachgefragt. Anmerkungen zur Literatur und Literaturgeschichte. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. 291 S., brosch., 14,50 €.

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