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Bibbern schon vor dem Winter

Frankreich: Ausrichtung auf Atomstrom führt zu Versorgungslücken

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die französische Politik hat den Ausbau der erneuerbaren Energien sowie Energiesparmaßnahmen über viele Jahre vernachlässigt. Die einseitige Ausrichtung auf Atomstrom und den EDF-Konzern rächt sich nun.

Beim Gedanken an den nächsten Winter bekommen die für Frankreichs Stromversorgung Verantwortlichen kalte Füße. Bringt dieser anhaltend starken Frost, dürften die Kapazitäten nicht ausreichen. Während Frankreich über viele Jahre ein Nettoexporteur von Strom war und dadurch seine Handelsbilanz aufbessern konnte, kehrt sich die Lage um. Künftig muss immer häufiger und in immer größerem Umfang Strom aus den Nachbarländern importiert werden. Bislang war so etwas immer nur stundenweise bei Bedarfsspitzen der Fall.

RTE (Réseau de Transport d’Electricité), die für das landesweite Leitungsnetz verantwortliche Tochter des teilprivatisierten staatlichen Energiekonzerns Electricité de France (EDF), hat hochgerechnet, dass zwischen November 2009 und Ende Januar 2010 wahrscheinlich über Wochen 4000 Megawatt mehr benötigt werden als aus eigener Produktion zur Verfügung stehen. Das entspricht der Leistung von vier Atomkraftwerken. Davon hat EDF heute 58, wovon jedoch zur Zeit 15 wegen Wartungs- und Reparaturarbeiten oder zur Untersuchung von Störfällen abgeschaltet sind. Früher waren es gewöhnlich nicht mehr als vier oder fünf, doch in den letzten Jahren häufen sich die sicherheitsrelevanten Zwischenfälle, die ein Abschalten des betroffenen Reaktors erfordern. Dadurch entsteht eine Versorgungslücke, die man früher nicht für möglich gehalten hätte.

Einen Vorgeschmack auf die kritische Situation, die sich im kommenden Winter auftun kann, bot der 19. Oktober, als 7770 Megawatt importiert werden mussten. Das ist sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit und macht den Ernst der Lage deutlich. Kurzzeitig kann der Mehrbedarf sogar auf bis zu 9000 Megawatt hochschnellen, etwa wenn die Temperatur um 7 bis 8 Grad Celsius unter den für die Jahreszeit typischen Mittelwert sinkt, meinen die Experten von RTE. Größere Importmengen ließen die Leitungen nicht zu. Sollte sich die Lage weiter zuspitzen, schließt man deshalb nicht aus, dass man zu »außergewöhnlichen Maßnahmen« greifen muss – etwa zeitweilige Stromsperren für ganze Regionen, damit nicht das nationale Netz dominoartig zusammenbricht.

Mit verantwortlich für die aktuellen Probleme bei der Stromversorgung sind der seit Jahren wachsende Verbrauch und die unzureichende Bereitschaft zum Energiesparen. Dass vor 30 Jahren nur zwei Prozent der Wohnungen elektrisch beheizt wurden und heute mehr als 30 Prozent, geht nicht zuletzt auf die massive EDF-Werbung und den vom Staat garantierten preisgünstigen »Heizstrom« zurück. Erst seit dem »Umweltgipfel« vom Oktober 2007 gibt es eine breite Propagierung des Energiesparens und Steueranreize für das nachträgliche Isolieren der Wohngebäude. Doch es wird Jahre dauern, bis sich das in der Energieverbrauchsbilanz niederschlägt.

Das akute Problem der mangelhaften Versorgungssicherheit facht indes die Diskussion um die Zukunft der Kernenergie an. Heute werden 80 Prozent der Elektroenergie durch Atomkraftwerke erzeugt, die zum Teil überaltert und dadurch störanfällig sind. Der Neubau einer größeren Anzahl von Reaktoren ist für EDF nicht bezahlbar, zum anderen gibt es Sicherheitsbedenken seitens der Atomaufsicht. Kritiker der einseitigen Ausrichtung fordern einen »Versorgungsmix« mit einem wesentlichen Anteil erneuerbarer Energien aus Windkraft- und Solaranlagen sowie Erdwärmepumpen. Auch mit modernen, umweltverträglichen Gaskraftwerken, die sich schnell anwerfen lassen, könnte Frankreich flexibler auf Bedarfsspitzen reagieren.

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