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Aus der Wagalaweia-Show ins Nichts

Barrie Kosky startete in Hannover mit dem »Rheingold« sein »Ring«-Projekt

Alberich (Stefan Adam), Woglinde (Nicole Chevalier)
Alberich (Stefan Adam), Woglinde (Nicole Chevalier)

Der Rhein als perfekte Revuegirl-Nummer mit dem Rheingold als nackter Schönheit mittendrin, die von einem Alberich in Show-Neger-Aufmachung entführt wird. Ein lässiger Wotan nur in Badehose beim Familienurlaub. Die prolligen Nibelungen Alberich und Mime mit den Insignien der Juden auf dem Kopf und an den Schläfen. Der ringelnde Riesenwurm als eine Männertruppe, die das Wort vom Riesenwurm mit einem sexuellen Kalauer als Gruppenmasturbation umsetzt. Der warnende Auftritt der Urmutter Erda als splitterfasernackte Greisin, die Wotan tröstend in den Arm nimmt und dann wieder hinauswankt, während die Stimme, mit der raunenden Ankündigung des Endes aus dem Off ertönt. Und die Götterburg lediglich im Tortenformat zum Anschneiden. Diese ganze wilde und schrille Mischung aus übermütigem Dreinfahren in die vermuteten Erwartungen des Publikums und einem Spiel mit vermeintlichen Tabuverletzungen, das klingt nach dem, was es ist: ein »Ring«-Vor- abend à la Barrie Kosky.

Dieser Regisseur ist nicht zum ersten Mal auf dem Wagner-Trip. Diesmal allerdings ist es einer der besonderen Art. Denn als ob der »Ring des Nibelungen« nicht als klassisches Verhebe- (oder Büh- nenwunder)-Unternehmen reichen würde, hat Kosky 2011 die »Götterdämmerung« sogar gleich zwei Mal auf dem Plan. Einmal in Essen, als Abschluss des schon bis zum »Siegfried« fertigen »Rings« von vier verschiedenen Regisseuren. Und eben auch in Hannover als Schlussstein der dort von ihm allein verantworteten Tetralogie.

Nach der Rhein-Showkulisse des Auftakts hat Klaus Grünberg diese Götter-Sippschaft auf ein Felsenriff zwischen dunkle Glaswände verfrachtet. Von da aus gibt es bei Barrie Kosky weder einen Weg nach Nibelheim, noch eine Regenbogen-Brücke zur fertigen Götterburg. Es ist überhaupt ziemlich eng hier. In Nibelheim immerhin ist etwas mehr Platz. Da müssen auch alle möglichen Apparate, Rohre, Nähmaschinen und ein Safe untergebracht werden. Produziert wird aber doch nur Modeschmuck.

Den Witz der Anfangsszene erreicht der Abend bis zum Ende nicht wieder. Dass die beiden Riesen wie siamesische Zwillinge aufkreuzen und sich am Ende selbst auseinanderreißen, damit einer tot liegen bleiben kann, während der andere mit dem ganzen Glitzerplunder in Pappkartons abzieht, ist auch nicht so originell, wie es auf den ersten Blick aussieht. Für sich genommen mag es ja angehen, wenn man mit einer Show beginnt, um dann am Ende die Götter im Nichts verschwinden zu lassen. Als Einleitung für einen ganzen »Ring« werden dabei aber nicht mal jene weiterführenden Fragen gestellt, die neugierig auf die Fortsetzung machen.

Das eigentliche Ärgernis des Abends aber war seine musikalische Seite. Dass sich der Wotan (Tobias Schabel) wegen eines Infektes von der Seite aus die Stimme vom Weimarer Wotan Renatus Mészár borgen musste, war dabei nicht das Problem. Eher schon die Eigenwilligkeiten der Sänger, bei denen der Regisseur offenbar der schnaufenden, hörbaren Aktion stets den Vorrang vor der klar artikulierten Eloquenz einräumte. Was beim Loge Robert Künzli, oder den Riesen immer noch zu originell gesungenen Rollenporträts führte, drängte vor allem den Alberich von Stefan Adam zu oft aus den Bereichen des Noch-Gesungenen.

Beim Ensemble mag sich da noch etliches einspielen und verbessern. Beim Orchester freilich müsste es das. Denn was Wolfgang Bozic und das Niedersächsische Staatsorchester an Patzern, diffuser Willkür, eruptiven Ausbrüchen und Abwesenheit einer erkennbaren musikalischen Leitidee am Premierenabend boten, grenzte mitunter fast schon an eine eigene Fassung. Am Ende räumte das (u.a. an Calixto Bieito geschulte) Hannoveraner Publikum dem Regieteam einen Vorschuss für das kühne Groß-Unternehmen ein. Mit seinem GMD und dem Orchester ging es hörbar kritischer um.

Nächste Vorstellung: 19.11.

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