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Parzelle der Belanglosigkeiten

Meg Stuarts »Do Animals Cry« an der Berliner Volksbühne

Familienabend (vorn: Anja Müller)
Familienabend (vorn: Anja Müller)

Meg Stuart ist eine Spezialistin der verlangsamten und in den Raum gehauchten Bewegung. Dies beweist die Hauschoreografin der Volksbühne auch mit ihrer neuesten Produktion »Do Animals Cry«. Auf einer Bühne, die wegen der dort platzierten rosafarbenen Hundehütte und der aus Ruten geflochtenen Röhre an einen der Kleingärten erinnert, die Berlin-typisch sind, genauso aber auch eine Reminiszenz an die Vorstadtwelt der US-amerikanischen Heimat der Künstlerin sein kann, lässt sie ihre Tänzer alltägliche Bewegungen und Begegnungen sezieren. Sie trennen sie mit dem choreografischen Skalpell aus dem profanen Kontext heraus, drehen und wenden sie so lange, bis sie einen 360-Grad-Blick auf das Zusammentreffen zweier oder dreier Menschen erlauben. Dann lösen sie die Situation elegant auf und gleiten gelassen hinüber zur nächsten Konstellation.

Die vorzüglichen Tänzer (Joris Camelin, Alexander Jenkins, Adam Linder, Anja Müller, Kotomi Nishiwaki und Frank Willens) können dabei ihre formidable Körperbeherrschung unter Beweis stellen. Sie vermögen jede Bewegung zu verzögern, anzuhalten, in die Luft zu stellen, um sie zu einem vorgegebenen Zeitpunkt weiterzuführen oder in eine völlig neue Richtung umzulenken. Anja Müller, die Zentralgestalt dieser Arbeit, setzt dynamische Akzente, die wenigen des Abends.

Denn so wunderbar die Tänzer, die Mittel sind falsch eingesetzt. Meg Stuart möchte einen Familienabend kreieren. Sie zeigt während der zweistündigen Aufführung auch einen Bilderbogen, der durchaus damit in Verbindung zu bringen ist. Menschen stehen in Pyjamas herum, albern miteinander, sie erwarten Besuch und tatschen diesen nach dem Eintreffen ekstatisch ab. Zuweilen kommt ein Nachbar herbei. Hinreißend ist, wie Anja Müller zu diesem begehrten Objekt hinschmilzt und an ihm geradezu zerfließt.

Doch bis auf Applaus für eine komische Szene äußert das Publikum seine Haltung zum Gesehenen mit Türen-Klipp-Klapp. In einem Rhythmus, der durchaus dem der minimalistischen Soundcollage von Hahn Rowe entspricht, erheben sie sich von den weißen Seesäcken, die nach der Renovierung des Hauses den von Sitzen befreiten Zuschauerraum der Volksbühne bedecken, und streben den Ausgängen zu. Klipp-Klapp machen die Türen, und immer wieder fallen Lichtschauer vom Gang in den Innenraum herein. Dieses monotone Schauspiel am Rande kann – leider – durchaus mit dem Bühnengeschehen konkurrieren.

Meg Stuarts Vorliebe für die Zerdehnung des Augenblicks fällt ihr bei dieser Produktion in den Rücken. Denn sie stößt beim Thema Familie meist nur auf Situationen, die von erschütternder Banalität sind. Sie führt ein Personal vor, das aus beliebigen Vorabendserien herauskopiert scheint. Sie verdichtet das Material nicht einmal. Im Gegenteil, sie verdünnt das Banale noch. Daher entwickelt sich auf der Bühne ein Spektakel der Infantilität und Belanglosigkeit. Man fühlte sich an die zur Schau gestellte Regression erinnert, die in Form von Spielshows und »Big Brother« das Fernsehen erobert hat. »Do Ani-mals Cry« ist ein sauber getanzter Abklatsch davon.

Die seit sechs Jahren an der Volksbühne arbeitende Choreografin, die immer noch wie ein unterkühlt-eleganter Fremdkörper im genialisch-groben Ambiente wirkt, hat mit dieser Produktion ihre Antipodenstellung einmal mehr unterstrichen. Mangelt es auf Seiten des Schauspiels zuweilen am Formwillen, putzt und poliert Stuart mit einer bestechenden Gründlichkeit an der Oberfläche. Ohne indes eine Substanz zu finden, die der Qualität ihrer Instrumente angemessen ist. Die in Brüssel und Berlin tätige Choreografin ist eine europäische Spitzenkraft. Das beweisen die formalen Elemente dieses Abends. In der Diskursanstalt Volksbühne fällt die im zeitgenössischen Tanz verbreitete inhaltliche Blutleere dieser Produktion, die andernorts durchaus positiv aufgenommen wurde, allerdings unangenehm auf. Schade, dass der anfangs intendierte wechselseitige Inspirations- und Lernprozess zwischen Meg Stuarts Formwillen auf der einen und Frank Castorfs Thesenproduktion auf der anderen Seite bislang so fruchtlos geblieben ist.

Nächste Aufführungen: 21., 26.11.

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