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Nächtigen im Internetcafé

In Japan nimmt die Armut immer schlimmere Ausmaße an / Viele Alte ziehen das Gefängnis vor

  • Von Susanne Steffen, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.
Immer mehr Japaner verarmen. Doch in der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt ist kein Platz für Arme. Es gilt als Schmach, Sozialhilfe zu beantragen. Viele Arme stehlen sich lieber, was sie für das Leben brauchen.

Wie jeden Tag geht Toshio S.* zum Einkaufen in den kleinen Convenience-Stores direkt neben seiner Wohnung. Der 42-jährige Arbeitslose legt ein paar gefüllte Reisbällchen mit Nori-Algen und eine Dose Bier in seinen Einkaufskorb. Dann zieht er plötzlich ein Küchenmesser aus der Jackentasche, bedroht den Verkäufer und verschwindet – ohne einen Yen zu stehlen, er nimmt nur die Lebensmittel aus dem Einkaufskorb mit. Wert: 2600 Yen (ca. 19 Euro). »Ich hatte Hunger«, rechtfertigt er sich später vor der Polizei. Nachdem er im vergangenen Jahr seinen Job verloren hatte, sei ihm nun das Geld ausgegangen, gibt er bei seiner Festnahme an.

Kein Einzelfall. Als der 37-jährige Akio H.* seinen Job als Leiharbeiter verlor und auch nach monatelangem Suchen nichts Neues fand, wusste auch er sich nicht mehr anders zu helfen, als einen kleinen Laden zu überfallen. In seinem Prozess gab er zu Protokoll, er habe das gestohlene Geld ausschließlich für Miete und Stromrechnungen gebraucht.

Überfälle auf Supermärkte und kleine Läden häufen sich in Japan. Allein in der Zehn-Millionen-Metropole Tokio wurden in diesem Jahr bis September bereits doppelt so viele Supermarkt-Überfälle gemeldet wie im Vorjahr. Gut 60 Prozent der Täter waren nach Ansicht der Tokioter Polizeibehörde nicht auf Geld, sondern auf Lebensmittel aus.

»Angesichts der momentanen Rekordarbeitslosigkeit werden immer mehr Menschen kriminell, um an Geld für ihr tägliches Leben zu kommen«, meint auch Nobuo Komiya, Professor für Kriminalsoziologie an der Rissho-Universität. Im Sommer erreichte die Arbeitslosigkeit mit 5,7 Prozent im Juli und 5,5 Prozent im August ein Allzeithoch. Vor allem Leih- und Vertragsarbeiter trifft die gegenwärtige Wirtschaftskrise hart. Oft verlieren sie nicht nur ihren Job, sondern auch ihre Wohnung, da ihre Arbeitgeber sie in firmeneigenen Wohnheimen unterbringen. Viele dieser meist jungen Obdachlosen werden zu sogenannten Internetcafé-Flüchtlingen, die ihre Nächte in preiswerten, rund um die Uhr geöffneten sowie oft mit Liegesitzen und Duschen ausgestatteten Internetcafes verbringen. Dabei suchen sie im Internet gleich noch nach neuen Gelegenheitsjobs.

Jahrelang war Armut kein Thema in der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt. Seit dem Wirtschaftswunder der 1960er Jahre fühlten sich mehr als drei Viertel der Japaner der – ausreichend gut verdienenden – Mittelschicht zugehörig. Nach wie vor floriert das Geschäft mit Luxusartikeln nirgendwo so gut wie im Land der aufgehenden Sonne. Immer wieder staunen westliche Beobachter über die langen Schlangen vor neu eröffneten Edel-Boutiquen. Das Gucci-Täschchen gehört auch heute noch zur Standard-Ausrüstung der meisten Sekretärinnen. Doch inzwischen hat sich eine neue Unterschicht herausgebildet, die nicht mehr zu übersehen ist. Laut neuesten Statistiken leben 15,5 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Damit steht Japan an vierter Stelle der OECD-Staaten, hinter Mexiko, der Türkei und den USA.

In einem Land, in dem ein Antrag auf Sozialhilfe als Schmach gilt, erscheint manchen sogar ein Gefängnisaufenthalt als geringeres Übel. Anfang Oktober erklärte ein Ladendieb der Polizei, er habe seine Festnahme einkalkuliert, in der Hoffnung auf ein Bad und feste Mahlzeiten im Gefängnis. Beamte des Justizministeriums beobachten in letzter Zeit einen bemerkenswerten Trend: Immer mehr meist über 65-jährige Straftäter werden nach ihrer Entlassung rückfällig und landen erneut hinter Gittern. Meistens wegen geringfügiger Vergehen wie Ladendiebstahl. Oft haben die Täter keine Familie und können sich nicht mehr selbst versorgen. Dem Wachpersonal erklären sie bereitwillig ihre Motive: Für sie sei die Gefängniszelle nicht viel anders als ein Platz im Altenheim, den sie sich nicht leisten können – etwas strenger vielleicht, aber dafür kostenlos.

Allein in den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Straftäter über 65 mehr als verfünffacht. Heute sitzen sechs Mal mehr alte Menschen im Gefängnis als noch vor 20 Jahren. Um die betagten und oft kränkelnden Insassen gebührend zu versorgen, werden ganze Gefängnistrakte altengerecht umgebaut. Flure werden mit Haltestangen versehen, in den Gefängnisküchen wird salzarm gekocht und in unterschiedlicher Bissfestigkeit.

*Namen geändert

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